Charakter-Special: Wünsche

Charakter-Special: Wünsche #1 Einführung

7. März 2019

Charakter-Special: Wünsche #1 Einführung

Wenn einer im Regen sitzt und ihm die Knie schlottern, dann wünscht er sich ins Trockene, klar. Die Befriedigung seines Bedürfnisses nach Wärme und Geborgenheit steht an erster Stelle. Wir können erkennen, dass sich da jemand in einer unbequemen Lage befindet und wissen sofort, was er braucht. Aber sehen wir uns genauer um. Treten einen Schritt zurück. Halten das Gesicht für einen Moment in den Frühlingsregen, riechen das duftende Gras, hören ganz leise ein Knacken im Gebüsch.

Das Haus am anderen Ende des Kieswegs sieht bewohnt aus. In der sich langsam füllenden Pfütze vor der Veranda steht ein Dreirad, hinter den Fenstern Gardinen durch die warmes Licht fällt. Hören wir stimmen? Ruft da jemand? Unser Schlotternder sitzt immer noch, in den dünnen Mantel gewickelt, vor dem Baumstamm. Hockt, guckt. Zähneklappernd. Wir runzeln die Stirn. So sieht keiner aus, der sich um seine Bedürfnisse kümmert. So sieht einer aus, der einen Wunsch hat. 

Im letzten Charakter Special haben wir uns die Bedürfnisse angesehen, die jeden Charakter formen und beeinflussen. Von Wärme und Nahrung bis hin zu Transzendenz, die Bedürfnispyramide veranschaulicht gut, was ein Charakter braucht. Jetzt kommen wir zum spannenden nächsten Schritt. Nämlich dem, was er sich wünscht.

Was ist der Unterschied zwischen Bedürfnissen und Wünschen?

Ein Bedürfnis will befriedigt werden. Wie wir gesehen haben, tauchen, sobald ein Bedürfnis befriedigt ist, neue Bedürfnisse an unserem Horizont auf. Ein andauernder Strom von Ansprüchen an uns und unsere Umgebung. Ob wir es wollen oder nicht, wir haben Bedürfnisse und sind stets dazu aufgefordert ihnen nachzukommen. Dieser Prozess ist von uns fast nicht zu beeinflussen. Das wir etwas brauchen definiert unsere Existenz.

Eine hungrige Löwin stalkt ihre Beute, jagt sie durch Prärie, reißt saftiges Fleisch, das sie für ihre Jungen in den Schatten schleift. Sie hat Hunger. Sie braucht Essen. So weit so gut. Schnell wird klar, ein Bedürfnis führt fast immer zu einem Ziel. Hunger, Beute. Wärme, Feuer.

Ein Wunsch ist eine völlig andere Sache.

Wünsche sind:

abstrakt
poetisch
kreativ
individuell
persönlich

Wünsche und Ziele

Das Wünschen ist ein kreativer Prozess, an dem wir aktiv beteiligt sind. Ein Charakter formt Wünsche. Arbeitet an ihnen, hegt und pflegt sie. 

Wünsche müssen dabei nicht realistisch sein. Anders als Ziele, die immer noch messbar, planbar und, egal wie herausfordernd, erreichbar sein müssen, kann ein Wunsch gänzlich fantasievoll sein. Ein vages Hoffen, vergebliches Ahnen, umwirbeltes Sehnen. Wünsche spielen sich in dem Teil unseres Bewusstseins ab, in dem die Realität nur eine ferne Erinnerung ist. Wünsche sind die Domaine der Sehnsucht. Dieser schwebenden Brücke über einem unbekannten Abgrund.

Während wir bei einem Ziel immer im Blick haben, wo wir uns befinden und wie wir von diesem Ort zu einem definierten anderen Ort kommen, muss ein Wunsch keine Vorwärtsbewegung haben. Die Vorstellung eines neuen, anderen Zustands kann reichen, um einen guten Wunsch zu konstituieren.

Ein Wunsch gibt einem Charakter:

Persönlichkeit
Bedeutung
Perspektive

Be careful, what you wish for.

Soweit wir wissen, denkt die Löwin nicht darüber nach, was sie sich wünscht. Sie plant. Wenn sie hungrig ist, jagt sie nach Essen. Wenn sie Schutz sucht, macht sie sich auf den Weg zu einer Höhle. Es scheint eine typisch menschliche Angewohnheit zu sein, darüber zu spekulieren, was wir uns wünschen.

Ausdrücken zu können, was wir uns wünschen, ist allerdings schon immer eine zweischneidige Sache gewesen. Nicht umsonst handeln viele Geschichten von Menschen, die denken, sie wissen was sie sich wünschen wollen. Und kaum haben sie den Goldbarren, die Wurst und das Telefon, wird ihnen klar, dass sie das mit dem Wünschen wohl doch nicht so gut durchdacht hatten.

Wünsche und Charakter

Für eine gute Story ist es wichtig, Bedürfnisse und Ziele im Blick zu haben. Was braucht ein Charakter und wie will sie es erreichen? Eine gute Beziehung zwischen Bedürfnissen und Zielen treibt den Plot voran und gibt Struktur und Definition. Ohne Wünsche kann das allerdings wie eine seelenlose Sache erscheinen. Mechanisch abzuarbeiten, was gebraucht wird, birgt immer die Gefahr, sich im Hamsterrad abzustrampeln. Neben sich alle anderen. Vierzigtausend Hamsterräder. Ein graues Büro mit Arbeitsplätzen, jeder da um abzuarbeiten, was gebraucht, benötigt wird.

Hinter einem bleiben wir stehen. Halbe Glatze, gestärktes Hemd. Ein Post-It auf dem Training steht, hängt über dem Computerbildschirm. Okay, Philipp 34 trainiert für einen Marathon. Aber wovon träumt er, wenn er die Augen schließt und das Gesicht in den Sonnensteifen hält? Was lässt seine Handflächen schwitzen und Puls puckern? Seine Ziele und Bedürfnisse verbinden Phillip mit allen Menschen. Seine Wünsche machen ihn zu ihm.

Wenn wir die Wünsche eines Charakters kennen und die Art, wie sie sich in ihrem Bewusstsein ausdrücken, lernen wir sie erst richtig kennen.

In den nächsten Beiträgen sehen wir uns Geschichten an, in denen Wünsche eine große Rolle spielen und versuchen herauszufinden, wie ein Charakter durch ihre Wünsche geformt wird. Ich bin gespannt!

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