DIY-Donnerstag, Genre/Themen/Storys

Genre/Themen/Stories #1 Einleitung

7. Februar 2019
Genre

Liebe AutorInnen, als wir zum Jahresende hier bei Red Bugx zusammensaßen und überlegten, was euch interessieren könnte, worüber wir im neuen Jahr in unserer DIY Reihe schreiben wollen, war mir sofort klar, dass ich euch unbedingt einmal Philipp Parkers Überlegungen zum Drehbuchschreiben in einer Blogreihe näherbringen muss. Wieso? Ihr schreibt ja Romane, Erzählungen, Kurzgeschichten und keine Drehbücher, oder? Ist das nicht etwas ganz anderes. Ja, ist es. Aber es hat eben auch viel Gemeinsames. Es geht um bewegende Themen, packende Geschichten, wie bei jedem Erzählen. Und es geht um die immer wieder auftauchenden Fragen, in welchem Genre schreibe ich, welche Geschichte erzähle ich, und was ist eigentlich das Thema meines Buches. Die Frage, die man sich spätestens, allerspätestens, stellen sollte, wenn die erste Fassung des Manuskripts fertig ist. What’s it all about?

Zwei Bücher

Anlass für diese Blogreihe waren zwei Bücher, die ich kurz vorher gelesen hatte. Beides Bücher von Autorinnen, die über das Zusammenleben mit einem depressiven, bzw. manisch-depressivem, –neudeutsch – bipolarem Partner geschrieben haben. Das erste Buch ist von Alina Bach und heißt »Die Liebe in dunklen Zeiten«. Das andere, »Aus den Winterarchiven«, ist von der norwegischen Autorin Merethe Lindstrøm, in der Übersetzung von Elke Ranzinger.

Beide Texte sind natürlich sehr autobiographisch und erzählen mit großer Offenheit, soweit man das als Leser beurteilen kann, von den Herausforderungen, die diese Krankheit an die Liebe, das Leben, das Überleben stellt. Beide Texte sind in einer eigenen, stilsicheren Sprache geschrieben. Eine Freude. Dennoch unterscheiden sie sich sehr.

Während ich Alina Bachs Buch, erschüttert zwar, aber mit Begeisterung verschlungen habe, ist es mir bei Merethe Lindstrøms Buch zunehmend schwerer gefallen, ihr zu folgen. Ich muss zugeben, dass ich anfing mich zu langweilen, obwohl es in der Dramatik des Inhalts in keiner Weise hinter dem Buch Alina Bachs zurücksteht. Ich war einigermaßen überrascht, dass ich mit meiner Meinung nicht allein stand, als das Buch im Lesekreis der Berliner Buchhandlung ocelot besprochen wurde. Wir sind uns dort durchaus nicht immer einig in der Beurteilung von Büchern. In diesem Fall hatten aber fast alle ähnliche Schwierigkeiten wie ich.

Jetzt könnte man sagen, dass es vielleicht daran liegt, dass (Spoiler) Alina Bachs Buch zumindest die Andeutung eines Happy Ends hat, während das Ende der Winterarchive eher (noch ein Spoiler) – sagen wir mal – offen bleibt. Ich glaube jedoch, das ist nicht der Grund für das zunehmende Missbehagen bei der Lektüre. Meines Erachtens ist es ein Problem des – schlimmes Wort – Genres. Und damit ein strukturelles Problem.

Alina Bach erzählt eine klar strukturierte dramatische Liebesgeschichte. Bei Merethe Lindstrøm ist man da irgendwann nicht mehr so sicher. Geht es um die Verteidigung der Liebe gegen die Krankheit, geht es um die Entwicklung einer Person, oder geht es schlicht um das Überleben des Helden? Wo ist der dramaturgische Bogen?

Ist das denn Genreliteratur?

Moment, das ist doch beides keine Genreliteratur. Richtig, nicht so wie der Begriff umgangssprachlich benutzt wird. Aber gerade nach der Lektüre dieser beiden Bücher hatte ich den Eindruck, dass es durchaus sinnvoll sein könnte, einmal mehr Transparenz  in diese Begrifflichkeit zu bringen.

Und hier kommt Phillip Parker ins Spiel. Unter allen Screenwriting-Gurus ist er sicher derjenige, der für mich am meisten Klarheit in die Kunst des Erzählens gebracht hat.

Hätte man mich gefragt, wie viele Geschichten es zu erzählen gibt, hätte ich vermutlich geantwortet, unendlich viele. Ja, es gibt unendlich viele Geschichten zu erzählen. Und wie viel Themen gibt es, über die man schreiben kann? Natürlich auch unzählige. Und ich hätte recht gehabt. Habe recht.

Philipp Parker sagt: nope. Für ihn gibt es acht, in Ziffern 8, Themen, über die sich zu schreiben lohnt. Und es gibt zehn, in Ziffern 10, Arten von Geschichten, die Menschen erleben, und von denen man erzählen kann. What? Doch, ich bin überzeugt, auch er hat recht.

Wie viele Genres gibt es denn?

Aber es kommt noch heftiger. Während wir alle beobachten können, dass Amazons Kategorien, Genres und Untergenres allmählich gegen unendlich gehen, Krimi und Thriller, Detektivgeschichten, nordamerikanisch, Westküste, zeitgenössisch, historisch, übernatürlich, Nordseekrimis, Taunuskrimis, Harzkrimis, Schwarzwald … behauptet Parker, es gäbe eigentlich nur vier (4) Genres, mit ein paar wenigen Untergenres. Wie kann das sein?

Ganz einfach, Philipp Parker redet von der Struktur einer Erzählung, und die ist eben immer (mehr oder weniger) gleich. Vom strukturellen Ansatz gesehen, ist es nämlich völlig Wurst, ob eine Liebesgeschichte im Wilden Westen, in der siebten Klasse einer Provinzschule, im Weltall, unter Wasser, oder wo auch immer stattfindet. Es spielt auch eigentlich keine Rolle für die Struktur einer Geschichte, ob sich das schüchterne Mädel in den Badboy der Schule verknallt, oder sich zwei Badboys ineinander verlieben, die Nachbarkatzen, oder das kleine, rote Dreieck in den schlaksigen gelben Kreis. Das Genre bleibt: Liebesgeschichte.

Fürs Verkaufen später, macht es dagegen durchaus Sinn, Gay-Romance anders zu labeln und anzupreisen als eine Geschichte über ein alterndes Ehepaar, das versucht seine Liebe gegen die Widrigkeiten des Lebens zu verteidigen. Von der Struktur her können sie aber durchaus gleich sein. Nämlich dramatische Liebesgeschichten.

Parker unterteilt das Genre Liebesgeschichte in lediglich drei Untergenres. Nämlich die romantische Liebesgeschichte, die dramatische Liebesgeschichte und die tragische Liebesgeschichte.

Was es mit den Genres, Stories, Themen und Sequenzen eines Buches auf sich hat, werde in dieser Blogreihe zu erläutern versuchen.

Für heute nur soviel. Von der Struktur her ist die wohl bekannteste Liebesgeschichte der Welt, Shakespeares Romeo und Julia, keine tragische Liebesgeschichte. Obwohl wie wir alle wissen, es eine der größten Tragödien ist, die uns das Theater zu bieten hat, und überdies keiner der blutjungen Lover überlebt. Für Philipp Parker ist es eine dramatische Liebesgeschichte. Eine tragische Liebesgeschichte wäre es erst, wenn einer der Beiden gar nicht an die Liebe glaubt. Und das wäre wirklich ein anderes Genre.

Bis dahin

Uwe

 

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2 Comments

  • Reply GENRE/THEMEN/STORIES #3 STORIES - Red Bug CultureRed Bug Culture 21. März 2019 at 19:39

    […] Sie werden mit einer begrenzten Anzahl von Stories erzählt. Im Folgenden werde ich, angelehnt an Philipp Parkers Aufzählung in seiner Creative Matrix die Struktur der gebräuchlichsten Storylines […]

  • Reply AUTOBIOGRAPHISCHES SCHREIBEN – #2 ISABELLE LEHN - Red Bug CultureRed Bug Culture 26. Juni 2019 at 13:12

    […] gerne bei dem engen Genrebegriff bleiben möchte, den Philipp Parker entwickelt hat, und den ich hier erläutert […]

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