Charakter-Special: Bedürfnisse

Charakter-Special: Bedürfnisse #8 Selbstverwirklichung

31. Oktober 2018
Beduerfnisse #8 Selbstverwirklichung

Beduerfnisse #8 Selbstverwirklichung

 

Selbstverwirklichung. Lange Zeit war sie die Spitze der Pyramide. Warum? Liegt auf der Hand. Für viele Menschen ist sie der ultimative Ausdruck des Lebens. Aber was bedeutet das, sich selbst verwirklichen?

In jedem von uns schlummert ein Genie, egal in welchem Lebensbereich oder Aufgabenfeld das sein mag. Der eine strebt danach, der beste Vater zu sein, der er sein kann. Eine andere möchte mit ihrer Kunst die Welt bewegen. Wieder ein anderer fühlt, dass sein Platz in der Welt ist, die höchsten Wellen zu surfen, die besten Torten zu backen, anderen Menschen Freude zu bereiten.

Die innere Stimme

Selbstverwirklichung ist eine Welt der Superlative und der Subjektive. Denn, der oder die beste Version von sich selbst zu sein, liegt ganz allein im eigenen Empfinden. Was auch immer jemand anders in einem sehen mag, um sich selbst zu verwirklichen, muss man auf die innere Stimme hören, das drängende Gefühl tief in einem selbst, das sagt, tu dies. Oder geh diesen Weg.

Das ist keine einfache Aufgabe. Deshalb ging Maslow davon aus, dass Selbstverwirklichung erst dann möglich ist, wenn man alle anderen Stufen der Pyramide gemeistert hat. Das heißt, alle Bedürfnisse in einem so hohen Maß befriedigt sind, das man sich ganz dem Wunsch widmen kann, sein persönliches Potential auszuschöpfen.

Sich selbst kennenlernen

Wie hört man auf diese innere Stimme? Wie kann man, selbst mit Gegenwind seine eigene Welle surfen? Was macht dich glücklich? Wozu bist du geboren? Diese und noch viele weitere Fragen stehen im Zentrum von Geschichten, die sich mit Selbstverwirklichung beschäftigen. Es geht nicht länger nur darum, einen Feind zu besiegen oder aus einer Notsituation zu entkommen. Hier geht es um den verborgenen Schatz, die heimlichen Möglichkeiten, die wir fühlen können, wenn wir auf uns hören. Wenn wir uns fragen, was ist hinter der nächsten Biegung. Wo hört der Horizont auf. Not even the sky is the limit.

Um nach den Sternen greifen zu können, muss man sich selbst kennen. Seine Stärken und Schwächen, seine Wünsche, Ängste, Ziele und Hoffnungen. Man muss herausfinden, wie es einem geht und wie man mit Menschen interagiert. Dieses unentbehrliche Wissen sammeln Charaktere auf allen Stufen der Pyramide, bis sie schließlich die Schwelle zur Selbstverwirklichung erreichen.

Die Reise beginnt

Jede Geschichte, die einen Charakter zeigt, dem es augenscheinlich gut geht, der alles beisammen hat um ein angenehmes, unaufgeregtes Leben zu führen, beginnt meist mit dem fröhlichen Klopfen an der Tür. Wenn der Protagonist sich fragen muss, geht da nicht mehr?

Könnte ich unter Umständen, nicht nur ein gutes, sondern ein außergewöhnliches Leben leben?

Eine junge rebellische Bäckerin in einem Großbetrieb wird unter Umständen mit dem Wunsch konfrontiert, den sie schon hat, seit sie ein kleines Mädchen ist. Ein eigens Café. Augenscheinlich ist ihr Leben gut eingerichtet. Sie hat einen festen Job, einen netten Freund, eine schöne Wohnung. Sie trifft sich jeden Dienstag mit Freundinnen zum Kaffeetrinken. Aber irgendetwas fehlt. Und als sie eines Nachts im Bett liegt, und der Regen gegen das Fenster prasselt, wird ihr klar, dass sie etwas vergessen hat, das sie noch wusste, als sie klein war. Das das Leben dazu da ist, Träume wahr werden zu lassen. Und das sie, wenn sie jetzt nichts tut, niemals ein Café besitzen wird. Was sie angesichts dieser Erkenntnis tun wird, bestimmt ihr zukünftiges Leben.

Risiko

Und jeder der sich fragt, warum sollte man da zögern? Der muss nur an sein eigenes, größtes und schaurigschönstes Ziel denken. Denn das Herzklopfen und das Prickeln, das einem über den Körper läuft, ist Vorfreude und Angst. Was wenn es nicht klappt? Was wenn ich spinne? Was, wenn das gar nicht geht? Nichts kommt einem schlimmer vor, als loszugehen und dann zu scheitern. Also bleibt man wo man ist. Obwohl einem klar sein sollte, das von dort aus nichts passieren kann, was einem seinem eigenen Traum näher bringt. Deswegen lesen wir Geschichten von Bäckersfrauen, die die Laken von sich werfen und ins Badezimmer tappen. In den Spiegel schauen und theatralisch murmeln, Du eröffnest ein Café. Komme was wolle. Und sich dann peinlich berührt umsehen. Rede ich hier mit mir selbst? Oder bete ich? Zum Gott der Selbstverwirklichung? Zum Schutzheiligen der Risikoeingeher. Zum Patron der Lebensaufgaben.

Accepting the challenge

Sie weiß es, und wir wissen es. Wenn sie den ersten Schritt geht, wird alles anders. Denn mit dem ersten Schritt, ist man einen Schritt näher an dem, was man sich schon immer gewünscht hat. Und gleichzeitig einen Schritt weiter weg von allem, was man kennt.

Vielleicht trennt sich ihr netter Freund von ihr, weil er nicht verstehen kann, warum sie ausgerechnet jetzt ihren Job kündigt und stundenlang über Rezeptbüchern und Ideen brütet. Warum sie wie eine wahnsinnige in der kleinen Küche herumwerkelt, die Wangen rot, die Haare wild, nur um herauszufinden, wie sie den perfekten Erdbeermuffin oder das traumhafteste Zitronenküchlein hinbekommt.

Vielleicht kommt sie in finanzielle Schwierigkeiten, weil sie all ihre Ersparnisse in ein heruntergekommenes Eckcafé investiert, das schon bessere Zeiten gesehen hat. Vielleicht blicken sich ihre Freundinnen misstrauisch in der putzbröckelnden Bude um und fragen sich, ob sie verrückt geworden ist, sich vorzunehmen, dieses Ding zu renovieren. Vielleicht fängt ihre Familie an sie anzurufen, mit unauffällig vorsichtigen Fragen und diesem besorgten Unterton, der heißt, geht es dir gut? Und manchmal auch, hast du noch alle Tassen im Schrank?

Durchhalten

Aber vielleicht, ganz vielleicht … wenn sie durchhält und weiter bäckt, streicht, werkelt und schraubt. Wenn sie Zahlen hin und herschiebt und Backbücher wälzt, wenn sie irgendwann die erste Schicht honiggelbe Farbe auf die Wände bringt und sich bückt um den kaputten Wasserhahn zu reparieren, klingelt die rostige Glocke über der Eingangstür und sie hört einen leisen Pfiff. Und mitten in der staubigen Baustelle steht einer, der die Hände in die Hüften stützt und sich anerkennend umsieht. „Wow. Gute Arbeit. Als ich vor nem halben Jahr hier war, sah es aus, als würde das ganze Haus in sich zusammenklappen, wenn man die Tür zuzieht. Aber jetzt …“ Und er nickt und grinst und lugt hinter die Spüle, wo sie sitzt, den Schraubenzieher in der Hand und zum ersten Mal in dieser ganzen vermaledeiten Zeit hört, das jemand gut findet, was sie macht.

Und vielleicht, bietet er ihr seine Hilfe an und sie nimmt an. Und er kommt zur Café Eröffnung mit einem Strauß Wildblumen, die sie besonders mag. Steht im Hintergrund während auf sie angestoßen wird und die ersten Leute ihren selbstgebackenen Zitronenkuchen kosten. Und vielleicht beginnt sich aus dem Staub und dem Muskelkater und den mitternächtlichen Nervenzusammenbrüchen ein neues Leben abzuzeichnen. Eins dass noch viel besser ist, als sie sich es jemals erträumt hat.

All in

Oft müssen wir alles riskieren, die Bequemlichkeit, den Status Quo, das angenehme unaufgeregte Leben, um zu dem durchzudringen, was für uns wirklich wichtig ist. Denn alles wird sich um so besser wieder zusammenfügen, noch harmonischer miteinander funktionieren, uns dreimal so viel Freude bereiten, wenn wir wissen: Da ist es, was ich will. Das ist mein Leben. Ich liebe es.

Wenn wir uns durch die Schneewehe gekämpft haben, in Sicherheit sind, jemanden an unserer Seite oder Menschen um uns, die Möglichkeit zu lernen und uns weiterzuentwickeln und die Fähigkeit, unsere Umgebung ästhetisch einzuschätzen, regt sich in uns der Wunsch nach mehr. Danach, sein eigenes Potential zu verwirklichen.

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2 Comments

  • Reply Roland 1. November 2018 at 11:30

    Hallo Isabel,
    auch wenn ich mich in letzter Zeit mit Kommentaren zurückhielt, so habe ich doch mit neugierigen Interesse stets deine Beiträge hier gelesen. Heute juckt es mich mal wieder meinen Senf zu dem interessanten Thema Selbstverwirklichung dazu zu geben.
    Deine Sicht auf dieses Thema liest sich für mich so, als könne man/frau – so einfach aus einer Idee heraus, die auf Unzufriedenheit mit dem erreichten Leben beruht – sich ein neues Ziel setzen. Und dann muss man nur alle Kraft daran setzen, wie dein Beispiel der Bäckersfrau sich was größeres zu wünschen, also sich selbständig zu machen, ein Cafe zu betreiben. Alle Kraft darauf zu verwenden, keine Mühen und finanzielle Risiken zu scheuen, um dies zu verwirklichen.
    Wenn das ‚Selbstverwirklichung‘ sein soll, dann ist es, verzeih mir, etwas kitschig. Es erinnert mich an die vielen Erfolgsrezepte …..‘arbeite härter dann hast du Erfolg …. wie wird man reich… etc. pp‘ – Mag sein, dass man/frau auf finanzieller Ebene sich verbessert – aber führt solch ein Streben dann wirklich – zur Selbstverwirklichung? Geht es hier rum nicht um eine seelische Befreiung vom Alltag, um eine tieferes Verständnis von Kulturen, von Menschlichem?
    Wer mehr vom Dasein als existenzielle Nöte tiefer erfahren will, der sollte auf (sebst organisierte) Reisen gehen , in fremden Ländern zeitweise leben, körperliche und geistige Herausforderungen annehmen, sich in ungewisse Lebensabenteuer (neuer Beruf, neue Freunde, neues Studium) stürzen, egal wie es ausgeht. Es geht nicht darum danach als Erfolgreicher, als Held oder Star dazu stehen. Es stellt sich ein ganz anderer Reichtum ein. Erfahrungen und damit mehr Weitsicht, wenn man Glück hat auch eine heitere Gelassenheit. Und man schaut in den Spiegel und zwinkert sich zu. Das ist mein – selbstbestimmtes – Leben und es ist gut!
    So wie das deiner Mutter – und ich wünsche es auch für dich.
    Liebe Grüße

    • Reply Isabel 1. November 2018 at 12:31

      Hi Roland!
      Wie schön, von dir zu hören! Und, wie immer, danke für dein lebensbejahendes Feedback.

      Ich glaube, Ziele sind eine schöne Sache, wenn es um Selbstverwirklichung geht, aber bei weitem nicht alles. Etwas kitschig, gebe ich zu, ist mein Gefühl, dass die Reise oft das Ziel ist. Also der Prozess des Sich-Selbst- Kennenlernens, in unterschiedlichen Lebenssituationen und Beziehungen.

      Wenn man einen Wunsch wahrnimmt, egal welcher Art, und die selbstorgansierte Reise zum eigenen Ich antritt.

      Ich denke, es kann harte Arbeit sein, sich selbst kennenzulernen, auf andere Menschen zu zugehen, Erfahrungen auf sich wirken zu lassen und zu verarbeiten. Und es ist ein enormer Erfolg, mit sich und anderen glücklich zu leben. Was auch immer das für einen selbst bedeutet.

      Das Beispiel der Bäckersfrau hat für mich gar nicht so viel mit finanziellem Reichtum zu tun (auch wenn ich ihr wünsche, dass das Café gut läuft;) Ich sehe ihrem Erfolg darin, sich selbst und anderen Menschen Freude zu bereiten. Krisen überwunden zu haben und zu einem tieferen Verständnis gelangt zu sein.

      Mein Eindruck ist, das es nicht eine Sache gibt, die Selbstverwirklichung bedeutet. Nicht einen Erfolg, sondern viele. Kleine und große Einsichten. Großartige und schmerzhafte Erkenntnisse. Den Mut sich wahrzunehmen. Und zu leben, wie es einem gefällt. Immer wieder aufs Neue.

      Beste Grüße!
      Isabel

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