7 Tipps für vielschichtige Charaktere

7 Tipps für vielschichtige Charaktere #3 Aussehen

14. März 2018
Aussehen
Aussehen, Äußeres und andere Oberflächlichkeiten

Wenn man sich in der Erotik-Sparte umsieht, dann hat man manchmal den Eindruck, es gibt fast nur noch Cover mit nackten Männeroberkörpern. Natürlich mit gestählten Bauchmuskeln und Bizeps. Wo sind diese Männer? Ernsthaft? Und – will man wirklich sein Leben oder auch nur einen Tag mit jemandem verbringen, der sich offensichtlich den ganzen Tag im Bodystudio aufhält und sich nur um sein Aussehen kümmert?
Doch, klar, das Äußere, der Körper – ist wichtig. Auch für einen fiktiven Charakter. Wir Menschen sind nämlich ganz einfach konstruiert: Ein schöner Körper ist meist ein gesunder Körper, der sichert gute Nachkommen und unsere Rückenmarksreflexe oder was auch immer für eine chemische Mischung im Körper – reagieren. Den oder die wollen wir haben. Gutes Genmaterial. Gesunde Nachkommen. Uga -uga.

Wie wichtig ist schön?

Wenn das Aussehen, das Äußere so wichtig für uns Menschen ist, dann sollten wir es in unseren Büchern auch beschreiben, oder? Und am besten sind dann alle Menschen wunderschön, denn wenn sie wunderschön sind, dann will jeder etwas mit ihnen zu tun haben (gute Nachkommen und so), oder?

Okay, ja, willkommen in der Unterhaltungsliteratur. Liebesromane, Erotik. Und auch das – wie ich finde – großartige, spannende Format „New Adult“ wird in dieser Hinsicht gerade sehr einseitig bearbeitet. Logisch interessiert uns zwischen 18 und 25 das Körperliche mehr als vor- und nachher in unserem Leben. Aber müssen es immer Männer mit Megabizeps sein, die süße, schüchterne Frauen verführen? (Zum Thema New Adult hier mehr).

Wenn wir uns jetzt (jetzt!), mal im Spiegel ansehen, fällt uns auf, dass wir alle nicht so perfekt sind, wie wir gerne wären. Oder die Buchcharaktere, die wir gerne anhimmeln. Keine Edwards und auch nicht so belle wie Bella. Und das ist okay so. Wie langweilig wäre eine Welt, in der alle Menschen gleich schön und perfekt wären? Das ist auch der Grund, warum Bücher, die uns eine perfekte Happy-End-Welt erzählen – in der selbst die Fehler und Krankheiten der Charaktere wie duch ein Wunder verschwinden können – Lese-Fastfood sind. Schnell sehr populär und ebenso schnell wieder vergessen.

Never judge a chracter …

Ich erschaffe meine Buchcharaktere gerne nach Vorbildern, Menschen, den ich gerne treffen würde. Menschen, die mich interessieren. Ich mag gut aussehende Menschen und wenn sie dazu noch einen tollen Charakter haben, tja, was soll man sagen … Ich mag auch nicht so gut aussehende Menschen, wenn sie einen tollen Charakter haben. Ich mag sogar schlecht aussehende Menschen, mit einem schlechten Charakter, wenn sie eine weitere faszinierende Qualität oder Seite haben. Das Aussehen eines Charakters ist eine interessante Eigenschaft in einem interessanten Mix an Eigenschaften. Äußeren und inneren Qualitäten. Wieder gilt es, Klischees zu vermeiden. Früher gab es die schöne Heldin. Ganz klar ein Klischee. Mittlerweile ist es aber genauso langweilig, das hübsche Mädchen zur Zicke zu machen und die Heldin das Aschenputtel spielen zu lassen.

Für mich ist das Äußere meiner Charaktere wichtig, aber nicht vorrangig interessant.

Das Äußere und Aussehen des Charakters ist nur das Entree. Der erste Eindruck. Kommt ein Mensch in der Realität oder in einem Film zur Tür herein, ist alles sofort sichtbar. Im Prinzip könnte man den Film anhalten und die Person genau studieren. Das Buch – Schreiben – ist ein anderes Medium. Hier führt die AutorIn Regie.

Sieh mir in die Augen …

Das Tor öffnete sich und da stand er: Sein wohlgeformtes Gesicht sah mich mit feurigen, goldbraunen Augen an. Seine starken Arme hielten die schweren Türflügel offen, als wollte er mich mit ihnen umarmen, sein muskulöser Oberkörper bewegte sich schwer unter seinen Atemzügen auf und ab. Ich konnte … bla, bla, bla

Egal wie schlecht dieser (von mir verfasste) Text ist, er macht eines sehr deutlich: Hier kommt ein starker, temperamentvoller Mann, der unsere Heldin (oder den Helden) sehr beeindruckt. Das ist schon mal viel Information auf kleinem Raum untergebracht. Klar ist auch, dass es in dieser Geschichte sehr stark um physische Dinge gehen wird. Eher weniger Gespräche/Gedanken/Überlegungen. Was ich sagen will: Wenn ihr viel über die äußeren Eigenschaften eurer HeldInnen schreibt, dann wird diese Tatsache betont und rückt in den Vordergrund. Wollt ihr das?

Wenn nicht, dann fragt euch: Was macht Sinn? Der erste Auftritt ist wichtig. Aber geht es dabei nur um das Äußere? Nehmen wir an, ihr wollt schon sagen, dass der Mann attraktiv ist, sein Auftritt spektakulär, aber es soll eben nicht nur um das Äußere gehen. Dann lasst ihn vielleicht erst klopfen und reden. Sein kräftiges Klopfen, die energische, aber angenehme Stimme – macht euch keine Sorgen, die Leser werden sich ohne Probleme einen attraktiven starken Mann vorstellen – ohne dass ihr sprachlich darauf herumreiten müsst.

It’s all in your head

Ich finde, je weniger man am Anfang von seiner Figur preisgibt, desto spannender ist es für den Leser. Okay, manchmal wundere ich mich schon, wenn jemand kommt und sagt: „Ramona aus Radio Gaga? Die hat ganz klar lange dunkle Haare.“ Und ich denke: „Äh, Moment mal, ihr Bruder ist blond und es sind Geschwister und – habe ich die Haarfarbe überhaupt irgendwann mal erwähnt?“ Aber es stört mich nicht, ich freue mich sogar, denn es zeigt mir, dass meine Leser sich Gedanken über meine Charaktere machen. Sorgen würde ich mich, wenn der Charakter komplett falsch verstanden wird. Das Wesen des Charakters, denn dann habe ich etwas falsch gemacht.

I have a dream that my four little children will one day live in a nation where they will not be judged by the color of their skin but by the content of their character. (Martin Luther King Jr.)

Kennt ihr das, wenn euch jemand von einem Freund, womöglich ein Freund von der neuen Freundin oder die Freundin von ihrer neuen großen Liebe erzählt und ihr anfangt, euch aus den Teilen der Erzählung einen Menschen zusammenzusetzen? Nehmen wir an, eurer Freund/Freundin hätte alles mögliche erzählt, aber die Tatsache verschwiegen, dass der Partner afroamerikanisch ist oder behindert? Okay, große Überrachung. Denn ihr seid von dem ausgegangen, was ihr als „normal“ anseht. Jeder hat sein anderes Normal und wenn eine afroamerikanische Frau von ihrer großen Liebe erzählt – genau, wir werden eher von einem afroamerikanischen Mann ausgehen. Am Ende ist es dann vielleicht eine weiße Frau … ;)

Ich will damit sagen: Ihr könnt nicht wissen oder bestimmen, was der Leser sich aus euren Beschreibungen zusammenreimt. Egal, ob ihr einen Charakter bis ins letzte Detail beschreibt oder sein Aussehen nur andeutet. Das heißt auch – juhu – ihr habt mehr Freiheiten.

Was die AutorIn über das Aussehen weiß – und was sie (be)schreibt …

… sind zwei sehr verschieden Dinge. Ihr, Autoren, solltet ALLES über euren Chakrater wissen. Einfach damit er leicht und mühelos vor eurem eigenen Auge entsteht. Außerdem können manche äußerlichen Eigenschaften wichtig in der Geschichte werden. Sagen wir: Sehr empfindliche, helle Haut: Beschreibt ihr einen Tag am Meer, spielt es eine Rolle. Sollte sich euer Charakter eincremen, u.s.w. Doch was ihr über euren Chakrater wisst, muss der Leser nicht unbedingt und sofort wissen. Klar, es sollte genug sein, damit man sich einen  Menschen vorstellen kann. Dies kann übrigens auch mit wenigen Worten gesagt werden: Er war attraktiv und groß. Und ob die Augen dann blau oder grün sind – spielt vielleicht nie mehr wieder eine Rolle. Sich mit der Beschreibung von Details im Aussehen aufzuhalten, macht den Text schwer und langsam und auch langweilig.

Krause Haare, krauser Sinn

Das Aussehen verrät uns eine Menge über den Charakter, das ist ganz ähnlich wie mit den Namen: Herkunft, Stand/soziale Schicht, Beruf, Vermögen, Eitelkeit, Modebewusstsein … Denn es geht ja nicht nur um den Körper(bau), sondern auch um die Kleidung, den Haarschnitt, die Hautfarbe, den Zustand des Körpers: gesund/krank/behindert/verwundet/alt/jung … Wenn man eine Liebesgeschichte zwischen einem jungen Mann und einer älteren Frau erzählt, ist es etwas anderes, als wenn die beiden gleichalt sind. Über das Aussehen eurer Charaktere könnt ihr frei entscheiden, also nutzt diese Möglichkeit …

  • um die Geschichte besser und klarer zu erzählen
  • dem Leser mehr Informationen über den Charakter mitzuteilen (seinen Beruf, seinen Standd)
  • Klischees zu brechen (der billig Gekleidete ist eigentlich reich)
  • Konflikte deutlich zu machen (Fußballfan trifft auf Ausländer)
  • Interesse zu wecken

Die Kunst ist es, eine Ballance zu halten zwischen der wichtigen und notwendigen Information für den Leser (ein Mann in Uniform näherte sich. Er forderte mich auf, ihm meine Papaiere zu zeigen) und der langweiligen Aufzählung von äußerlichen Details (Er stellte mir seine Freundin vor: Sie hatte blonde lange Haare, ein schmales Gesicht mit einer langen Nase und war etwas größer als er. Ihre Augen waren grün, ihr Mund schimmerte rötlich, ihre Hände …).

Es spricht nichts gegen ausführliche Beschreibungen, aber sie sollten immer im Zusammenhang mit einer für den Leser, bzw der Geschichte wichtigen Information stehen. (Sie hatte blaue Augen und eine schmale Nase und erinnerte mich an Henry. Waren die beide etwa Geschwister?)

Was nicht gesagt wird …

In guter Literatur lässt der Autor dem Leser einen Vorstellungsraum. Nicht, weil er unfähig wäre, seinen Charakter genau zu beschreiben, sondern weil dieser Raum magisch ist. Ein Begegnungsraum zwischen der Vorstellung des Lesers und der (Be)schreibkunst der AutorIn. Je besser der Autor, desto vorstellbarer wird der Raum und die darin agierenden Personen. Doch es braucht auch einen guten Leser, um diese Räume zum Leben zu erwecken.

Zusammenfassend: Macht euch als Autoren ein sehr genaues Bild von eurem Charakter – und beschreibt sein Aussehen dann so wenig wie möglich. Am besten nach und nach, je nach Anlass und Situation in eurer Geschichte. Und, ja, ich weiß, das fällt am Anfang schwer.

Nächste Woche geht es um Gesten und Mimik. Also Gesichts- und Körperbewegungen, kleine, feine Zuckungen oder raumgreifende Gesten, mit denen ihr eure Charaktere lebendig werden lasst.

Bis dahin –

xoxo

Katrin

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