Charakter-Special: Bedürfnisse

Charakter-Special: Bedürfnisse #2 Basics

19. September 2018

 

Die unterste Ebene der Pyramide setzt sich aus all dem zusammen, das wir absolut notwendigerweise zum Leben brauchen. Essen, Trinken, Schlafen, Wärme. Wenn diese Dinge angegriffen werden, ist das Leben schnell bedroht. Wie ein Kind, dass auf die Welt kommt, sind auch wir immer noch darauf angewiesen, unserem Körper Energie zuzuführen, Pausen einzulegen und uns vor Verletzungen zu schützen.

Steht unsere Gesundheit auf dem Spiel, nimmt das Leben eine erstaunliche Einfachheit an. Wo wir uns vorher noch über zu enge Hosen oder einen falschen Haarschnitt beschwert haben, hängen wir jetzt mit all unserer Überzeugungskraft an der verzweifelten Bitte: Lass mich leben.

 

Leben und Tod

Deshalb bringen Geschichten, in denen die Gesundheit eines Charakters bedroht oder angegriffen ist, immer grundlegende Fragen mit sich. Was wertschätze ich im Leben? Was würde ich tun, wenn heute der letzte Tag meines Lebens wäre? Es liegt in unserer Natur, Dinge zuzuspitzen um diesen wichtigen Fragen ins Auge blicken zu können. Wenn nervige Kollegen, Stau auf der A3 oder ein Sommerurlaub, der in den Regen fällt, auf einmal wie Gänseblümchen auf einer Frühlingswiese wirken. Und all die müßigen Fragen, die wir uns über uns und unsere Existenz gestellt haben, auf einmal unwichtig sind. An dem Punkt, an dem es um Leben oder Tod geht, realisieren Charaktere und mit ihnen die Leserin, worum es ihnen wirklich geht. Was sie mit dem Geschenk des Lebens machen wollen.

Ressourcen

Eine wirkungsvolle Methode, um die Spannung jeder Geschichte zu erhöhen, ist, die lebenswichtigen Ressourcen zu kürzen, die den Charakteren zu Verfügung stehen. Eben saß die Expeditionsgruppe noch gemütlich bei warmer Yak Milch zusammen, jetzt ist das Proviantzelt weggeflogen, der Gaskocher ausgefallen und ein Sturm zieht auf. Da sieht die Sache mit einem Mal ganz anders aus. Der Amerikaner, der gerade noch Witze erzählt hat, sitzt auf einmal mit grimmiger Miene in seinen dünnen Schlafsack gewickelt in der Ecke und der großzügige Hippie späht misstrauisch in die Gesichter der anderen. Es entstehen Rangeleien, die Mienen werden angespannter, der Ton rauer. Temperamente kochen auf. Und das ist der Punkt, an dem der Autor sich diabolisch lächelnd die Hände reibt. Let’s play.

Die Wahl der Qual

Natürlich geht es nicht darum, seine Figuren unnötig zu quälen. Aber der Fokus liegt dabei auf dem Wort unnötig. Denn, jede Qual, der wir unseren Charakter aussetzten können und die ultimativ dazu beiträgt, dass diese Figur sich weiterentwickeln kann, ist erlaubt. Ja sogar notwendig.

Der arrogante Erbe eines Ölkonzerns sitzt unter Umständen mit einem gebrochenen Bein und abgefrorenen Fingerspitzen wenige Meter unter dem Gipfel, starrt in die rosarote Ferne der aufgehenden Sonne und realisiert, dass der Ansatz mit dem er bisher ans Leben herangegangen ist, für ihn nicht länger funktioniert. Vielleicht sieht er sich zum ersten Mal der stillen Kraft entgegengesetzt, die der Natur innewohnt. Und ihm wird klar, dass es falsch war, den Auftrag zu geben, in einem Naturschutzgebiet nach Öl zu bohren. Oder er begreift, wie egoistisch er sich seiner Freundin gegenüber verhalten hat und  beschließt, ein besserer Mensch zu werden. All das und noch viel mehr, wird möglich, wenn wir uns mit unserer eigenen Vergänglichkeit konfrontieren.

Mit aller Zeit der Welt, unter strahlendem Sonnenschein, durch einen blühenden Park zu spazieren, animiert die wenigsten Charaktere dazu, sich den düsteren und ungeheuerlichen Fragen zu stellen, die sie oder ihn befähigen ihr Leben zu verändern.

Wir sind gleich

Auf dieser einfachsten Stufe sind wir alle gleich, alle vereint, in dem gemeinsamen Bedürfnis nach all dem, was uns Leben gibt und hilft, Leben zu erhalten. Auf dieser Ebene fällt es uns leicht, uns in anderen Menschen, ja anderen Tieren zu sehen. Ein Eisbärenjunges, dass hinter seiner Mutter durch die Eiswüste trottet, weckt in uns die selben vertrauten Gefühle, wie der Anblick eines hungrigen Löwen. Wir wissen, wie du dich fühlst.

Es kann ein vereinendes Mittel sein, unterschiedliche Charaktere in eine gemeinsame Situation geraten zu lassen, in der sie erkennen müssen: Wir brauchen das selbe. Wir leben von den selben Dingen. Wir sind gleich.

Dann kann das Teilen einer Scheibe Brot genauso viel Bedeutung haben, wie eine Spende in Millionenhöhe. Dann ist es eine große Tat, seinen warmen Mantel zu teilen oder jemanden in sein Haus einzuladen. In Zeiten, in denen Menschen sehr viel mehr Schwierigkeiten hatten, die grundlegenden Bedürfnisse des Lebens zu befriedigen, entstanden viele Geschichten, die sich darum drehten. Im Schlaraffenland zu leben ist nur für jemanden attraktiv, der seit einer Woche an einer harten Brotkante knibbelt. Auf dieser, der untersten Ebene der Pyramide, sind die Dinge simpel. Und wirkungsvoll.

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