7 Wege zu einer Buchidee

7 Wege zu einer Buchidee #7 INSPIRIERT

13. Juni 2018
Inspiration

Nun – natürlich durfte bei den Wegen zu einer Idee die Inspiration nicht fehlen. Und sogleich befinde ich mich auf ganz dünnem Eis, denn viele von euch werden sagen: Inspiriert? Was soll das sein? Meint man nicht einfach nur: Mir fällt was ein? NEIN. Genaus das ist Inspiration nicht. Keine Lösung oder tolle Idee (Ich könnte mal was über Vampire schreiben!), sondern eine Eingebung, die von irgendwo anders als dem eigenen Gehirn, dem Verstand zu kommen scheint.

Unter Inspiration (lateinisch inspiratio ‚Beseelung‘, ‚Einhauchen‘, aus in ‚hinein‘ und spirare ‚hauchen‘, ‚atmen‘; vgl. spiritus ‚Atem‘, ‚Seele‘, ‚Geist‘) versteht man allgemeinsprachlich eine Eingebung, etwa einen unerwarteten Einfall oder einen Ausgangspunkt künstlerischer Kreativität. (Wikipedia)

Sehr früh, aber nachweisbar der Antike, fragten sich Künstler, woher sie ihre Ideen wohl bekommen und selbstredend spielten auch die Götter eine große Rolle. Cicero sah die Idee als einem unerwarteten Hauch, der den Poeten ereilt – eine mächtige Gewalt, deren Wesen der Poet hilflos und unbewusst ausgesetzt sei.

Schon Platon wollte das alles etwas sachlicher haben, doch mal ganz dreist zusammengefasst – bei allem Hin- und Her – ist es immer noch so, dass Künstler behaupten, dass ihnen Ideen von außen/oben zugefliegen. Auf einmal da sind, ohne Nachdenken, ohne logisches Denken. Ich kann das bestätigen und – nicht wirklich erklären, also wie es funktioniert und was da passiert. Keiner kann das.

Inspiration im Wandel der Zeit

Wie alle Begriffe und Vorstellungen, hat sich auch die Vorstellung von der Inspiration über die Jahrhunderte verändert. Oder besser gesagt: Es gab verschiedene Interpretationen. Da Inspiration im Christentum eine große Rolle spielt, rücken viele gerne davon ab. Auch wegen Sätzen wie diesen:

Gemäß der Annahme einer Verbalinspiration wird der Wortlaut der Bibel selbst als von Gott inspiriert angesehen. (Wiki)

Da ich Theologie studiert habe, weiß ich, dass an der Bibel nicht ein Mensch, sondern etliche gschrieben haben: Historiker, Poeten, Autoren. Und das noch nicht mal in einer kreativen Sitzung, sondern über Jahrhunderte verteilt. Alle inspiriert? Ja, sagen die Kirchenväter, aber vor allem ist die ganze Bibel, das Gesamtwerk, ein von Gott mitgeteiltes Werk. Daran haben sich viele Wissenschaftler abgearbeitet, aber das sprengt hier das Thema. Ich will nur klar machen, warum der Begriff „Inspiration“ für unsere rationale und vermunftorientierte Welt manchmal etwas schwer zu schlucken ist. Fast so schwer wie „unbefleckte Empfängnis“.

Big Magic

„Für einen Moment stellten sich mir die Nackenhaare auf, und mir wurde schlecht, ein wenig schwindelig. Es fühlte sich an, als würde ich mich verlieben oder hätte gerade etwas Erschreckendes erfahren oder würde von einer Klippe auf etwas Wunderschönes, und Faszinierendes, aber Gefährliches blicken. Diese Symptome verspürte ich nicht zum ersten Mal, also wusste ich sofort, was los war. Eine derart intensive emotionale und körperliche Reaktion erlebe ich nicht oft, aber oft genug (und sie deckt sich ziemlich mit den Symptomen, die Menschen auf der ganzen Welt zu allen Zeiten geschildert haben), um sie getrost bei ihrem Namen zu nennen: Inspiration. So fühlt es sich an, wenn eine Idee zu dir kommt.“ (Elizabeth Gilbert in „Big Magic“, 2015)

Elizabeth Gilbert ist Journalistin und Autorin, sie lebt, sie schreibt – heute. Ich will damit sagen: Das Thema ist noch nicht vom Tisch. Oder etwas poetischer: Inspiration ist die höchste Form einer künstlerischen Eingebung.

Was da passiert ist seltsam, unerklärlich, aber als Künstlerin habe ich diese Momente, besonders als Malerin, sehr oft erlebt. Im Schreiben gibt es ein paar markante Situationen, in denen ich eine Idee für ein Projekt im Bruchteil einer Sekunde komplett empfangen habe. Es war kein Zusammensuchen, die Idee war da, von vorne bis hinten. Genau wie Gilbert es schildert, war ich danach leicht hungrig, dieses taumelige Gefühl, man weiß gar nicht so recht, was da gerade passiert ist.

Mehr als eine Idee

Wenn man eine KünsterIn ist, arbeite man im Grunde sein ganzes Leben daran, offen zu bleiben. Für Eindrücke, für Gefühle, für Inspiration. Das ist das Schwerste. Denn diese Offenheit kommt mit einem hohen Preis. Das, was für andere ganz normal ist: Arbeiten, Listen, Aufgaben, Pünktlichkeit, Geld verdienen, Pflicht erfüllen – löst sich immer mehr auf. Es verträgt sich nicht unbedingt mit diesem Zustand von schwindeliger, taumeliger Abgehobenheit. Zudem sind inspirierte Ideen meist ihrer Zeit voraus, oder so „merkwürdig“, dass die wenigsten Verleger oder Agenten ein Gespür dafür haben und sie verstehen oder erspüren können, welches Potential in ihnen liegt. Alles das, was ihre Großartigkeit ausmacht, sieht unter Marktbedingungen sehr zweifelhaft aus.

Woher kamen die Ideen für die Harry Potter-Bücher?

J. K.. Rowling: Ich habe keine Ahnung wo die Ideen herkamen und ich hoffe es auch niemals herauszufinden, es würde mir die Freude verderben wenn sich herausstellen würde dass ich eine lustige kleine Falte auf der Oberfläche meines Gehirns habe, die mich an unsichtbare Bahnhofsgleise denken lässt. (Quelle)

Mein Lieblingsbeispiel: J. K. Rowling. Sie hatte ihre Harry-Potter-Inspiration 1990 in einem Zug auf der Fahrt von Manchester nach London. Die ganze Idee, wie sie sagt, war auf einmal da.

Un- inspiriert

Ein Buch mit einem schönen Plot, gut erdacht, ist eine solide Sache. Es ist – okay. Im Drehbuchbereich musste ich so arbeiten, ich konnte nicht auf Inspiration warten und habe mir oft etwas ausdenken müssen, damit ich etwas vorzeigen oder abgeben konnte. Für viele Autoren ist es ähnlich. Der Verlag sucht etwas (meist teilen das die Agenten den Autoren mit) und der Autor überlegt sich was. Schlau. Geschäftstüchtig. Na, klar. Wenn man davon leben will, kann man nicht warten, bis die Muse einen küsst, was nichts anderes heißt, als inspiriert zu werden. Seltsamerweise merkt man Büchern allerdings an, wenn sie uninspiriert geschrieben wurden.

Ich will das Brojob-Schreiben nicht verurteilen, aber ich denke, das wir viel mehr inspirierte Bücher brauchen. Doch wie sollen sie entstehen? Inspirierte Ideen kommen nicht, wenn man sich mal eben auf das Bett legt und die Augen schließt. Und selbst wenn man dann endlich eine hat, sind sie sehr viel schwerer in einem Verlag unterzubringen. Selbst wenn so eine Idee dann veröffentlihct ist –  erkennen die Leser die Idee oft nicht an, und verstehen sie vielleicht erst Jahre oder Jahrzehnte später.

Auch Künstler unterschätzen ihre besten Einfälle oft. Die Idee kam so schnell und merkwürdig (das Wort muss ich einfach öfter benutzen), dass sie diese Eingebung als nicht wirklich wichtig erachten. So ging es Stephen King mit seiner Idee für „Carrie„. In seiner Autobiografie „On Writing“ erzählt er, dass er das Manuskript in den Papierkorb geworfen. Bäm, weg damit, war zu einfach, ist bestimmt Schrott. Seine Frau es herausgeholt hat und King beschworen hat, daraus ein Buch zu machen. Sein erstes veröffentlichtes Buch!

Finding the magic

Das Gemeine an Inspirationen ist, dass sie nicht auf Kommando kommen. Es gibt kein Rezept. Sich in die Wanne legen, einen Spaziergang machen, meditieren – alles gut und schön, aber wenn ich zurückdenke, dann wurde ich in den merkwürdigsten und unerwartetesten Momenten inspiriert. Und nicht einmal, als ich es darauf angelegt habe. Also, hey, nicht aufgeben!

Denn … Ich bin überzeugt davon, dass Bücher, die auf einer inspirierten Idee basieren, am längsten bleiben und am wertvollsten für die Menscheit sind. Wir brauchen – alle – inspirierte Werke. Sie erinnern uns an etwas Größere, Besseres, Vollkommeneres. Erheben uns. Nein, ich sag nicht göttlich. Oder christlich. Das ist gar nicht nötig.

Auf Inspiration zu warten, kann sehr zermürbend sein, da garantiert die Miete zwischendurch fällig wird. Doch wachsam für diese Momente zu bleiben, in denen man diesen kleine Schauer hat, dieses Prickeln spürt, einem leichten Schwindel hat, lohnt sich. Selbst wenn es am Ende nur das eine Buch ist, das diesen Anspruch erfüllt. Nur ein Werk, das von euch in Erinnerung bleibt.

Okay, das klang jetzt fast nach Predigt. Und ist auch schon der Abschluss dieser Blogreihe. In den nächsten beiden Wochen bin ich in Schreibklausur. Was danach am Writers Wednesday stattfindet, ist noch nicht ganz klar, wir haben ein paar Ideen, die werden wir in den beiden nächsten Wochen mal hin- und herschaukeln. Kann ja sein … wir werden inspiriert, etwas vollkommen anderes zu machen. Mal sehen!

Eine gute Zeit!

xoxo

Katrin

#redbugwriting #rbpub #amwriting #schreibtipps

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3 Comments

  • Reply roland 13. Juni 2018 at 16:20

    Hi Katrin

    wieder hast du in bewundernswerter Art und Weise deiner Fan-Gemeinde Wege aufgezeigt wie sie (die Schreibfreudigen unter ihnen) zu einer Buchidee kommen könnten. Es hat mich allerdings erst ab Beitrag Erlebt – Geträumt – und hier: Inspiriert wirklich angesprochen. Ich denke das ist: Nur wer phantasievoll träumt (träumen kann!) und dadurch in seinem ‚Erlebt‘ die Augen geöffnet bekommt, dem wird plötzlich die Gnade einer Inspiration
    möglicherweise – wie aus heiterem Himmel – zu fliegen. Es ist wie mit der Liebe, mit dem Glück (oder allein mit Glücksmomenten): Man kann sie nicht suchen, nicht verlangen, nicht finden. Sie findet dich!

    Wenn einem plötzlich die Inspiration sagt: Sooo! Jetzt schreibe ich darüber ein Buch! Dann ist man auf einem guten Weg. Wo dieser dann endet, das ist völlig uninspiriert dann vom Marketing abhängig.
    L’art pour l’art. Das ist die Belohnung.
    Danke Karin, für deine bewundernswerte Mühe mit deinen unzähligen -und schönen Beiträgen – die Aufgabe ‚Ich will ein Buch schreiben‘ so sehr verständlich aufzudröseln.
    Roland

    • Reply Katrin 17. Juni 2018 at 13:26

      Hi Roland!

      Da taucht man mal kurz aus dem Schreibtrance auf und – findet nette Kommentare! Danke. Immer nett, wenn Du vorbeischaust, wobei ich langsam weiß, welche Blogbeiträge Dir besonders gefallen, ha, ha!
      Und, ja, genau, eigentlich sollte das ganze Leben „inspiriert“ sein.
      Ich würde am liebsten ganz radikal beim Schreiben sagen: Entweder inspiriert oder ich lass es sein. Mal sehen, ob das aufgeht …

      Lg Katrin

  • Reply Roland 18. Juni 2018 at 00:13

    Wie recht du hast, liebe Katrin!
    Man/frau sollte ein ‚inspiriertes‘ Leben erstreben – denn man lebt nur einmal und relativ kurz auch noch. Bevor man/frau darüber nachdenkt über das ‚Leben‘ zu schreiben sollte man die ‚Welt‘ mit ihren vielfältigen Abgründen und gelegentlichen Höhen durchstreift , geliebt und gelitten, Hunger und Durst, Arbeit und Not kennengelernt haben – das ganze tolle aufregende Kaleidoskop eben. Wenn man/frau dann sich berufen fühlt ein Buch veröffentlichen zu wollen – dann nur zu! Das Schreiben allein (das Verarbeiten deiner Gedanken, Erkenntnisse, Erlebnisse) ist schon ein künstlerischer Prozess und damit eine Erhöhung eines nur dem Broterwerb und dem Konsum gewidmeten schlichten Daseins.
    Vollkommen stimme deinem letzten Satz zu: Entweder inspiriert oder lass es sein! Hätte ich nicht von dir gedacht, lach! Aufgehen wird er vermutlich nicht, das sieht man ja an den was weiß ich wie viel Tausenden Neuveröffentlichungen pro Jahr.
    Da halte ich mich raus und mache lieber weiterhin einen Roman aus meinem Leben, als über mein Leben einen Roman zu schreiben. Nix für ungut, du erscheinst mir immer wie eine gute Fee, die mit viel Herzblut das eigentlich Unmögliche versucht.
    Roland

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