DIY-Donnerstag, Epub Insights

Epub Insights #9 scroll or swipe

13. September 2018

Liebe AutorInnen und SelfpublisherInnen,

in den letzten Artikeln habe ich mich noch damit beschäftigt und erläutert, wie man erreicht, dass in E-Books Bilder und Bildunterschriften auf der gleichen Seite dargestellt werden. Jetzt hat Amazon in der neuen Kindle-App gerade die Möglichkeit eingerichtet, vertikal durch das ganze Buch zu scrollen. Es gibt also noch nicht mal mehr eine Anmutung von Seiten. Ist damit der ganze Aufwand, Bilder und Bildunterschriften zu verbinden, umsonst? Nein – natürlich nicht, es ist immer noch von Vorteil, wenn man – soweit es geht – kontrolliert, wie Bild und Bildunterschrift miteinander korrespondieren. Und es stellt sich die Frage, was wird sich durchsetzen: scroll or swipe?

Pageturn

Als ich vor gefühlt einem halben Jahrhundert, das erste Mal ein E-Book aus dem iBooks Store auf meinem iPad geöffnet habe, war ich fasziniert, welche Mühe die Entwickler sich mit der Animation zum Umblättern gemacht hatten. Gleichzeitig musste ich schmunzeln, weil es so süß war, wie man auf einem Screen irgendwie das Gefühl von Seitenumblättern erzeugen wollte. Ein wenig sah es für mich allerdings so aus, als wäre man gar nicht stolz darauf, ein ganz neues Gadget erfunden zu haben und eine ganz neue Möglichkeit, Texte zu lesen. Vielleicht wollte man einfach auch den Lesegewohnheiten der Menschen, die noch viel Gedrucktes lasen, entgegenkommen. Schau mal, ist doch eigentlich genau wie ein Buch, sogar zum umblättern. Beinahe wäre ich in die alte, schlechte Angewohnheit verfallen, kurz den Finger anzulecken, damit das Umblättern leichter geht.

Aber mit der Annahme, dass diese Pageflip-Animation als sentimentale Reminiszenz an gedruckte Bücher bald in die Mottenkiste wandern würde, lag ich offensichtlich falsch. Denn sogar Amazon hat die neuen Kindle-Fire damit ausgestattet. Allerdings in einer primitiveren Version als es die gewohnt designversessenen Apple Entwickler vorgemacht hatten. Während bei iBooks wirklich die nächste Seite erscheint , genau wie es auch beim einem gedruckten Buch wäre, wird beim Kindle die aktuelle Seite beim Umblättern einfach nur spiegelverkehrt abgebildet, als könnte man durch das »Papier« hindurchsehen. Das ist nun völlig sinnfrei. Aber wer merkt das schon?

 

scroll or swipe

ipad / iBooks-App

 

scroll or swipe

kindle-fire / kindle-App

Swipe

Besonders schön fand ich die Pageflip-Animation vor allem, wenn ich das iPad horizontal hielt und im Zwei-Seiten-Modus war, der ja wieder an ein aufgeschlagenes Buch erinnert. Aber mal ehrlich, wer hält sein Tablet oder Smartphone schon horizontal, wenn er ein E-Book liest. Beim Kindle Fire macht es für mich gar keinen Sinn, da im horizontalen Modus auch nur eine breite Spalte angezeigt wird, die dann natürlich für ein angenehmes Lesen zu breit ist. Ich jedenfalls lese immer im vertikalen Modus. So wird mir zwar immer nur eine Seite angezeigt. Aber ich habe ja auch kein Buch in der Hand. Dabei finde ich das einfache Zur-Seite-Swipen der Seiten am angenehmsten. Es geht schnell. Und es rhythmisiert das Lesen unmerklich und ohne Fisimatenten.

Scrollmodus

Wer wollte konnte in der iBooks-App schon immer über das Schriftmenü auf einen Scrollmodus wechseln. Mir hat der Scrollmodus nie zugesagt, aber das geht offensichtlich nicht allen so, denn sonst hätte Amazon vermutlich nicht jetzt auch eine weitere Möglichkeit in die Kindle-App intergriert, mit der man ein E-Book lesen kann. Nämlich das vertikale Durchscrollen.

Hand und Auge

Ich habe das probiert und muss sagen, es ist nicht mein Ding. Es mag daran liegen, dass ich mich über mehrere Jahrzehnte daran gewöhnt habe, dass meine Augen von links nach rechts durch eine Zeile lesen und dann wieder – wie bei einer vorsintflutlichen Schreibmaschine – rums – an den nächsten Zeilenanfang »geschoben« werden. Wie ist das nun beim Scrollen? Dort lese ich auch meist ein paar Zeilen eher am oberen Rand. Also genau wie vorher,  ich scrolle dann aber den Text weiter hoch. Meine Augen finden nun nicht automatisch nach jeder Zeile den nächsten Zeilenanfang, nämlich eine Zeile tiefer, sondern sie müssen diesen Zeilenanfang jedesmal suchen, weil ich ja nicht immer exakt an die gleiche Stelle scrolle. Selbst, wenn ich eine ganze Bildschirmseite bis zur letzten Zeile lesen würde und dann die ganze nächste »Seite« weiter hochscrollen würde, wäre das wie der verblichene Hans Dieter Hüsch sagen würde: Millimeterarbeit. Es wäre ja eher Zufall, wenn ich die nächste Zeile exakt bis zum oberen Bildschirmrand scrollen würde. Woher soll der scrollende Daumen oder das suchende Auge denn wissen, wo die nächste »Seite« anfängt?

Die Alternative wäre, ich scrolle ununterbrochen. Ich will nicht behaupten, dass das harte Arbeit ist, sie funktioniert unbewußt, wie das Gasgeben beim Auto, aber es ist eine unnötige Aktion. Dabei lese ich beispielsweise immer nur die oberste Zeile, springe dann in der gleichen Zeile mit dem Fokus wieder nach links, wo ich schon die nächste Zeile hingescrollt habe. Für längere Texte eignet sich diese Art des Scrollen aus meiner Sicht allerdings nicht. Ich finde es sehr ermüdend. Es sei denn, der Text ist durch zahlreiche Stopper, Zwischenüberschriften, Vignetten etc. gegliedert.

Fade

Die ganz alte Variante der ersten Kindle Reader per Button »umzublättern« war für mich -vielleicht als Linkshänder – allerdings auch eher suboptimal, weil ich nie bequem an die Buttons kam und oft die zweite Hand zum »Umblättern« brauchte. Dabei fadete der Text oft etwas flackerig aus und die nächste Seite erschien.

Das hat sich in den nächsten Kindle-Generationen erheblich verbessert. Bei meinem geliebten Kindle-Touch wischt und scrollt man nicht, sondern berührt einfach nur den Rand des Bildschirms. Rechts zum weiterblättern, links zum zurückblättern. Der gelesene Text fadet nahezu flackerfrei aus und der nächste Abschnitt erscheint.

… und wie es sich anfühlt

Scrollen hat für mich eher etwas von einem tiefen Brunnen, dessen Grund ich nicht sehen kann, von dem ich noch nicht einmal weiß, ob überhaupt Wasser drin ist. Oft scrolle ich vor, um zu sehen, wie viel noch kommt. Scrollen verleitet – und ist meiner Meinung nach auch gut dafür geeignet  – zum Überfliegen von Texten. Scrollen assoziiere ich mit Arbeit. Kurz mal den Inhalt scannen. Eher etwas für den Desktop.

Swipen/wischen verbinde ich eher mit einem entspannten, zurückgelehnten Lesen, übrigens genauso – und das überrascht mich immer wieder selbst – wie das »umblättern« per click und fade. Bei der neuesten Version des Kindle-Touch funktioniert das so smooth, dass ich es nicht mehr als störend wahrnehme, und den ganzen Sommer über bei strahlender Sonne am See auf dem spiegelfreien Touch gelesen habe. Summer of reading, summer of love.

PS:

Ein schönes Goodie für alle, die weder swipen noch scrollen können, weil sie ihre Hände gerade über die Tasten eines Klaviers sausen lassen und keine Hand frei haben, sind die Pageflip Butterflys, die mit den Füssen bedient werden, um Partituren auf dem iPad umzublättern. (Gibt es jetzt auch für die neuen Kindle Fire HD, wobei man schon sehr gute Augen haben muss, um auf dem kleinen Bildschirm Noten zu erkennen)

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