7 Wege zu einer Buchidee

7 Wege zu einer Buchidee #4 GESEHEN

23. Mai 2018
Gesehen

Lange Zeit hat mich beschäftigt, dass ich noch nie eine/n Tote/n gesehen habe. Warum auch? Eigentlich ziemlich normal, für jemanden, der in Berlin aufgewachsen ist. Meine Omas und Opas waren alle schon tot oder sind in Krankenhäusern gestorben, keine offenen Särge in Deutschland, und kein Job in einer Berufsgruppe, die Toten begegnet. Da ich der Meinung war und bin, dass ein Künstler viele Lebenserfahrungen machen sollte, kam mir das immer wie ein Makel vor. Geburt – check! Tod – ups! Keine Ahnung. Warum wollte ich das überhaupt – sehen? Also richtig vor Augen haben, denn im Fernsehen hatte ich Tote schon gesehen. Nicht nur Schauspieler, die die Luft anhalten, sondern richtige Tote.

Mit eigenen Augen
gesehen

Wenn man sagt: Ich habe es mit eigenen Augen gesehen!, dann meint man genau das. Es hat kein anderer davon gesprochen oder es für einen fotografiert, gefilmt, sondern man hat es selbst gesehen. Mit eigenen Augen. Damit wird es irgendwie echter, realer und – worauf es mir in diesem Beitrag besonders ankommt: Man hat es nicht nur gesehen, sondern in dem Moment auch etwas gerochen, gespürt, gefühlt.

Situationen, in denen es etwas „zu sehen“ gibt, sind aufregend. Wenn jemand auf einem Jahrmarkt schreit: „Seht her, schaut euch das an!“, dann gibt es einen Menschenauflauf. Und die Konzertveranstalter könnten einpacken, wenn es für Menschen nicht wichtig wäre, Künstler auf der Bühne live zu sehen. Obwohl sie nur Stecknadelkopf groß sind, wenn man auf den billigen Plätzen steht. Dass es vor den eigenen Augen passiert, spielt eine Rolle. Dass man dabei ist und hinsehen kann, ist aufregend.

Es gibt natürlich auch das gegenteilige Beispiel. Unfälle, Katastrophen, Gräueltaten, Krieg. Weil man es gesehen hat, ist man verstört, beschädigt, verletzt. Im Kino oder Fernsehen oder auf YouTube eine Kriegsdokumentation zu sehen, kann einen mitnehmen, es „vor Ort“ zu sehen, ist schlimmer und interlässt oft psychische Schäden.

Sehen und Gefühle

Wenn man schreibt, ist es wichtig, sich mit ein paar Dingen auszukennen. Ja, klar, die meisten googeln sich da durch. Wozu noch reisen, wenn man Google Earth hat? Doch es ist etwas anderes, wenn man Situationen, Orte, Naturschauspiele, Katastrophen, Ereignisse live gesehen hat. Sich auszukennen, zu wissen, worüber man schreibt, ist dann etwas ganz anderes. Moment mal? Reicht es denn, etwas nur zu sehen? Ich denke ja, denn als Zuschauer ist man viel weniger passiv, als man denkt. Die körperlichen Reaktionen sind eng mit dem Seh-Ereignis verbunden. Funny example: Mein Vater hat mir immer, wenn wir eine Blaskapelle gesehen haben, erzählt, dass man nur vor den Augen der Spieler in eine Zitrone beißen muss und so die ganze Kapelle durcheinanderbringen kann. Zuviel Speichel im Mund, die Musiker können nicht mehr spielen. Anblick- Reaktion.

Die Augen sind über das Gehirn mit vielen Körpersteuerbereichen verbunden. Sie lassen uns Angst haben, wenn wir Schatten sehen, uns schwitzen, wenn wir einem einschüchternden Menschen gegenüberstehen, lassen uns lachen, wenn wir sehen, wie jemand eine lustige Bewegung macht.

Das war sicher auch der Grund, warum ich eine Tote oder einen Toten sehen wollte. Es ging nicht nur darum, wie er oder sie aussah, sondern was ich dabei empfinden würde. Und wenn ich ganz ehrlich war, dann wollte ich nicht nur einen Toten sehen, sondern sehen, wie jemand stirbt. Den Übergang mitansehen.

Mit an-gesehen

Das erste Mal, als mir das passierte, saß ich vor dem Fernseher. Meine Tochter war klein und spielt mit den Knöpfen im Nähkasten, während ich irgendetwas reparierte und halbaufmerksam den Abfahrtslauf der Damen sah. Als ich den Aufprall an der Seitenbande und Sturz der Abfahrtsläuferin Ulrike Maier zufällig mitansah, war mir sofort klar, dass sie genau in dem Moment starb. Vorher noch lebendig auf der Abfahrt, kurz danach schlaff, leblos auf der Piste, die mehr einer Eisfläche glich. Ich stand einen Moment, nein, länger, unter Schock. Irgendwie konnte ich es nicht fassen. So was passiert nicht. Wird nicht gezeigt. Normalerweise. Wenn man es verhindern kann.

„Durch massive Gewalteinwirkung kam es an der Verbindungsstelle zwischen Kopf und Wirbelsäule zum Abriss des Rückenmarks vom Stammhirn, was zu zentraler Lähmung und sofortigem Hirntod führte.“ (Wolfgang Gärner: Unschuldig starren die Zäune. 29. Januar 2004)

Ich hatte richtig gesehen wie viele andere auch. Sofort tot.

Yoyeurismus

Voyeurismus (fr. voir für „sehen“ und voyeur für „Seher“) (…) bezeichnet der Begriff das heimliche Beobachten einer unwissenden Person, im weiteren Sinn jegliche Form der Lust am Betrachten. (Wikipedia)

Hätte ich eine Video oder nur ein Bild zu dem oben geschilderten Unfall gezeigt, hätte ich einen Voyeurismus bedient, was ich natürlich nicht wollte. Doch – zugegeben – man spürt das tiefe Bedürfnis, sich das selbst noch einmal anzusehen. So sind wir Menschen wohl.

Meist wird der Begriff Voyeurismus auf sexuelle Kontexte angewandt, aber Gewalt kann ähnlich stimulieren. Das ist nicht immer sehr schön und etwas, was uns vielleicht sogar an uns selbst stört, es ist aber auch zutiefst menschlich. Wir wollen etwas sehen und davon stimuliert werden.

Für Autoren ist das alles – Material für Ideen. Ein Seherlebnis kann zu einer Idee und das wiederrum zu einem ganzen Buch werden. Egal ob gut, schlecht, unscheinbar oder extrem dramatisch. Die Kraft und Macht, die ein Seherlebnis hat, anzuerkennen, ist der erste Schritt, zu lernen damit umzugehen. Schreiben ist daher auch eine Form der Therapie, wenn man Dinge, die man gesehen hat, verarbeiten will.

Sehen, um zu glauben

gesehenManches muss man sehen, um es zu glauben. Und manches kann man dann trotzdem kaum glauben. Ich hatte, als ich etwa zwanzig war, ein seltsames Erlebnis. Ich lief in Charlottenburg durch eine Neubausiedlung, es war der übliche Weg zur U-Bahnstation. Alle liefen hier lang. Ich ging an einem ziemlich hohen Neubau vorbei, hörte etwas aufschlagen und sah mich um. Es war ein Betonblumenkasten, der offenbar aus einem der oberen Stockwerke vom Balkon gekippt, gefallen und kurz hinter mir aufgeschlagen war. Ich ging einfach weiter. Kein Denken, kein Anhalten, nichts. Bis zum U-Bahnhof, die Treppen runter auf den Bahnsteig. Ich hatte ein seltsames Gefühl. Als ob ich geträumt hätte und das gar nicht möglich sein konnte. Ein Typ stellte sich neben mich. „Das war knapp“, sagte er freundlich. Er klang geschockt. Ich schluckte. Erst in diesem Moment konnte ich glauben, was ich gesehen hatte.

Viele Dinge muss man sehen, um sie zu verstehen, zu begreifen, sie in sich aufzunehmen. Aber angeblich kann man Dinge nicht erkennen, die man nicht kennt. Man blendet sie aus. Das Gehirn hat keine Synapsen für den Gegenstand gebildet, also ist er für uns einfach nicht da. Und genau deshalb sagen wir vermutlich: Ich muss es sehen, um es zu glauben.

Sehen und Ideen

Ein starkes Seh-Erlebnis ist sehr oft der Auslöser für eine Idee. Und wenn man nach Ideen sucht, dann sollte man die Augen offen halten. Denn es sind nicht immer die großen Ereignisse und Dinge, sondern manchmal minimale Veränderungen, die etwas in uns auslösen. Das Öffnen einer Blüte, eine Sternschnuppe, die schnell vorbeizieht. Diese Offenheit für Seheindrücke, kann besonders in einer Zeit, in der wir mit Bildern auf Sozialen Netzwerken überschüttet werden, schnell anstrengend und ermüdend werden. Eigentlich will man gar nichts mehr sehen. Augen zu.

Ich finde es sehr wichtig, meine Augen von zu viel Seh-Schrott fernhalten (Für mich ist das Facebook ;), damit ich mich für die wirklich wichtigen, schönen oder auch schmerzhaften Momente öffnen kann.

Und hätte es dann doch lieber nicht gesehen …

Als wir vor Jahren als Familie auf einen Frankreich-Roadtrip waren, sind wir in der Nacht mit dem Auto durch eine französische Kleinstadt gefahren. Ein Polizeiauto stand mit Blaulicht auf dem Marktplatz, ein Unfall, ein paar Menschen standen herum. Einer lag. Vor einem Autokühler. Bevor wir es verhindern konnten, hatten alle Kinder es gesehen. Und wir auch. Ein Toter. Es war klar, dass er tot war. Niemand hob ihn auf, kümmerte sich um ihn. Es war zu spät. Ich weiß noch, dass wir später am Abend lange mit den Kinder geredet haben. Über ihre Gefühle, was wohl passiert ist und wieso. Auch wenn es eine Erklärung gab, die Antwort konnte keinen von uns richtig befriedigen. Tot. Warum?

Ich denke heute, einen Toten zu sehen, ist jedes mal etwas anders. Ebenso anders wie eine Geburt. Sollte ich viel über das Sterbne schreiben wollen, werde ich mich wohl tiefer mit dem Begleiten von Sterbenden beschäftigen müssen. Mir dies nur anzulesen, es nur von anderen zu hören, würde mir nicht reichen. Ich muss es sehen. Und, klar, irgendwann werde ich es dann auch erleben. Darum geht es dann nächste Woche. Also – upsi – um Ideen, die man bekommt, wenn man etwas erlebt.

Bis dahin noch mehr Sonne!

xoxo

Katrin

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