Story World

STORY WORLD #6 Contemporary: The Ordinary World

13. März 2019
STORY WORLD #6 Contemporary: Ordinary World
STORY WORLD #6 Contemporary: Ordinary World
Was wir über die Ordinary World wissen:

Die Ordinary World ist die Umgebung, in der die Heldin ihre Geschichte startet. Die Welt, die gewohnt, bekannt, und, egal wie unbequem, vertraut ist.

Die Heldin beginnt ihre Geschichte entweder in Freiheit oder in Gefangenschaft. Je nachdem, wohin ihre Reise durch die Story Welten sie führt.

Häufig illustriert die Ordinary World eine Schwäche, die die Heldin zum Beginn der Geschichte hat. Und mit der sie sich in den folgenden Story Welten auseinandersetzen muss.

 

Fantasy & Contemporary

Gerade bei Geschichten, die in der heutigen Zeit spielen, kommt es einem vor, als gäbe es keinen großen Unterschied zwischen den Welten, in denen die Heldin sich bewegt. Die Unterschiede mögen feiner und weniger kontrastreich sein, als beispielsweise in einer Fantasy Geschichte. Aber beim aufmerksamen Lesen sind sie dennoch gut zu erkennen.

In fantastischen Geschichten können Welten so fantasievoll gestaltet werden, wie es die Vorstellungskraft der Autorin zulässt. Solange die innere Logik und Funktion der Story World für die Leserin erkennbar und erlebbar ist, sind die Möglichkeiten unendlich. Wichtig ist nur, dass jede Welt der Heldin Chancen, Hindernisse und Möglichkeiten bietet, an denen sie sich abarbeiten und entwickeln kann. Jeder Ort und jede Figur, die ihn bewohnt, sollte mit der Handlung verbunden sein und einen Aspekt der Entwicklung widerspiegeln.

Bei Contemporary Literature ist es um einiges komplizierter, eine Welt zu errichten, die in sich stimmig ist, da man sich ja mit tatsächlichen Gegebenheiten arrangieren und vertraut machen muss. Gerade eine Story zu erzählen, die an einem Ort spielt, den man noch nie besucht hat, kann da eine Herausforderung sein. All die kleinen Details, die sich eine Fantasy Autorin selbst ausdenken kann, müssen hier sorgfältig recherchiert oder selbst erlebt worden sein. Bei Contemporary Story Worlds muss sich die Autorin mit der Welt bekannt machen, die sie beschreibt. Auf die eine oder andere Weise.

Zeit

Eine wichtige Frage in einer zeitgenössischen Geschichte ist natürlich geklärt. Nämlich wann sie spielt. Als zeitgenössisch würde ich Stories bezeichnen, die bis zu 20 Jahre in die Vergangenheit reichen (die 90er kommen einem mittlerweile doch schon historisch vor).

Entscheidend für die Story Welt und ihre Bewohner ist natürlich nicht die Jahreszahl, sondern das allgemeine Lebensgefühl. Welche politischen Themen bewegen die Welt? Was ist möglich und was nicht? Wie funktioniert das gesellschaftliche System, in dem die Hauptfiguren sich bewegen? Wie weit ist die Technik? Wenn man bedenkt, dass es vor 20 Jahren noch keine Smartphones und vor dreißig Jahren noch keine Laptops gab, dann wird einem schnell klar, wie unterschiedlich die Lebenserfahrung von Jemandem ist, der zu einer Telefonzelle rennt um einen Freund zu erreichen oder einem, der mit zwei Klicks einen Sprengsatz im Internet bestellen kann.

Ort

Hier wird sofort deutlich: Zeit ist relativ. Honulu in den 60ern ist mit Sicherheit anders als Wanne-Eickel in den 60ern. Eine Bohrinsel im Atlantik Ende der 2000er eine völlig andere Umgebung als Paris zur selben Zeit. Die nächste große Frage die sich stellt ist also: wo spielt die Geschichte?

Bevor man in die private Domäne des Helden vordringt, kann es hilfreich sein, zu wissen, in welchem größeren Zusammenhang die Geschichte spielt. Drei Arenen die in zeitgenössischen Geschichten häufig vorkommen, sind Stadt, Land, Dorf.

Stadt

Eine Stadt ist wie ein lebender Organismus. Immer in Bewegung, immer im Wandel. Großstadtdschungel. In dieser menschgemachten Wildnis gibt es Oberschichten und Unterwelten. Straßenzüge, die sich durch die Innenstadt pflügen, weil irgendein Diktator das annudazumal für richtig hielt. Verwinkelte Gässchen, eine Altstadt, die wie ein verfaulter Zahn aus den aufgebrochenen Gehsteigplatten herauswächst, Lichterketten, die über dem alten Marktplatz baumeln, eine Bibliothek in der sich das Wissen stapelt. Garagen mit Waffen, Supermärkte mit veganen Optionen. Ein Park, in dem die Schäkeln quietschen.

Hier kann man Enten füttern, sich verlieben, seinen Traum verwirklichen. Die Hoffnung verlieren und wiederfinden. Freunde zum Flughagen fahren. Seine Familie zum Italiener einladen. Nachts um drei ein Bier kaufen und mit dem Bus bis an den grünen Rand fahren. Tretboot fahren, Parkplätze suchen, an der Straßenecke streiten. Tränenverschmiert bis zunächst Haltestelle laufen. Aus dem Fenster hängen und Passanten anspucken.

Stadt heißt, viele Menschen, die wie unzählige Planeten um eine längsvergessene Sonne kreisen. Städte sind kompliziert. Vor allem für Touristen. Manche sind sauber, andere schmutzig. Manche haben Schlösser, andere Rathäuser. Viele sind in Bezirke eingeteilt, einige wachsen so weit, dass sie mit dem Land verschmilzen. Manche stehen in einer Wüste, andere am Meer. Aber jede Stadt ist eine reichhaltige Story Welt voller Überraschungen.

Land

Auf dem Land sieht man die Vögel kreisen und kann sie, wenn man will auch ungestört vom Feld jagen. Hier zischt der Wind über weite Flächen oder rauscht in den alten Bäumen. Nachts wird es so dunkel, das man die Sterne sehen kann. Das Land ist weit und einsam. Von hier aus kann man das nächste Haus nur schemenhaft erkennen. Vielleicht fährt man mit dem Bus in die Stadt oder strampelt mit dem Fahrrad über Fernradwege.

Hier kann man eine Stunde auf den nächsten Bus warten oder zu Fuß zum nächsten Hof laufen. Wenn auf dem Land ein Fuchs die Straße überquert jauchzt keiner. Hier können die Tiere noch bis zum Gartenzaun kommen und wenn man die Pflanzen wuchern sieht, versteht man, dass auch die Menschen hier draußen anders sind. Ruhiger und beständiger. Die Städter in ihren Lederschuhen stapfen in Kuhfladen, der Landmensch lächelt leise. Hier ist man privat. Praktisch. Eigenständig.

Auf dem Land ist man der Natur näher als woanders und man fühlt sich als ein Teil von ihr. Hier, in der Abgeschiedenheit können eigene Regeln gemacht werden. Das Land kann Exil oder Heimat sein, Abenteuer oder Alltag. Abgeschieden vom Wirbel der Stadt erkennen Helden hier Wahrheiten und können zu größerer Klarheit gelangen.

Dorf

Das Dorf ist keine kleine Stadt. Auch wenn ein Dörfler das behaupten kann. Es gibt hier Hecken, die etwas bedeuten. Zm nächsten Supermarkt ist vielleicht weiter als in der Stadt, aber man kann Sonntags im Garten sitzen den Grillgeruch vom Nachbar riechen. Man kann sich Kissen auf die Fensterbank legen und die anderen grüßen, die zum Kohlmann in die Praxis oder zum Schwefelmeter in die Werkstatt laufen. Man begegnet sich auf schmalen Bürgersteigen, weil hier fast jeder mit dem Auto fährt. Die Rosenbüsche duften so süß, dass man manchmal stehen bleibt und schnuppert. Aber man pflückt keine. Das geht gar nicht.

Katzen beobachten einen, während man einen Zebrastreifen sucht und Frau Weber hat schon vier Generationen von Krauses unterrichtet. Klar, der Willi der war ja früher auch auf dem Schieferplatt. Außenstehende können manchmal nicht verstehen, was auf dem Dorf so geredet wird. Und das ist auch gut so. In der Stadt hat man einen Code für seine Haustür, auf dem Dorf hat man einen Code für Kommunikation. Erika spinnt, aber man kann sich ja trotzdem zur Jubiläumsfeier einladen, das gehört sich einfach so, auch wenn sie wieder den ganzen Kuchen aufisst und nachher nicht anruft, um Danke zu sagen. Im Dorf kennt jeder jeden. Man sich und man hilft sich, wenn man kann. Hier ist es wichtig, das man zusammenhält, auch wenn keiner sich genau erinnern kann warum.

Ein Dorf ist ein faszinierendes soziales Gefüge, das unabhängig von der Anonymität der Stadt und des Lands, immerwährende Möglichkeiten bietet, menschliches Miteinander zu studieren. Hier verdichten sich Themen des Zusammenlebens auf eindrucksvolle Weise.

Room

In Room lebt Jack mit seiner Mutter in einem kleinen Zimmer, dass er noch nie in seinem Leben verlassen hat. Er kennt nichts, außer dem, was sich innerhalb seiner Welt befindet. Schrank, Fenster, Thermostat. Seine Geschichte beginnt wortwörtlich in Gefangenschaft. Die Ordinary World der Geschichte prägt ihre Handlung so entscheidend, dass sie ihren Titel ausmacht. Room, wie Jack sein Zuhause nennt, ist die Geschichte.

Jacks Vorstellung von Outside, also allem was nicht Room ist, beschränkt sich auf das, was Ma ihm vermittelt. Er kennt die Regeln von Room, kann sich jedoch nur schwer ausmalen, wie Outside funktioniert. Er ist in Room geboren und hat alle fünf Jahre seines Lebens mit Ma zusammen in der bekannten Welt verbracht. 

In gewisser Hinsicht ist jeder Charakter zu Beginn der Geschichte wie Jack. Blissfully unknowing. Man ahnt, das es mehr gibt, als das was man kennt, weiß es jedoch nicht mit Sicherheit. Aber früher oder später nähert sich der Moment, an dem auch für Contemporary Heroes der Zeitpunkt zum Aufbruch gekommen ist. Nächste Woche geht es weiter mit Contemporary: The Upside Down.

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