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STORY WORLD #3 Fantasy: The Upside Down

20. Februar 2019
STORY WORLD #3 Fantasy: The Upside Down

STORY WORLD #3 Fantasy: The Upside Down

 

Im letzten Beitrag haben wir die Ordinary World kennengelernt. Diese Welt illustriert den Status Quo. Den Zustand, in dem sich unser Held oder unsere Heldin zu Beginn jeder Geschichte befindet. Die meisten Geschichten beginnen entweder mit einer Heldin in Gefangenschaft (einer Story World, die sie unfrei macht) oder in Freiheit (einer Story World, in der die Heldin sich frei und geborgen fühlt). Dementsprechend führt uns die Geschichte als nächstes in eine Welt, die sich grundsätzlich vom Status Quo unterscheidet. We are ready for The Upside Down.

Die Upside Down ist zweigeteilt: Der Übergang in die neue Welt und die Welt des Feinds. Weil es viel zu Erzählen gibt, konzentriere ich mich heute auf den ersten Teil der Upside Down: Die Reise des Helden in neue Gefilde.

 

Die Reise beginnt

Für Harry beginnt alles mit einem Brief. Adressiert an ihn. Und überbracht von einer Eule. Nach einigem Hin und Her, in dem die Dursleys versuchen, ihn mit aller Kraft daran zu hindern, herauszufinden, wer er ist, landen sie in einer sturmumpeitschten Hütte mit einem riesigen Fremden, der Harry einen zerdrückten Geburtstagskuchen und die wichtigste Information überbringt. „Du bist ein Zauberer, Harry.“ 

Im zweiten Akt der Geschichte wird die Welt der Heldin auf den Kopf gestellt. In so gut wie allen Geschichten ist diese neue Welt das genaue Gegenteil von dem, was die Heldin kannte und woran sie sich gewöhnt hat. Neue Charaktere, neue Regeln und ein neues Selbst warten in der Upside Down.

Bereit zum Aufbruch

Harrys Geschichte beginnt in Gefangenschaft. Über die ersten Kapitel von Harry Potter and the Sorcerers Stone können wir beobachten, wie sich der Radius seiner Welt langsam aber stetig weitet. Nach dem ersten Schrecken (einem Brief, adressiert an Mr.H.Potter, Cupboard under the stairs), verfrachten die Durselys ihn in Dudleys Zweitzimmer. Wow, ein eigener Raum, nur für sich. Dann darf er sogar mit in den Zoo. Schließlich packt Onkel Vernon die ganze Familie ins Auto und düst (flieht) mit ihnen auf eine einsame Insel irgendwo im Atlantik. Hier war Harry nun ganz sicher noch nie. Und dann, erst dann, darf er erfahren, dass er ein Zauberer ist. Ja, das auch seine Eltern Zauberer waren und es eine Schule für Hexerei und Zauberei gibt, an der er erwartet wird.

Genau wir für Harry, ist es auch für uns Leser angenehm und spannend, dass der große Reveal, die Nachricht von der Zauberwelt, mit Ahnungen, Vermutungen und Vorbereitungen angedeutet wird. So können wir, zusammen mit unserem Helden, einige Schritte in Richtung Freiheit machen. Können zu ahnen beginnen, dass etwas Großartiges auf uns wartet. Und wenn Hagrid die Nachricht überbringt, sind wir bereit. Wir wollen los.

Vergessene Freiheit

Für Bilbo sieht die Vorstellung mit der neuen Welt weniger befreiend aus. Wo er gerade noch gemütlich am warmen Ofen saß, hat er auf einmal einen Haufen Zwerge bei sich in der Höhle, die von Drachen und Schätzen reden und mit einen Meisterdiebs-Vertrag vor seiner Nase herum wedeln. Schmutzige Stiefel trampeln über seinen Kaminvorleger, rauchiges Leder und gefettete Bärte. Mit der Ankunft der Zwerge wird Bobo schmerzlich bewusst, das da draußen ein Welt lauert, die er bisher ignoriert hat. Er will nicht gehen. Weiß aber, dass er muss. Denn er hat in sich etwas entdeckt, das er bisweilen nicht kannte. Den Mut zu einem Abenteuer. Und was ihn davon überzeugt, dass er das Zeug zum Meisterdieb hat, ist Thorins Schilderung einer neuen Welt.

„Er sehnte sich danach, hinauszuziehen und die großen Gebirge zu sehen und die Kiefern und Wasserfälle rauschen zu hören, die Höhlen auszukundschaften und ein Schwert zu tragen statt eines Spazierstocks.“ – J.R.R. Tolkien, Der Hobbit

Übergang zwischen den Welten

Je unterschiedlicher die Welten zwischen denen die Heldin sich bewegt, desto mehr Aufmerksamkeit sollte auf den Übergang zwischen beiden Welten gelegt werden. Mit dem Umblättern einer Seite auf einem Mal in einer völlig neuen Umgebung mit unbekannten Regeln zu sein, ist für die Leserin mehr Stress als Überraschung. Wir wollen verstehen, wohin es geht, wollen uns so gut wie möglich vorbereiten. Damit die Erwartungen die wir an die Upside Down haben, übertroffen werden können.

Die Winkelgasse

In Harrys Fall in der Übergang zur neuen Welt tatsächlich ein Durchgang. Hinter einer Mauer, die Hagrid mit seinem Zauberstab antippt, verbirgt sich die Zauberer-Welt. Die Geschäfte in der Winkelgasse sind mit allem gefüllt, was ein Zauberer zum leben, und vor allem, zum zaubern braucht. Harry lernt durch die vielfältigen Angebote in den Schaufenstern die Möglichkeiten der magischen Welt erst richtig kennen. Dort gibt es einen Laden für magische Geschöpfe, in dem jeder Schüler Hogwarts sich ein Tier aussuchen kann. Gewählt werden kann zwischen einer Katze, einer Eule und einer Kröte. Ein anderer Laden ist gefüllt mit Kupferkesseln, zum Brauen von magischen Tränken und Elixieren. Die Zauberer in der Winkelgasse kleiden sich in Umhänge und auch Harry bekommt einen auf den Leib geschneidert.

Der Zug

Die Winkelgasse gibt Harry und der Leserin einen Vorgeschmack auf das, was uns in der neuen Welt erwartet. Bewaffnet mit seinem eigenen Zauberstab, einem Reisekoffer voller Zauberbücher, einem Kessel und seiner Eule Hedwig macht Harry sich mit Hagrid auf den Weg zum Hogwarts Express, dem Zug, der alle Schüler zu dem geheimen Ort bringt, an dem sich die Schule für Hexerei und Zauberei befindet.

Jetzt könnte man sich fragen, warum man sich nicht einfach nach Hogwarts zaubert, schließlich erscheint uns Muggeln schnelle Transportation als ein entscheidender Vorteil von Hexenkraft. Aber das würde uns einigen hervorragenden Möglichkeiten berauben, Harrys Upside Down kennenzulernen. Denn die Zauberwelt, in die wir reisen, ist überraschend nostalgisch. Anstelle von Kugelschreibern, verwendet man Federkiele und anstelle von Papier, Pergament. Harry Potter and the Sorcerers Stone spielt vor Zeiten des Internets und Smartphones. Während jedoch Tante und Onkel ihre Briefe mit der Post erhalten, werden in der Zaubererwelt Nachrichten mit Eulen verschickt.

Neue Regeln

Uns sind also bereits einige Dinge klar geworden, die die neue Welt definieren. Wir verstehen, dass es neben den unzähligen Möglichkeiten die Zauberei mit sich bringt, auch einige Einschränkungen gibt. J.K.Rowling setzt klare Grenzen für die Magie in Harry Potters Welt. Und bringt sie der Leserin schnell und definiert nahe. Wir sind neugierig und achten aufmerksam darauf, was geht und was nicht. Und dafür ist der Übergang in die neue Welt entscheidend. Die Zeit, die wir zwischen der alten und der neuen Welt verbringen, gibt uns die Möglichkeit, uns mit den Regeln der Upside Down vertraut zu machen. Und steigert die Vorfreude auf die baldige Ankunft.

Während die Landschaft vor dem Zugfenster vorbeizieht, die Vororte Londons sich langsam in sanfte Hügel und bewaldete Hänge verwandeln, lernt Harry seine ersten Freunde kennen und macht sich mit dem sozialen Code der Zaubererwelt bekannt.

In der Upside Down ist der Held nicht mehr der Alte. Im Zug mit seinen neuen Bekannten und magischen Süßigkeiten im Schoß ist Harry längst nicht mehr „der Junge im Schrank unter der Treppe“. Mit dem Aufbruch aus der Ordinary World beginnt im Held eine Veränderung, die ihn auf die neue Welt vorbereitet.

Im Gegenteil: Hogwarts

Und in dieser neuen Welt ist er ein Star. Fernab von seinem Wissen, hat sich um den „Jungen der überlebt hat“ ein sagenhafter Kult entwickelt. Harry kommt in der Upside Down an und muss sich mit einer neuen Realität konfrontieren. Hinter seinem Rücken wird getuschelt, Leute zeigen auf ihn. Wollen ihm die Hand schütteln oder seine Narbe sehen. Wo im Privet Drive nur eisige Stille herrschte, wenn er den Raum betrat, ist er hier die Attraktion des Jahrhunderts. Die neue soziale Stellung unseres Helden ist das komplette Gegenteil von seinen Erfahrungen in der Ordinary World.

Harry hat diverse Portale durchquert, um endlich hier anzukommen. Seinem neuen Zuhause. Denn, bis auf die soziale Herausforderung, von einem Niemand zu einem Helden aufzusteigen, ist Hogwarts ein absolutes Paradies. Ein Schloß in grünen Bergen, umgeben von saftigen Wiesen. Ein geheimnisvoller Wald, ein stiller See. Knisternde Kaminfeuer und quietschende Rüstungen. Festessen an langgedeckten Tafeln. Und andere Schüler, die, genau wie Harry, die Magie ihrer neuen Umgebung kennenlernen.

 Lebendige Welten

Die Hingabe, mit der J.K.Rowling diese neue Story World zum leben erweckt, ist der Grund für den Erfolg der Harry Potter Romane. Einer Generation voller Kinder, die auf ihren Brief aus Hogwarts warten. Ein Schloß voller magischer Geheimnisse und Entdeckungen, ein Ort der Sicherheit und Zuversicht. Aber noch viel wichtiger, eine Welt, die uns daran glauben lässt, das alles möglich ist. Hogwarts als Zentrum der Zauberwelt ist mehr als nur ein ungewöhnliches Schulgebäude. Das geheime Schloß in den Bergen symbolisiert einen Ort, an dem unserer Fantasie keine Grenzen gesetzt sind.

Im Gegenteil: Auf Reisen

Auf Bilbos Reise ist es nicht eine definierte Upside Down, die sich von seinem Leben in Hobbingen abhebt. Es ist die Tatsache, dass da, wo vorher unbewegte Landschaft war, der Blick auf den Garten durchs kleine runde Küchenfenster, jetzt Berge aufragen, die vor den Augen des Hobbits in die Höhe wachsen. Wälder an ihm vorbeiziehen. Ebenen sich vor ihm auftun und hinter Wegbiegungen wieder verschwinden. Alles, was zuvor verlässlich und gleich war, ist jetzt im stetigen Wandel. Und Bilbos eigenes Innenleben verändert sich, so unabdingbar wie seine Umgebung.

Einer, der sonst am liebsten Zuhause war, ist auf einmal ein Reisender. Der fremde Länder und Gebräuche kennenlernt, neue Landstriche entdeckt, durch Wind und Wetter wandert. Bilbo, der sonst zu jeder Tageszeit die nächste Mahlzeit im Blick hat, stapft jetzt durch den Regen, müde und hungrig und voller Sehnsucht nach seiner gemütlichen Höhle am Rande von Beutelsend. Das Leben als Meisterdieb stellt sich als schwieriger heraus, als er zu befürchten gewagt hat. Der gemütliche Hobbit ist auf einmal ein Heimatloser. Und seine neue Welt ist eine sich stetig wandelnde Landschaft, die mit jedem Schritt, den er tut, düsterer und unwegsamer wird.

Die Unterwelt

Während Harry sein neues Leben an der Schule navigiert und lernt mit neuen Freiheiten umzugehen, bewegt sich Bilbo langsam aber sicher auf einen Berg zu, der weit in der Ferne aus dem Nebel aufragt. Harrys Reise hat ihn vom Schrank unter der Treppe in den Gemeinschaftsraum von Gryffindor gebracht. Bilbo verbringt Zeit mit Elben und Trollen und beginnt zu verstehen, wie Zwerge ticken. Der eine hat sich aus der Gefangenschaft befreit, der andere Hals über Kopf ins Unbekannte gestürzt. Aber beide steuern geradewegs auf den tiefsten Punkt der Upside Down zu. Einem Ort, an dem sie sich ihren Ängsten stellen müssen.

 

Bis nächste Woche!

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