7 Tipps für vielschichtige Charaktere

7 Tipps für vielschichtige Charaktere #1 Einführung

28. Februar 2018
Vielschichtige Charaktere

Unter allen Büchern, die ich zum Thema Schreiben besitze, überwiegen mit Abstand die zum Thema Charakter. Je länger ich mich mit dem Schreiben geschäftige und natürlich auch, je mehr Bücher ich selber schreibe, desto klarer wird mir, dass die Charaktere das Herzstück jeder Geschichte sind. Darüber habe ich schon zwei sehr knackige Blogartikel geschrieben:

Von der Idee zum Manuskript – Charaktere 

7 Tipps – Schneller und produktiver Schreiben – Charaktere

–  doch als ich sie mir erneut angesehen habe, wurde mir klar, dass der erste Artikel eher ein Überblick ist und der zweite ein Shortcut für die Erstellung eines Charakters. Alles schön und gut, aber ich habe noch viel mehr zu sagen. Warum also nicht eine ganze Blogserie über Charaktere schreiben?

Ich habe eine Weile überlegt, wie ich die Blogserie nennen soll: Starke Charaktere – hatte ich schon in der Serie über die verschiedenen Arten von Charakteren in einer Story. Lebendige Charaktere? Hm, ja, natürlich müssen Buch-Charaktere dem Leser wie echte, lebendige Menschen vorkommen, aber ich will eigentlich noch mehr. Vielschichtig heißt, dass die Charaktere am Ende nicht nur lebendig erscheinen, sondern auch interessant sind. Yes! Bücher (oder Filme) sind bigger than life. Wir wollen über den langweiligen Beamten oder die fleißige Hausfrau nur dann lesen, wenn sie einen Mord begangen haben oder ein anderes Ereignis ihr Leben durcheinander bringt. Weil das zeigt, was wirklich in dem Beamten, der Hausfrau steckt. In guten Büchern sind die Charaktere aus vielen Ebenen und Schichten zusammengesetzt, die man als Leser immer tiefer erforschen kann.

Verborgenes aufdecken

Warum bleiben Bücher Bestseller? Über Jahre oder Jahrzehnte beliebt bei den Lesern? Ich behaupte, weil ihre Charaktere wohl ausgearbeitet sind und man sie beim Lesen wie wirkliche Menschen kennenlernt. Mir geht es als Autorin genau so. Meine selbsterschaffenen Charaktere – leben. Ich würde mich überhaupt nicht wundern, wenn es irgendwann an der Tür klingelt und Luca mit seinem Skateboard davor stünde. Oder ich auf ein Booktube-Video mit Ella stoßen würde. Ganz klar kenne ich meine Charaktere besser als die meisten anderen Menschen und – vielleicht sogar besser als mich selbst.

Es ist normal und sogar wichtig, dass AutorInnen ihre HeldInnen auch viel besser kennen als die Leser. Wie bei einem Eisberg ist nur ein geringer Anteil sichtbar, der größte Teil liegt unter dem Eis und bleibt in diesem Fall im Kopf der AutorIn. Das muss so sein. Den Leser mit all dem Wissen über einen Charakter zu überfrachten, würde zu Langeweile und Überforderung führen. Die Kunst für den Autor ist es, immer genauso so viel über den Chrakter zu enthüllen, wie für die Geschichte wichtig ist.

Klichees vermeiden

Das Gemeine an Klischees ist – irgendwann waren es einmal frische Ideen. Sogar richtig gute. Wie die Heldin mit der schweren Krankheit. Doch gerade wird das Thema dermaßen in der Jugendliteratur überstrapaziert – die Krankheiten werden immer verrückter und ausgefallener – dass ich mir sicher bin, es wird ein Klischee werden. „Die kranke Heldin„. Diese Art von Literatur wird schon spöttisch Sick Lit genannt. Irgendwann war es einmal spannend und neu und frisch, einen Helden oder eine Heldin nicht als gesund und strahlend, sondern verletzlich und vom Tod bedroht darzustellen. Eine echte Idee. Jetzt muss man einen immer größeren Bogen um diese Themen machen. Denn todkranke aber lebenshungrige Heldin droht gerade genauso zum  Klischee zu werden wie der steinreiche Mann mit der geheimnisvollen Vergangenheit. Klischees sind so etwas wie eine Verkürzung. Statt einen Charakter sorgfältig auszuarbeiten, sucht man nach Abkürzungen. Die flotte Blondine, der dicke Witzbold. Klischeehafte Charaktere sterben nie aus und werden ständig neu produziert.

Warum werden Klischees überhaupt verwendet? Machen wir uns nichts vor: Klischees verkaufen sich ganz wunderbar. Besonders bei Lesern, die gar nicht so tief in ein Buch, eine Handlung, die Psychologie eines Charakters oder die Komplexität einer Geschichte eindringen wollen. „Gut für zwischendurch“ – scheint ein weit verbreitetes Bedürfnis zu sein und sagt mehr über den Leser (der ja lesen kann, was er mag) als den Autor aus (der von seinen Büchern leben will oder muss). Langfristig lohnen sich Klischees allerdings nicht. Bücher bleiben nur, wenn ihre Charakere gut ausgearbeitet sind.

Aussen und innen

Wie erschafft man einen vielschichtigen Charakter? In den nächsten Blogartikeln wird es sowohl um Namen, Aussehen, als auch um Eigenschaften, Schwächen, Stärken, kleine Ticks und die Backstory und Beziehungen von Charakteren gehen.

Name? Aussehen? Sind das nicht Nebensächlichkeiten für vielschichtige Charaktere? Nope. Wir wissen es alle: Namen werden Kindern mit großer Sorgfalt gegeben. Fragt eure Eltern, die euch benannt haben, fragt euch selber, sofern ihr Kinder habt. Man muss nicht Angehöriger eines Indianerstammes sein, um Namen als magisch anzusehen. Und Aussehen? Nun, damit ist es ein wenig anders. Aussehen ist wichtig, aber weder unsere Eltern noch wir konnten unser Aussehen bestimmen. Doch die AutorIn kann über das Aussehen ihrer Charaktere entscheiden. Es ist ein mächtiges Instrument und man muss es weise einsetzen. Das beste, schönste, perfekteste Aussehen ist nämlich selten der beste Weg zu einem vielschichtigen Charakter.

Herkunft und Backstory

Jeder Hauptcharakter in eurer Geschichte sollte eine Backstory haben. Einen Ort, von dem er/sie stammt, eine Stadt, eine Familie. Waren die Eltern reich oder arm? Hatte er/sie Geschwister? Denn es machte einen Unterschied, ob eure Heldin aus Untertupfingen oder Berlin kommt. Und einen Unterschied, ob sie fünf Geschwister hat oder als Einzelkind aufgewachsen ist.

Um zu wissen, was es bedeutet, hier oder dort geboren zu sein, oder hier oder dort zu leben, ist es wichtig, dass IHR euch mit der Gegend, dem Ort auskennt. Darum macht es absolut keinen Sinn, seine Geschichte in den USA spielen zu lassen, wenn man weder die Kultur (oder diese nur aus amerikanischen Serien) kennt, noch jemals dort war. Denn dann muss man auf die Klischees zurückgreifen, die diese Gegend zu bieten hat. Also Cowboyhüte in Texas oder Sonne und Strand in Florida. Die kleinen feinen Besonderheiten der Gegend, der Stadt, der Menschen, die in dieser Region wohnen, werden einem entgehen. Daher rate ich ganz dringend – sofern man ein gutes Buch schreiben will, das länger als ein Saison interessant ist – so nah wie möglich an seinem eigenen Lebensraum zu bleiben, bzw. die Gegend, in der man eine Geschichte ansiedeln müchte, genau zu recherchieren.

Nebenbemerkung: Es spricht nicht für ein besonders großes Selbstbewusstsein,  seine New Adult- Geschichte als deutsche AutroIn in den USA spielen zu lassen, bloß weil amerikanische Autorinnen das Genre gerade beherrschen. Man stelle sich vor, eine amerikanische AutorIn würde über deutsche Männer in Lederhosen und Mädchen in Dirndeln schreiben und käme sich dabei besonders weltgewandt vor … umpf! Viel eher sollte man den Vorteil nutzen, für die deutschen Leserinnen eine Atmosphäre zu schaffen, die einem als AutroIn vertraut und daher viel intensiver zu beschreiben ist. Ja, ich weiß, diese Fake-American-Bücher sind gerade trotzdem erfolgreich. Ich kenne auch das Argument, dass LeserInnen gerne in „fremnde Welten“ entführt werden. Doch auf lange Sicht werden diese Bücher Fast-Food bleiben.

Regionalkenntnisse nutzen

Ein gutes Beispiel für die Nutzung der eigenen, lokalen Kenntnisse sind die deutschen Regional-Krimis. Die Krimiliteratur wurde lange von den angloamerikanischen Autoren beherrscht, aber seine Geschichte in einem britischen Schloss spielen zu lassen – keine gute Idee, das können die BritInnen eben besser. Aber wer kennt sich in Niederpölzheim aus? Wenn du von dort (okay, es ist ein Fantasieort und nur ein Beispiel) kommst, dann macht das deine Geschichte zu etwas Besonderem. Am Ende interessiert sich dann sogar das Ausland für diese höchst speziellen Krimis.

Je detailreicher die Backstory eurer Charaktere ist, desto glaubhafter und lebendiger werden sie. Doch Achtung: In einer guten Geschichte muss man nicht extra erzählen, woher die Heldin stammt oder was sie früher erlebt hat. Die Kunst ist es auch hier, diese Kenntnisse an den passenden Stellen in die Geschichte einzuweben.

Nächste Woche fange ich mit dem Thema „Namen für Charaktere“ an. Die Meisterin für intelligente Namensgebung ist eindeutig J. K. Rowling. Wenige Autoren haben sich so viele Gedanken darüber gemacht, wie sie ihre Figuren benennen. Es ist interessant, sich das mal ein wenig näher anzusehen. Dazu gibt es Tipps und Tricks und viele Beispiele. Und jetzt habe ich noch eine Frage an euch:

Q: Wisst ihr, was euer Name bedeutet? Wieso heißt ihr genau so und nicht anders?

Okay, i go first: Katrin kommt von Katharina. Und das – vermutlich aus dem altgriechischen – von katharos = rein. Also: Die Reine. Die Aufrichtige. Meine Eltern haben mich nach der besten Freundin meiner Mutter benannt. Katrin ohne h, denn mein Vater war der Meinung: So einfach (und klar) wie möglich ;)

Bis nächste Woche

xoxo

Katrin

#amwriting #rbpub #redbugwriting

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