7 Tipps für vielschichtige Charaktere

7 Tipps für vielschichtige Charaktere #2 Namen

7. März 2018
Namen
Namen

Am Wochenende habe ich die Oscarverleihung gesehen. Mit der ganzen Familie, die ganze Nacht, ja, so machen wir das ;) „Call me by Your Name“ gehörte zu den oscarnominierten Spielfilmen. Der Film basiert auf der Romanvorlage von André Aciman und ist im Deutschen unter dem Titel: „Ruf mich bei meinem Namen“ erschienen. Eine Coming of Age Geschichte über Identität, die ich mal dringend als Filmtipp empfehle. Ruf mich bei meinem Namen – ihr versteht sicher, worauf ich hinaus will …

Ein Name ist nicht irgendetwas. Der Vornamen ganz bewusst von euren Eltern gewählt, in dieser Zeit, nach seinem Klang, vielleicht auch passend zu eurem Typ, verbunden mit einem guten Wunsch, einer Zukunft. Er ist und wird – eure Identität. Und der Nachname? Er ist Teil eurer Herkunft, dem Land, der Gegend aus der ihr stammt, der sozialen Schicht, dem Milieu, vielleicht sogar dem Berufsstand, den eure Vorfahren sich irgendwann einmal ausgewählt haben. Die Vorfahren der Müllers waren früher einmal Müller, die von Stoltenbergs waren oder sind noch Grafen.

Namen bieten eine Orientierung, helfen auch anderen, etwas über euch, eure Herkunft, euer Umfeld zu verstehen. Selbst, wenn sich jemand einen Spitznamen gibt oder einen Kosenamen erhält, oder ein Autor ein Pseudonym benutzt, sagt es etwas über ihn/sie aus. Sogar sehr viel. Für euch als Schriftsteller, Autoren, Schreiber gilt also: Vergebt eure Namen sinnvoll und weise.

Wenn ein Charakter entsteht …

Wenn ich ein neues Buch schreibe, also eine Geschichte, dann entsteht sie fast immer erst einmal in meinem Kopf. Ich sehe eine Story vor mir, Protagonisten, aber es ist eher ein schwarz-weißer Stummfilm. Um anfangen zu können, zu schreiben, muss ich meine Charaktere zum Leben erwecken. Und dafür brauche ich – Namen! Manchmal setze ich mich dafür mit einem Schreibblock in ein Café, um in diese besondere Stimmung zu kommen.

Ich mag es, wenn meine Helden von zwei Kulturen geprägt werden. Bei meinem ersten Buch lief das so: Der Held aus „Radio Gaga“ hat einen italienischen Vater und eine deutsche Mutter, aber die Familie lebt in Deutschland. Ich dachte mir – interessante Mischung – das kann ich gut nutzen. Ein Charakter, der Widersprüche in sich vereinen muss, wird vielschichtiger. Okay, wie soll ich ihn nennen? Dann probierte ich herum. Da meine Geschichte in der Jetzt-Zeit spielte, wusste ich ziemlich genau, wann mein Held geboren ist und schaute mal in einer der der „Beliebte Vornamen“-Listen nach. Die beliebtetsen Jungsvornamen in den 1990 Jahren waren:

  1. Jan
  2. Lucas / Lukas
  3. Philip / Philipp
  4. Tim / Timm
  5. Alexander

Nichts klickte, bis mir klar wurde, dass mein Held – auch wenn ich annehme, dass die Mütter meist das Sagen bei der Namensvergabe haben – einen italienischen Vornamen brauchte. Ich dachte mir, sein Vater ist bestimmt stolz auf seine Familie, er sollte ein „typischer“ Italiener sein, erfolgreich, cosmopolitisch, aber eben auch mit einer traditionellen Seite. Schwups, entstand der Vater und damit auch gleich die Mutter. Beide sollten reich und kultiviert sein. Welchen Vor- und Nachamen würden sie bekommen? Ich entschied: Sie hat seinen Nachnamen angenommen (siehe traditionell). Und, ja, da meine Frauen immer sehr selbstbewusst und stark sind, deutete sich hier schon ein Konflikt an,  der dann als Nebenhandlung in „Radio Gaga“ auch eine Rolle spielt.

Ich heiße – also bin ich …

Okay, aber zurück zu meinem Helden. Ich wollte, dass es der zweitgeborenen Sohn ist, ein ganz bewusster Kontrast zu mir als Erstgeborener. Okay, er hat also einen älteren – Bruder? Wie würde der heißen? Vielleicht nach seinem Großvater. (Ich google nach beliebten italienischen Vornamen aus dem Jahr 1920). Ihr seht, aus der Suchen nach einem Namen, wird sehr schnell eine große Suche nach einer Kette von Namen. Vornamen UND Nachnamen. Denn natürlich brauchte die Familie meines Helden auch einen passenden Nachnamen. Einen nicht sehr häufigen Namen, doch auch nicht zu ausgefallen. (Wieder google ich nach italienschen Nachnamen). Bevor ich euch ganz in meinen kreativen Wahnsinn zerre: Mein Held aus „Radio Gaga“ heißt: Rocco Manini. Sein größerer Bruder Giovanni. (Da fällt mir ein: Ihr könnt noch bis 14. März 2018 hier auf dem Blog das Hörbuch von „Radio Gaga“ gewinnen.)

Vornamen

Kaum benennt man etwas mit einem Namen, poppen Assoziationen auf. Höre ich  „Rocco“ entstehen andere Bilder als bei Mika (einer anderen Heldin aus Radio Gaga.) Manchmal ist es der Klang, der etwas in mir auslöst, manchmal die Erinnerung an andere Menschen, Freunde, Prominente. Doch immer ist wichtig, dass der Name Teil einer Einheit wird. Er verweist auf – mehr. In diesem Fall, obwohl Rocco Deutscher ist und Deutsch spricht, auf eine italienische Herkunft.

Vielleicht sagt ihr jetzt: Ja, okay, wenn eine Geschichte in der Jetztzeit spielt, dann muss ich das ein oder andere beachten, doch wie ist es mit Fantasy? Bin ich da nicht vollkommen frei? Oh, nein: Ich würde sogar sagem, es wird noch schwieriger. Denn ihr müsst nicht nur einen Namen heraussuchen, sondern unter Umnständen eine ganz eigene Art Namen zu vergeben erfinden. Eine neue Logik. Wie nennt der Wassermann.-König seine Kinder? Nach Muscheln und Sand vielleicht? Nach Fischarten? Nach griechischen Meeresgöttern? Gibt es da überhaupt genug von? Wie hört sich: „Hey, Meeressand, bring mir den Fisch!“ an? Irgendwie verwirrend.

Die MeisterInnen der Namensfindung

Apropos Fantasy. Fantasybücher werden umso besser, je mehr Zeit, Geduld, Sorgfalt und Liebe die AutorIn in die Erschaffung der Welt steckt. Denkt an J. R. R. Tolkien. Tolkien war nicht nur Schriftsteller, sondern auch Philologe. Philologia ist griechisch und bedeutet „Liebe zur Sprache“. Tolkien nahm es mit Worten und Namen sehr genau und erfand sogar eine eigene Spache für seine Fanasiewelt. Sicher ist J.K. Rowling sehr von ihm inspiriert worden. Auch für sie haben Sprache und insbesondere Namen eine besondere Faszination. Harry Potter klingt wie ein Allerweltsname, aber J. K. Rowling hat sich genau überlegt, warum ihr Held Harry heißt:

Harry Potter hat seinen Namen von seinem Urgroßvater Henry, genannt Harry. (Und ja, Rowling hat die Ahnenlinie ihrer Figuren tatsächlich so weit zurückreichend erschaffen). Der Name Harry setzt sich aus den zwei Silben Har = althochdeutsch „heima“= Heimatstatt und „ry“ = althochdeutsch  „rihhi“= reich, mächtig, Herrschaft zusammen. Passt! Bei J. K: Rowling ist das kein Zufall. Wenn man genauer hinsieht, machen alle ihre Vor- und Nachnamen Sinn.

Bedeutung von Namen

Jeder Name hat eine Bedeutung. Wer heute herausfinden will, was sein Namen bedeutet, muss nur etwas googeln – bingo. Wählt man einen Namen für seine Charaktere, macht es durchaus Sinn, einmal nachzusehen, was der Namen bedeutet, um zu sehen, ob es auch zu Charakter und Wesen bzw. Rolle in der Geschichte passt. Genauso sollte der Name aber auch zu dem kulturellen Hintergrund des Charakters passen. Spielt die Geschichte in England und sind alle Charaktere englischer Herkunft, dann sollten sie auch englische Namen haben. Wenn es sich dann noch um einen historischen Roman handelt, solltet ihr Namen wählen, die in der Zeit modern oder gewöhnlich waren, in der eure Geschichte spielt.

Herkunft

Nachnamen deuten oft einen Beruf hin. Klar, kann es sein, dass – zum Beispiel – ein hochrangiger Politiker „Müller “ heißt und mit dem Müllerhandwerk absolut nichts mehr zu tun hat. Gleichwohl schwingt etwas Bodenständiges mit. Irgendeiner seiner Vorfahren war einmal Müller, hat Mehl gemahlen. Und schon kann man seinem Charakter durch den Namen eine weitere Bedeutung hinfügen. Der hochranige Politiker wird – allein durch seinen Namen – zu einem „Mann des Volkes“.

Namen deuten manchmal auch auf eine bestimmte Gegend und einen Stand hin.  Zum Beispiel: „von der Goltz“. Goltz ist ein altes märkisches Adelsgeschlecht. Die Familie von der Goltz gehört zum Uradel in der Neumark. Gegend und Stand sind damit sehr genau festgelegt. Ein Nachfahre der „von der Goltz“ ist Bildhauer und lebt in Potsdam. Und ja, er stammt aus diesem Adelsgeschlecht. Ein Künstler – mit adeligen Vorfahren. Ein Mix, der interessant sein kann – wenn man ihn als Autor bewusst und geschickt einsetzt. Ansonsten macht es vielleicht mehr Sinn, den verzogeneren Firmenchef so zu nennen.

Trick und Kniffe

In guten Texten soll man Wortwiederholungen vermeiden. Wenn man ständig die Namen seiner Charaktere wiederholt, wird es schnell zuviel. Manche Autoren greifen daher auf Spitznamen zurück, um Doppelungen zu vermeiden. So heißt dann Elfriede im nächsten Moment Elli oder jemand nennt sie Friedel. Irgendwie clever und oft ist es ja auch im wirklichen Leben so – für den Leser wird es aber schnell unübersichtlich. Da macht es mehr Sinn, sich zu überlegen, was Elfride noch ist. Die Tante, die Ehefrau des Onkels, die Nervensäge. Statt: Elfriede sagte, Elfride machte, Elfriede ging. Besser: Elfride sagte, meine Tante machte, die Nervensäge ging. Oder einfach: Sie ging.

Wichtig ist nur, dass der Leser weiß, dass Elfriede die Tante des ICH-Erzählers ist. Oder wer mit „sie“ gemeint ist. Nebenbeibemekrt könnt ihr so auch die Meinung des Erzählers über eine Figur unterbringen.

Dein Name

That all said … nun versteht ihr vielleicht auch, warum ich so gegen Autoren-Pseudonyme bin. Warum verstellt man sich als Autor, gerade dann wenn man am ehrlichsten und offensten sein sollte? Denn gute Autoren und Schriftsteller nehmen das, was sie schreiben, ernst. Selbst wenn es witzig ist oder sein soll. Jeder hat etwas ganz Individuelles mitzuteilen. Den Lesern, der Welt, etwas, das nur er zu verkünden hat. Sich hinter einem wohlklingenden Namen verstecken, womöglich von einem anderen Autoren ausborgen – wozu? Authenzität wird immer wichtiger in unserer Gesellschaft. Es gibt zu viel Fake und Show, doch wir alle haben Sehnsucht nach einer ehrlichen und authentischen Beziehung. Die Beziehung zum Leser sollte wertvoll und ehrlich sein. Ich würde sie mit meinem echten Namen beginnen.

Nach diesem Wort zum Mittwoch ;) … euch noch eine schöne Restwoche, ganz viel Schreib-zeit und

Bis bald

xoxo

Katrin

#rbpub #redbugwriting #amwriting

 

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