Charakter-Special: Wünsche

Charakter-Special: Wünsche #2

4. April 2019
Charakter-Special: Wünsche #2

Charakter-Special: Wünsche #2

 

Jemand, der in die Ferne blickt, empfängt dort etwas. Eine Hoffnung oder eine Sehnsucht. Ein zartes Gefühl von Erwartung. Vielleicht ist es möglich.

Märchen um Märchen lässt seine Helden am Wünschen scheitern. Der eine wünscht ganz unverhofft, der andere mit Kalkül. Aber gut zu wünschen ist gar nicht so einfach.

Das Basic Szenario ist Folgendes: ein Fremder, ein Alter, eine Hexe, ein Fabelwesen, ein Geist aus der Flasche, erklärt mit verschmitzten Flair: du hast drei Wünsche frei. Geh gut mit ihnen um.

 

Drei Wünsche frei.

Wünscht man sich etwas Dummes, ist man ein Blödmann. Wünscht man sich etwas Schlaues, ist man wahrscheinlich trotzdem ein Blödmann. Die einzigen Wünscher, die im Märchen gut wegkommen, sind die, die sich etwas Praktisches wünschen. Ein neuer Stabmixer. Juchee. Eine Zeitschaltuhr. Jippie. Ein neues Kopfkissen. Aramsamsam.

Aber ein Wunsch, das ist selten etwas Praktisches. Wenn man es kaufen, bauen oder klauen kann, muss man es sich nicht wünschen. Nur das, was absolut außer Reichweite liegt, taugt zu einem guten Wunsch. Und das sagt viel darüber aus, wie ein Charakter sich sieht. 

Ein Duft weht hinter Sammi aus der 9b hinterher. Ein Sommerschweif aus Rasenduft und Sonnenstrahlen. Mirko fühlt, wie sich die Härchen auf seinen Oberarmen aufstellen, nur von der zitternden Luft um sie herum. Ein sanfter Schritt von Sammi löst eine Druckwelle aus, stark genug, um sein Herz zum Stillstand zu bringen. Sie einmal von Nahem zu sehen. In ihre türkisblauen Augen zu blicken, ohne mit den Knien auf den Boden zu knallen. Sie lachen zu hören, über einen guten Witz den er gemacht hat. Ha! Das ist ein Wunsch, wie er im Buche steht. Und nur Sammi kann ihm den erfüllen.

Wünsche sind Möglichkeiten.

Wie viel einfacher wäre es, sich ein Ziel zu setzen, etwas, dass greifbar und pragmatisch ist. Aber nein, wir müssen ja Wünschen. Müssen uns in dieses verzauberte Gipfelreich zurückziehen, von dem aus man die ganze Landschaft aus Möglichkeiten überblicken kann. Ach, wie frei man sich fühlt, wenn einem der Wind der Wünsche um die Achseln streift. Die Arme gehoben, völlig getragen von unserer eigenen Vorstellungskraft.

Kinder wünschen mit unbedarfter Leidenschaft. Ich wünsche mir ein Pferd. Astronaut zu werden. Pirat. Giraffe. Bevor die Grenzen des Möglichen selbst gezogen werden, ist Wünschen ein Ausdauersport mit 70 Prozent Sauerstoff in den Lungen. Einen Wunsch in sein Taschentuch zu hauchen und noch einen Moment so stehen zu bleiben, damit die anderen dein Lächeln nicht sehen, das ist die geheime Magie, von denen Wünsche leben können. 

Ein Wunsch ist ein Glücksspiel

Ein Wunsch ist eine sehr persönliche Sache. Wenn ich dich frage, was du dir wünschst, musst du dich mir offenbaren. Musst deine Seele gerade so weit entblößen, dass es peinlich werden kann. Im Kerzenschein des Geburtstagskuchens kneift man heimlich die Augen zu und wünscht sich im Versteck hinter den Lidern einen Wunsch. Der darf nicht ausgesprochen werden, weil er sonst nicht in Erfüllung geht.

Was macht es so riskant, Jemandem davon zu erzählen, was man sich wünscht? Von einem Wunsch kann man sich nie sicher sein, dass man ihn erfüllt bekommt. Allein die Formulierung, einen Wunsch erfüllt zu bekommen, macht schon deutlich, dass wir womöglich nichts mit diesem Vorgang zu tun haben. Wir sind sind die glücklichen Empfänger einer Wunscherfüllung. Wir warten darauf, dass der Wind sich dreht, die Segel bläht und uns uns zu unseren Wünschen hinfährt. Oder auch nicht.

Du bist, was du wünschst.

Wünsche machen kreativ. Sich etwas auszumalen, herbeizusehnen, ja, zu versuchen, etwas magisch anzuziehen, das ist ein Prozess, der Erfindungsreichtum fordert. Und den Mut, sich weit aus dem Fenster zu lehnen. Zumindest gedanklich.

Vielleicht, wenn er einmal mit ihr reden würde, würde er feststellen, dass sie gerne Ping Pong spielt und schon einmal in den landesweiten Meisterschaften den dritten Platz belegt hat. Nächstes  Mal wird es der zweite. Ihre Augen blitzen dann und sie grinst entschlossen. Und vielleicht würde Mirko sagen, mein Onkel Thomas spielt auch Ping Pong, nur das er es Bier Pong nennt. Und während ein Schmetterling im Takt der Flügel durch einen Tautropfen rast, die Erde in Zeitlupe im Weltall kreist, ein Grashalm sich unter Last eines Käfers beugt, rollt das Lachen heran. Klaut ihm den letzten Atem und verschlägt ihm die Sprache. Aber nur kurz. Denn während Sammi lacht, ist ihm etwas klar geworden. Das auch sie heimliche Wünsche hat.

Natürlich könnte es auch sein, dass er an sie herantritt und die Wangen flammen während ihre Stirn sich runzelt. Hey, ich bin Mirko. Und sie über seinen Kopf hinweg, aua, autsch, nach Jemand anderem sieht. Wie bitte? Mirko. Und weiter? Wie weiter, mein Nachname meinst du? Warum denn nicht, wenn wir schon beim Vorstellen sind. Apropos, du stehst im Weg. Vielleicht würde in dem Moment Jemand von hinten kommen und seine Pranke auf Mirkos knochige Schulter legen. He Kleiner, lass mich mal an meine Freundin ran. Der Ochse legt seinen Finger auf Sammis Lippenbogen und flüstert Hey Baby, wie schön dich zu sehen. Und die türkisblauen Augen werden vom Licht geblendet und sie flüstert Gut, jetzt wo du hier bist. Und Mirko muss sich ein ganz kleines bisschen in seinen Mund übergeben.

Alles eine Frage des Glücks. Leichter ist es, weiter zu wünschen. Und von Sammis Lächeln zu träumen, das er vielleicht nie erblicken wird.

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