Story World

STORY WORLD #2 Fantasy: The Ordinary World

13. Februar 2019

STORY WORLD #2 Fantasy: The Ordinary World
Die erste Szene in jedem Buch hat die Aufgabe, uns mit der Welt der Geschichte vertraut zu machen. Im Film nennt man das den Establishing Shot. Die erste Einstellung eines Settings. Manchmal ist es eine einfache Caption. Harlem, New York 1952. Oder wir hören einen Charakter sprechen, der uns einen ersten Eindruck der Story World vermittelt. Oder wir starten mit einer Totalen, dem Panorama einer Landschaft, einem Schwenk über die Stadt, einer Heranfahrt an ein Haus. Vielleicht ist es auch ein winziges Detail, dass die Welt unsere Geschichte perfekt vermittelt. Ein Gegenstand, oder ein Tier. Bei der Kreation der ersten Einstellung, sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt. 

Das einzige, was wirklich wichtig ist, ist die Antwort auf die Frage: Wo sind wir und mit wem?

 

Fantasy

So gut wie alle Geschichten sind Fantasie Geschichten, weil man zum Erzählen jeder Geschichte eine Menge Fantasie braucht. Was Fantasy Stories von anderen unterscheidet, ist das Maß in dem die uns bekannte Realität erweitert wird. In dieser Kategorie gibt es keine Einschränkungen. Fliegende Autos? Klar, warum nicht. Menschen, die durch Wände gehen? Na aber logo. Drachen, Geister, fremde Planeten? Alles drin.

Das macht das Kreieren einer fantastischen Story Welt so spannend. Und schwierig. Denn, wo die Leserin sonst genau weiß, was geht und was nicht, ist es in einer Fantasy Geschichte wichtig, klar zu machen, wo die Grenzen der Welt liegen. Bei all den Freiheiten, die uns eine völlig ausgedachte Welt gibt, brauchen wir klar definierte Einschränkungen, die der Leserin helfen, die Welt der Geschichte zu verstehen und zu genießen. Denn nichts ist blöder, als Einer, der im dritten Akt zu zaubern anfängt, obwohl wir dachten, das geht gar nicht. Oder jemand fliegen kann, wobei uns gar nicht klar war, dass das eine Option ist.

Grenzen

Eine Welt definiert sich zu einem großen Teil durch ihre Grenzen. Was gehört dazu und was nicht. Egal wie groß, bunt und vielfältig eine Welt ist, irgendwo hat sie einen Rand. Eine Grenze. Da wo der Nebel beginnt oder das Universum, hinter den Hügeln, oder über dem Fluß. Das Andere, Unbekannte wirkt auf eine Welt eben so stark, wie das Vertraute und Bekannte.

Home: The Ordinary World

Vielleicht spielt unsere Geschichte auf einem Planeten, der völlig aus Flubber besteht. Womöglich leben in den schroffen Felsen hinter dem Teufelswald feuerspeiende Tiere, oder die Helden unserer Welt kommunizieren durch Telepathie miteinander. Das alles sind neugierig machende Ideen. Die einzige Frage, die sich uns stellt ist: Warum ist das wichtig?  

Die Antwort auf diese Frage führt uns direkt zu den wichtigsten Akteuren unserer Geschichte. Ihren Helden.

Die Dursleys

Wenn man die gleichförmige Häuserreihe in Little Whinging entlang streift und einen Blick über die sauber geschnittenen Hecken und formtreu abgesäbelten Rasenflächen wirft, würde einem nichts Besonderes auffallen. Weder die Orchideen im Fenster, noch der Firmenwagen, der in der Auffahrt parkt. Noch nicht einmal die kurze Bewegung hinter den Küchengardinen. Nichts, das einen vermuten lässt, das hier eine Geschichte beginnt. Denn hier wohnen die Dursleys.

Das Haus

Privet Drive N°4 ist ein Haus wie jedes andere. Das wäre nicht weiter wichtig, wenn es nicht perfekt ausdrücken würde, wonach die Dursleys, streben. Normalität. Und das heißt bei ihnen, ein Haus, das keinerlei Auffälligkeiten aufweist. Außer, dass es womöglich ein kleines bisschen besser gepflegt ist. Ein etwas teureres Auto in der Auffahrt parkt, die Gardinen vor den Fenstern ein wenig weißer sind, als die der Nachbarn. Dort, wo es kaum Unterschiede gibt, fällt jede kleine Abweichung auf. Und Menschen wie die Durselys, definieren sich genauso stark durch die Ähnlichkeit zu anderen, wie sie versuchen, sich durch kleine aber feine Details hervorzuheben.

Tante Petunia späht misstrauisch aus dem Küchenfenster, um zu sehen, ob einer der Nachbarn einen Fehler begeht. Ist die Hecke zu kurz geschnitten? Kann man einen Streit durchs angeklappte Wohnzimmerfenster belauschen? Knallt ein Auspuff oder kackt ein Hund ins Blumenbeet? Alles, was auch nur im geringsten von der Norm abweicht, der die Durselys sich unterwerfen, ist ein Grund sich aufzuregen.

Die Durselys haben alle Möglichkeiten, sich mit der Welt auseinanderzusetzen, in der sie leben. Nichts hindert sie daran, ihren Horizont zu erweitern oder sich mit Fragen zu konfrontieren, auf die sie keine Antworten wissen. Sie ziehen die Linie im Sand bewusst um sich selbst. Und deshalb hört ihre Welt da auf, wo die Lichter der Großstadt blinken, Leute über ihren eigene Mantelsaum stolpern oder sonst irgendwelche Dinge tun, die die Durselys nicht verstehen können. Little Whinging ist ihre Welt. Und das Gleichgewicht dieser wohlkonstruierten Nachbarschaft gerät bereits mit Harrys Ankunft zu wanken.

Harry lebt im Haus der Dursleys. Aber man müsste ihn lange suchen, wenn man ihn besuchen will. Denn sein Zimmer ist der Schrank unter der Treppe.

Harry

Harry ist Tante Petunias Neffe. Ein schlaksiger Elfjähriger, mit rabenschwarzen Haaren und einer blitzförmigen Narbe auf der Stirn. Von dem Autounfall. Bei dem seine Eltern starben. So weit, die dürftigen Informationen, die er bisher aus seinem Onkel und seiner Tante herausbekommen konnte. Manchmal stoßen Harry seltsame Dinge zu, die keiner sich so recht erklären kann. Und er hat einen Traum, in dem ein grüner Blitz, für einen Moment, alles in gleißend helles Licht taucht. Ansonsten ist er ganz normal. Findet Harry.

Das Potential für Veränderung

Das wichtigste an der Ordinary World ist, dass sie das Potential für Veränderung in sich trägt. Durch äußere Bedrohungen, aber noch besser, durch eine oder mehrere integrierte Schwächen, die den Status Quo ins Wanken bringen können.

Im Fall der Dursleys ist es Harry. Harry ist eine so große Bedrohung für den Status Quo der Durselys, ja, seine ganze Anwesenheit stellt ihre Welt so stark in Frage, dass sie ihn einsperren. Denn, selbst wenn Harry seinen Schrank unter der Treppe verlassen kann, achten Tante und Onkel stets darauf, ihm so wenig Freiheiten we möglich zu geben. In ihm schwelt bereits das drohende Unheil, die Erschütterung all ihrer Glaubenssätze und Konventionen.

Kontrast

Es ist bezeichnend, dass der erste Band der Harry Potter Reihe gar nicht mit ihm beginnt, sondern mit den Dursleys. Um Harrys Lage zu verstehen, müssen wir die Dursleys kennen. Damit er ungewöhnlich und anders wirkt, brauchen wir den Einblick in die Muggel Welt. Denn obwohl Harry Potter und der Stein der Weisen in einer Umgebung beginnt, die uns erst einmal bekannt vorkommt; Fernsehapparate, Gartenzäune und Straßenlaternen,  beginnen wir, zeitgleich mit den Durselys, zu ahnen, dass es da noch etwas anderes gibt. Eine andere, geheime Welt.

Die Dursleys sind ein extremes Beispiel. Aber sie ermöglichen eine perfekte Gegenüberstellung von zwei Welten. Je milder der Status Quo, desto kleiner ist der Konflikt, wenn der Held in die nächste Welt eintritt. Und das es Zeit für Harry ist, das Haus im Privet Drive N°4 zu verlassen, das ist uns schon klar, bevor der erste Brief aus Hogwarts eintrifft. Von Anfang an entsteht die Spannung zwischen den zwei Welten: Der Muggel- und der Zaubererwelt. Denn Harry weiß es zwar noch nicht; aber er ist ein Zauberer.

Gefängnis vs. Paradies

Eine wichtige Informationen, die uns der Einblick in die erste Story Welt der Geschichte liefert, ist, wie sich der Held zu ihr verhält. Ist er ein Prinz, ein Bettler, ein Trickbetrüger? Wo auf der sozialen Leiter könnte man ihn einordnen? Fühlt er sich gut oder schlecht mit der Rolle, die er in der Gesellschaft spielt? Hat er das, was er braucht oder fehlt es ihm an Grundlegendem? Harrys Geschichte beginnt in „Gefangenschaft“. Was sonst kann man von jemandem behaupten, der in einem Schrank wohnt? Das Haus der Dursleys ist mit Sicherheit kein Paradies. Schon gar nicht für Harry.

Und selbst der schönste Ort der Welt, kann ein Gefängnis sein.

Die Höhle

„In einem Loch im Boden, da lebte ein Hobbit. Nicht in einem feuchten, schmutzigen Loch, wo es nach Moder riecht und Wurmzipfel von den Wänden herabhängen, und auch nicht in einer trockenen, kahlen Sandgrube ohne Tische und Stühle, wo man sich zum Essen hinsetzen könnte: nein, das Loch war eine Hobbithöhle, und das heißt, es war sehr komfortabel.“ – J.R.R. Tolkien, Der Hobbit

Bilbo

Bilbo ist ein wohlhabender Hobbit aus einer angesehenen und alteingesessen Hobbit-Familie. Aber was noch viel besser ist, er war noch nie auch nur annähernd in irgendetwas verstrickt, was mit einem Abenteuer in Verbindung gebracht werden könnte. Und darauf kann man, als guter Hobbit, stolz sein. Die Versuchung der Straße, das Unbekannte hinter den Bergen, ferne Schätze und Gefahren, dass alles sind Sachen, über die man sich bei einem schaumigen Krug Bier im „Gasthaus zum Grünen Drachen“ unterhalten kann. Oder besser noch, bei sich zu Hause. Am Kamin. Mit einer Decke über den Füßen.

Zu Beginn der Geschichte besteht Bilbos Welt aus nicht viel mehr als dem, was er an einem gemütlichen Nachmittagsspaziergang durchqueren kann. Natürlich weiß er, dass es andere Länder gibt, andere Sitten und Gebräuche, andere Wesen, Tiere und Landstriche. Aber Hobbingen, da ist er sich sicher, ist der beste und komfortabelste Ort von allen.

Bilbo blickt über sanfte Hügel, mit grünen saftigen Gras, Schafe weiden an den Rändern. Hobbingen ist ein fruchtbares, freundliches Paradies für die Hobbits, deren Hauptaugenmerk auf Sicherheit, Beständigkeit und einer gut gefüllten Speisekammer liegt. Man beackert den Boden und gräbt in den Hügeln um sich die gemütlichen Wohnstätten einrichten, in denen die Hobbits in Beutelsend traditionellerweise leben.

Hobbingen ist die perfekte Repräsentation einer ungefährlichen Gegend. Gemäßigtes Klima. Weder giftige Schlangen noch unverhofft ausbrechende Vulkane. Hier und da ein Sommergewitter, das den Brandywein anschwellen lässt, aber keine Tornados, Schneestürme und Tsunamis sind in Beutelsend zu erwarten. Man lebt behaglich und zutraulich, weil man es sich leisten kann.

Bilbos Höhle ist ein Rückzugsort vor der stürmischen und kalten Welt da draußen. Was hinter den Grenzen des Auenlandes vor sich geht, das hat einen Hobbit weder zu interessieren noch zu stören. Unter der Erde, unweit von der Speisekammer und nah am Kamin, fällt es Bilbo leicht, das Leben auf das zu beschränken, was er kennt.

Komfortzone

Hier haben wir einen Held, der mit seiner Ausgangssituation mehr als zufrieden ist. Bilbo fühlt sich in Hobbingen wohl. Zu wohl. Sein Level am Bequemlichkeit ist hoch genug, um die gewiefte Leserin misstrauisch zu machen. Sich nicht für das zu interessieren, was außerhalb seines Blickfelds passiert, mag bisweilen angenehm sein. Aber es bedeutet auch, sich vor den Höhen und Tiefen des Lebens zu verstecken, das da draußen auf einen wartet.

Wir alle sehnen uns nach Komfort und sind uns doch einig, dass uns das manchmal davon abhält, uns weiterzuentwickeln. Die besten Transformationen entstehen im unbequemen Zwischenraum. Dort wo man nicht mehr die ist, die man war und doch noch nicht diejenige die man sein will.

Und sowohl die Dursleys als auch Bilbo sehen nur das, was sie sehen wollen. Das irgendwo Drachen über Schätze wachen, Menschen in Not geraten oder einer seinen Zauberstab in der Jackentasche verschwinden lässt, das kann man sich zwar gerade so vorstellen, will man aber schnell wieder vergessen. Denn es beängstigst. Es verunsichert. Da wo unsere Welt aufhört, beginnt das Unheimliche. Nicht Ahnbare, Gefährliche. 

In diesem Sinne sind wir bereit für das nächste Kapitel. Fantasy: The Upside Down
Bis nächste Woche!

Wenn du ein Charakter in einer Geschichte wärst, wo würde man dich zu Beginn der Story finden?

You Might Also Like

3 Comments

  • Reply Roland 14. Februar 2019 at 17:00

    Hi Isabel,
    sehr klug und weitausholend hast du ‚Fantasy-World‘ nicht nur beschrieben, sondern die verschiedenen Aspekte ausgeleuchtet. Und ich finde – wie du zu einem anderen Kommentar schriebst – das Beste an den Fragen sind definitiv die Antworten ; ).
    Vielleicht der Schlüssel, der das Tor fürs Leben (oder zu den Geschichten) öffnet. Das andere Leben das nicht aus einer aneinander gereihten gleichförmigen Tagen, sondern aus jedem Tag, gefüllt mit pulsierendem Leben besteht.

    Wo würde man mich gefunden haben, in der Ordinary World? Als 9 jähriger Junge am Krankenbett seiner Mutter! Halbseitig und sprach-gelähmt, plötzlicher Schlaganfall! Eine Hand konnte sie noch bewegen, sie legte sie auf mein Haupt und ich verstand, obwohl aus ihrem Mund nur unverständliches Lallen kam. Sie leuchtete noch einmal auf – sie war eine schöne Frau, dann starb sie.

    Von da an war ich voller Fragen. Das kann es doch nicht gewesen sein, mein Leben! Weder der Pfarrer (der schon gar nicht!) noch der Vater, noch die Tanten konnten mir erklären, warum dieser Blitz aus heiterem Himmel mich traf und aus meiner bisherigen Welt riss.
    Das war der Anfang, der Auslöser meiner ‚Heldenreise‘ aber nicht in der Fantasy, sondern im realen Leben. Ich lief von zu Hause fort und fuhr 6 Jahre zur See um die dreiviertel Welt – und sah noch mehr Elend – lernte neue Kulturen kennen – und traf neben allerlei Raubeinen, Schlitzohren auch herzensgute Menschen.
    Einmal auf Reisen – von Gefahren und Abenteuer gestählt, hielt mich nichts mehr im bürgerlichen Leben – obwohl ich es einige Jahre versuchte. So lebte ich als Ausgleich zum Meer lange inmitten der Berge, durchstreifte trampend Europa, blieb jahrelang in Griechenland hängen . Auch reizte Hollywood, für einige Zeit durfte ich hinter die Kulissen der Traumfabrik blicken. Die Illusion war eine gute Erfahrung, aber sie löste sich auf.

    Die Reise geht weiter, soviel kann ich verraten. Das Leben ist schön!
    Liebe Grüße
    Roland

    • Reply Isabel 28. Februar 2019 at 10:34

      Hey Roland!

      Oh wow! Ehrlich gesagt warte ich nur noch auf einen Blog, auf dem ich von deinen Abenteuern lesen kann!
      Vielleicht der nächste Schritt deiner Heldenreise?
      Oh yes, das Leben ist schön!

      Beste Grüße!

  • Reply STORY WORLD #3 Fantasy: The Upside Down - Red Bug CultureRed Bug Culture 20. Februar 2019 at 19:58

    […] letzten Beitrag haben wir die Ordinary World kennengelernt. Diese Welt illustriert den Status Quo. Den Zustand, in […]

  • Leave a Reply