7 Wege zu einer Buchidee

7 Wege zu einer Buchidee #3 GEHÖRT

16. Mai 2018
Hast du schon – gehört ?

Es gab eine Zeit, da wurden Geschichten nur mündlich überliefert, ganz einfach, weil nur sehr wenig Menschen schreiben und lesen konnten. Das waren – natürlich – viele spirituelle Texte, Gebete und Erfahrungen, aber auch Märchen und Liebesgeschichten, die nur gehört wurden. Also von Minnesängern im Gesang vorgetragen oder in zugigen Burgen im Winter am Kamin erzählt wurden. Zu dieser Zeit gab es selbstredend kein Urheberrecht, ganz im Gegenteil, je öfter eine Geschichte neu erzählt wurde, desto mehr Ansehen hatte sie, desto gültiger wurde sie. Wolfram von Eschenbach (1160-1220), der große deutsche Dichter, hat in seine Werke gerne mündlich überlieferte Erzählungen aufgenommen und sich sogar explizit auf Vorgänger berufen.

Ich möchte jetzt aber gar nicht tief in die Literaturgeschichte eintauchen oder die Frage nach dem Kopieren von Ideen von letzter Woche wieder aufwärmen, sondern nur sagen: Obwohl wir heute (fast) alle lesen und schreiben können, wird immer noch sehr viel mündlich „überliefert“. Und wenn man nach Ideen für eine Geschichte sucht, muss man nur gut zu – hören.

Hör mal

Natürlich meine ich hier keine Hörbücher oder andere mündlich vorgetragene Geschichten. Ich rede auch nicht von Märchen, die schon lange aus dem Urheberrecht draußen sind und gerade gerne als Vorlagenfolie für Geschichten benutzt werden. Es geht mir mehr darum, euch aufmerksam für die kleinen Anekdoten zu machen, die tagtäglich von Menschen erzählt und weitergegeben werden. Und zuzuhören, wenn andere etwas über sich, ihr Leben oder ihre Ansichten erzählen. Wie ? Wann?

Wenn die Nachbarin einem von ihrem Neffen erzählt, der jedes Auto zu Schrott fährt. Und man spürt: Hier steckt der Keim einer Idee für ein Buch über … eine Liebesgeschichte oder eine Superheldengeschichte oder den großen Roman des 21. Jahrhundert. Weil es manchmal nicht mehr braucht, als diesen Keimling, von dem aus sich dann alles erzählen lässt.

Denn: Sagen wir, eure Freundin steckt in einer Scheidung und jede Anekdote über den Scheidungsprozess ist so komplett verrückt, dass sie als Geschichte fast unglaubhaft wäre, aber – warum nicht den Club der geschiedenen Frauen daraus machen? Und alle Geschichten der Freundin und noch ein paar dazuerfundene oder recherchierte mit hineinnehmen und daraus eure eigene grandiose Komödie schreiben?

Oder es ist ein Arbeitskollege, der sich ständig darüber beschwert, dass seine Ideen beim Chef nicht beachtet werden. Statt zu denken: Was nöhlt der mich ständig so voll, schnell weg hier!, einfach die Gelegenheit nutzen und zuhören. Vielleicht hat er tatsächlich ein paar gute Ideen. Und ihr macht daraus dann vielleicht den Roman über einen Menschen, der immer nur Ideen hat, aber nie eine umsetzt, bis er auf ein Kind/Frau/alten Mann trifft, die/der sein Leben verändert und mit dem er – was auch immer macht.

Ihr erkennt das Muster, oder?

Es müssen aber nicht immer die Gespräche unter zwei Augen sein, in denen euch Dinge anvertraut werden. Es gibt es noch viele andere Möglichkeiten, zuzuhören:

Zuhören und verarbeiten

Nun kommen Autoren ja nicht viel raus oder glauben es vielleicht nur. Sie sind meist auch etwas scheu oder haben keinen weitläufigen Freundeskreis mit vielen Verrückten oder einen Job, in dem sie Arbeitskollegen treffen können. Kein Problem. Denn es gibt viele ganz gewöhnliche Momente zum Zuhören:

  • Auf einer Party
  • Bei einer Familienfeier
  • Auf einem Begräbnis
  • Bei einer Schulveranstaltung (Elternabend, Schulfest oder Hospitation)
  • Im Krankenhaus als Kranker oder Besucher
  • In einem Amt (Pass verlängern, Wohngeld beantragen, Hund versichern, Fundsache abholen …)
  • Im Supermarkt, Bioladen, Bäckerei oder Fleischerei
  • In einem Kaufhaus (in der Umkleidekabine, beim Bezahlen, beim Aussuchen)
  • Beim Sport (in der Yogagruppe , beim Lauftraining, beim Kampfsport)
  • Im Urlaub (Am Pool, auf der Kreuzfahrt, am Strand, im Ferienort)
  • Im Café oder Restaurant

Die Liste könnte ich vermutlich unendlich erweitern. Worauf ich hinauswill: Es muss nicht immer das Gespräch unter zwei Augen mit der Freundin, dem Freund sein, in dem einem etwas anvertraut wird, was man dann als Idee für eine Geschichte nutzen kann.

Zuhören und weiterspinnen

Es können auch winzige Wortwechsel sein, die Ideen aufkeimen lassen. Wenn sich auf dem Elternabend ein Vater meldet und für die Einführung von Schulmilch ist. Und ihr seht in diesem Moment den Milchboy vor euch, der täglich die Milch in die Schule bringt und in den sich alle kleinen Mädchen verlieben, aber auch die Referendarin oder die Rektorin der Schule und  … so weiter.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass sehr viele Ideen für Geschichten genau so beginnen. Worte lösen eine Assoziation aus und führen zu weiteren Ideen. Und so entsteht die Masteridee. Nun sind gerade Orte mit vielen Menschen für sensible Menschen nicht immer energieverträglich. Ein Elternabend kann schnell nervig und aufreibend sein und während man zuhört, denkt man nur daran, wieviel Zeit man gerade verschenkt, in der man weiter an seinem Mansukript zuhause auf dem Rechner arbeiten könnte. Ja, ich kenne diese Momente.

Aber es gibt noch einen anderen Weg.

Überhört ist nicht nur unerhört

„Da hat einfach jemand unser Gespräch belauscht, ist das nicht unerhört?!“

Nope. Es gehört zum Tagewerk einer AutorIn, Sätze, Worte, Gespräche aufzuschnappen. Wie sonst fängt man Sätze von Berufsgruppen oder sozialen Gruppen auf, denen man nicht nur wenig, sondern kein bisschen angehört? Auf welche Art kommunizieren Fußballer? Worüber reden Prostituierte? Wie sprechen Ärzte über Patienten? Und genau so kann man auf eine Buchidee kommen.

Als Jugendbuchautorin sind für mich Busfahrten zur Schulschlusszeit richtige Ideennester. Wenn sich zum Beispiel zwei Typen über ein Mädchen unterhalten. Oder zwei Mädchen über einen Typen. Und manchmal wird aus einem hingeworfenen Satz, die Idee für ein ganzes Buch.

Wenn man ein Buch schreiben möchte, das im Krankenhaus spielt, aber keine Idee hat, kann es sehr sinnvoll sein, sich einen Tag in der Caféteria eines Krankenhaues aufzuhalten und den Gesprächen der Patienten oder Angehörigen zu lauschen. Ja, okay, sie zu belauschen. Offiziell muss man das wohl so nennen, aber ich nenne es lieber überhören, was im Deutschen noch zwei weitere Bedeutungen hat (zu viel hören und nicht mitbekommen). Also irgendwie besser klingt.

Originalmaterial

Dieses Hörmaterial – zugehört, gehört, überhört – ist wo viel besser, als schon von einem anderen Autor verarbeitetes Material. Der Unterschied ist ungefähr der zwischen Konserve und frischem Obst/Gemüse. Einfach mehr Vitamine, mehr Leben, mehr Kraft. Klar, es gibt sehr gute Autoren, die schreiben wundervolle Dialoge. Stephen King zum Beispiel. Wenn man den hört – ich höre S. King am liebsten – dann möchte man die Sätze am liebsten so übernehmen, so grandios sind sie. Man fühlt sich inspiriert, man hat eine Idee, aber – eigentlich ist es nur die Idee eines anderen, die man gerne zu seiner eigenen machen würde. Nein. Lasst eure Idee auf eurem eigenen Acker wachsen. Es gibt genug in der Welt zu hören.

Take notes!

Ich mache mir übrigens gerne Notizen, wenn ich Sätze oder Bemerkungen höre, die mich inspirieren. Am besten gleich ins Handy oder auf eine Serviette, wenn nichts anders zur Hand ist. Manche Schreiblehrer empfehlen, Gespräche ohne das Einverständnis von Menschen heimlich aufzunehmen. Davon rate ich ab. Das nennt man abhören, das ist gesetzlich nicht erlaubt und im übrigen auch nicht sehr anständig. Zudem ist es viel besser, sich dem eigenen Ideenverarbeitungssystem anzuvertrauen, was in eurem Gehirn ständig tätig ist. Manchmal entsteht eine Idee gerade daraus, dass man etwas falsch oder ungenau mitbekommen hat. Kreativität ist unberechenbar. Lasst die Spiele beginnen!

Nächste Woche geht es um Ideen durch Dinge oder Ereignisse, die man sieht. Und, richtig, ich meine eher nicht Filme oder Serien.

Genießt die Zeit!

xoxo

Katrin

#schreibtipps #amwriting #redbugwriting #rbpub

 

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