7 Wege zu einer Buchidee

7 Wege zu einer Buchidee #5 ERLEBT

30. Mai 2018
Erlebt …

Diesmal geht es um die Krone der Erfahrung. Nicht (nur) gesehen oder gehört, sondern wirklich erlebt. Nicht nur davon gehört – und nicht gesehen, wie alles sich ereignet hat. Nicht nur gesehen, sondern gespürt, wie es sich anfühlt, gerochen, geschmeckt und geschmerzt hat. Selbst Erlebtes ist mächtig und stark. Daher wollen wir auch keine CoachIn oder BeraterIn, die keine Ahnung hat, wie es in dem Bereich zugeht, in dem sie uns beraten will. Oder wie heißt es so schön: Nimm keine Ratschläge von jemandem an, der nicht da stehst, wo du hinwillst.

Nun kennt ja jeder die Bücher von Menschen, die durch den Fluss durchschwommen/die Wand erklommen/die schreckliche Kindheit gehabt/die böse Krankheit überwunden/den Stein der Weisen gefunden (okay, ich hatte hier eigentlich nicht vor zu reimen …). Ich meine die Erlebnisliteratur, bei der der Autor seine eigenen Erfahrungen in einem Buch erzählt. Diese Bücher können grausam schlecht oder grandios großartig sein, aber um diese Bücher geht es mir heute nicht.

In diesem Blogbeitrag geht es um Ideen für Belletristik. Literatur.

Nach meiner Erfahrung …

Aber wie soll man auf eine Buchidee kommen, wenn man selber noch gar keine Erfahrungen gemacht hat? Zumindest keine besonderen, herausragenden? Man schummelt sich durch. Logisch! Versteht mich nicht falsch, ich empfehle das jetzt nicht, es ist nur einfach das, was viele von uns tun, um überhaupt an Erfahrungen heranzukommen oder zu sehen, wie es sich anfühlt, etwas erlebt zu haben, oder zu können, oder zu wissen. So ist das, wenn man jung oder unerfahren ist.

Ich habe zwei jüngere Brüder und bis ich 9 Jahre alt war, haben wir ein Zimmer geteilt. Mit 6 kam ich in die Schule, meine Bruder erst später. Ehrlich – ich konnte ihnen ALLES erzählen, sie haben mir alles abgenommen. Ich konnte nie einschlafen und habe meine Brüder dann gerne mal vom Schlafen abgehalten. Und ihnen vorgesungen. Englisch versteht sich. Konnte ich das? Nope. Aber es war sehr faszinierend, den amerikanischen Akzent nachzuahmen und ihnen etwas vorzuknödeln. Sie fanden es großartig. Beeindruckend. Sie haben es mir 100 % abgenommen. Und ich konnte schon mal reinfühlten, wie es sich anfühlt, Englisch zu sprechen. Bevor ich die Sprache – wirklich – kannte und konnte.

Nachgeahmt

Kinder lernen so. Sie schauen, was die Großen, die Erwachsenen machen und ahmen es nach. Kein Kind würde laufen lernen, wenn wir alle auf dem Boden rumkrabbeln würden. Wer unerfahren ist, ahmt erfahrene Leute nach. Vollkommen okay. Warum? Weil man spürt, da ist was. Da gibt es etwas zu erfahren, zu erleben.

Die alte Kunstausbildung hat den Schülern verboten, etwas Eigenes zu erschaffen, sie sollten erst einmal die Meister kopieren, um von ihnen zu lernen. In der Schule lernen wir nach einem vorgegebenen Lernmuster, so, wie man es vor uns gelernt hat. Es geht schneller, als wenn wir uns das Kasper-Hauser-mäßig selbst beibringen müssten.

Erwachsen werden

Doch, nun,  irgendwann kommt der Punkt, da erwartet die Welt mehr von uns, als nachgeahmt und abgeguckt oder nur so zu tun als ob. Wenn ich jetzt mit meinem Fake-Englisch ankäme, dann würde man mich nur noch bemitleiden. Selbst meinen Brüder kann ich nichts mehr vorsingen, sie können mittlerweile selber Englisch, da könnte ich es höchstens mit Japanisch versuchen.

So ähnlich ist es mit dem Schreiben. Ihr könnt Liebesszenen oder Stress oder Krankheit für Zwölf oder Dreizehnjährige oder auch Fünfzehnjährige schreiben, die noch nie Sex oder eine Krankheit hatten, und sie werden es toll finden, aber … wenn ihr keine Erfahrung damit habt, dann könnt ihr nur hoffen, dass niemand eure Bücher liest, der sich auskennt. Er oder Sie – wird es merken.

Das stärkste Argument …

… gegen eigene Erfahrungen von Autoren heißt:  Soll ich etwa einen Menschen umbringen, um zu wissen, wie ein Mörder sich fühlt? Heißt das, ich kann nicht über Mörder schreiben? NEIN. Absolut nicht. Aber ich sage es mal so: Da die wenigsten Menschen Mörder sind, habt ihr eine große schriftstellerische Freiheit. Das gutgeschriebene Buch eines Mörders … wäre allerdings etwas anderes.

Was muss eine AutorIn alles erlebt haben?

Nun, die einfachste Antwort darauf ist: Sehr wenig, wenn sie nicht vorhat, über tiefgreifende Erfahrungen zu schreiben. Oder sehr wenig, wenn sie LeserInnen hat, die nicht viel erlebt haben. Richtig. In den meisten Büchern geht es nicht um (echte) Erfahrungen. Eher das, was sich der Leser erhofft und wünscht. Die wundersame Heilung, die Liebe zu dem unscheinbaren Mädchen, der beste Sex, obwohl man erst Siebzehn ist.

An diesem Punkt kann man schon etwas frustriert fragen: Wozu muss ich dann überhaupt etwas erleben oder erlebt haben, wenn ich etwas schreiben will? Und meine Antwort ist: Weil man nur Leuten etwas in Fake-Englisch vorsingen kann, die kein Englisch sprechen. Aber es gibt eben noch andere Menschen da draußen. Und wollen wir nicht gerade mit diesen großartig, tollen, erfahrenen Menschen in Austausch treten? Nichts anderes ist Schreiben.

Was habe ich erlebt?

Was habe ich erlebt? Ist eine wunderbare Frage, wenn man ein Buch beginnen will. Und es muss gar nicht so wahnsinnig spektakulär sein. Die meisten angehenden AutorInnen wissen gar nicht, auf welchem Schatz an Erfahrungen sie sitzen. Selbst wenn man in dem langweiligsten Kaff der Welt aufgewachsen ist, gibt es die Erfahrung, nun, eben in einem langweiligen Kaff zu leben. Es ist eine Erfarung, die täglich gelebt wird. Klar, ist es schwieriger, aus einem etwas drögen Leben ein spannendes/lustiges/dramatisches Buch zu machen.

Doch ich finde es weitaus interessanter, als seine Geschichte in einer amerikanischen Kleinstadt spielen zu lassen, die man maximal von Google Earth kennt, mit Progagonisten, die man sich aus amerikanischen Teenager-Serein zusammensucht und Probleme und Krankheiten aufzurufen, die man noch nicht ansatzweise erlebt hat. Weil das jeder kann. Und auch machen wird. Auf diesem Terrain seid ihr niemals sicher. Niemals bei euch. Niemals origninell, niemals authentisch. Die Nächsten, die es besser als ihr faken können, werden euch ausstechen.

Wirklich erlebt

Wenn ich nach einer neuen Buchidee suche, dann gibt es natürlich vieles, was mich zu schreiben interessiert, was ich aber noch nicht erlebt habe. Ich könnte ja mal über xy schreiben. Klar. Ich überlege aber dann sofort, wie ich der Erfarhung meiner Protagonisten nah kommen kann. Das fällt dann unter das Thema Recherche und manchmal heißt Recherche eben auch: Es zu erleben. Eine Boxrunde. Einen Yogakurs. Eine Bergtour.

Es gibt auch viele Erfahrungen, die auf dem Weg liegen, und die man dan einfach mitnehmen sollte. Mein Partner kommt aus dem Ruhrgebiet aus einer Bergarbeiterfamilie. Vor einigen Jahren, als es noch Fördergruben gab, habe ich dann gefragt, ob ich nicht mal … unter Tage und so. Das hat leider nicht gekappt. Frauen unter Tage bringen Unglück. Wurde mir zum Beispiel ganz entspannt gesagt. #metoo. Ich habe mir also viele Filme angesehen und – nun – zumindest erlebt, wie es sich anfühlt, etwas nicht zu erreichen. Und was dabei passiert ist und wie es sich anfühlt.

Von erlebt zur Buchidee

Weitaus einfacher ist es für mich, zu fragen, was ich (schon einmal) erlebt habe und das dann zu benutzen. Wenn meine Protagonisten Segeln oder Motorradfahren, dann, weil ich das kann und gemacht habe. Ich weiß, wie die Federung eines Cross-Motorrads wippt, wie es sich anfühlt, wenn ein Boot sich zur Seite legt. Ich kenne auch die Fachbegriffe aus dem Segeln. Perfekt. Perfekt, weil ich das Erlebte viel detailgetreuer schildern kann als jeder andere. Es glaubhafter und lebendiger wird.

Gefühle erleben

Wenn man etwas erlebt hat, dann hat man meist eine körperliche Erfahrung. Schwitzen, straucheln, stürzen. Aber nach einem Boxkampf oder einer Prügelei wird man auch wissen, wie sich bestimmte Dinge im Herzen anfühlen. Anders gesagt: Welche Gefühle man während des Kampfes hatte. Angst, Zweifel, Wut. Und die vergisst man nicht. Meist muss man sich nur in die Situation zurückversetzen, um das Gefühl zu erspüren. Was Psychotherapeuten mit traumatisierten Patienten machen, ist auch für euch möglich. Nehmt Kontakt zu den alten Gefühlen auf, die ihr mit den Erfahrungen abgespeichert habt und erlebt sie neu. Und dann schreibt.

Ermutigung

Wenn ihr auf der Suche nach einer starken Buchidee seid, dann solltet ihr auf jeden Fall in euren gelebten Erfahrungen nachsehen, ob dort nicht die beste, weil persönlichste und authentischste Idee überhaupt schlummert.

Und das ganz egal, ob ihr vorhabt Fantasy zu schreiben oder eine realistische Geschichte. Denn es spielt keine Rolle, ob eure Protagonisten Flügel haben oder Panzer, sie müssen Gefühle haben. Ihr tut also gut daran, diese schon einmal erlebt zu haben. Trauer,  Verlust, Glück, Not, Angst …

Etwas erlebt haben. Lässt sich das überhaupt steigern? Vermutlich nicht. Trotzdem kommen Buchideen – zumindest für mich – noch auf zwei anderen Wegen zu mir. Nächste Woche also: Geträumt.

Eine schöne Woche

xoxo

Katrin

#schreibtipps #redbugwriting #rbpub #amwriting

 

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