Starke Charaktere

Starke Charaktere #1 Das Ensemble

21. Juni 2017
Starke Charaktere – Das Ensemble

Ich freue mich riesig auf diese Blogserie. Denn was wäre eine gute Geschichte ohne Protagonisten? Ohne starke Charaktere? Ohne das ganze Ensemble von Charakteren: Ohne eine Heldin, einen Antagonisten, Mentoren, den Trickster? Äh, was? Ja, ups, hier merkt man wieder, dass ich vieles über das Schreiben beim Film und beim Drehbuchschreiben gelernt habe. Für mich muss eine Geschichte wie ein Film vor meinen Augen ablaufen und genauso schreibe ich sie auch. Aber auch, wenn ihr das Schreiben lieber etwas intellektueller angeht, können die Tricks der Drehbuchautoren euch sehr helfen.

Ich habe schon einmal ganz grundsätzlich über starke Charaktere (+ Worksheet) gebloggt, in dieser Blogreihe wird es nun ganz speziell um einzelne Charaktertypen gehen und natürlich darum, wie ihr sie erschafft. Heute geht es zuerst einmal um das Ensemble, also die Gruppe aller Charaktere.

Denn für jede Geschichte ist es enorm wichtig, nicht nur die richtigen Charaktere zu erschaffen, sondern sie aufeinander abzustimmen. Sie müssen so perfekt zusammen passen und funktionieren – wie ein gutes Orchester. Ihr habt nichts von einem tollen Helden oder Heldin, wenn sie nicht durch eine Gruppe unterstützt oder getragen wird.

Geschichten sind sozial

In Geschichten werden Interaktionen von Menschen erzählt. Wer, macht mit wem, was? Und damit die Geschichte spannend wird, sollten diese Menschen verschieden sein. Ich finde ganz oft auf Schreibseiten Hinweise, wie man einen Protagonisten erschaffft: Denkt euch das Äußere aus, die Eigenschaften, die Herkunft, Vergangenheit und so weiter. Schön und gut, aber irgendwie auch klar, oder? Und dann haben wir uns lauter Charaktere ausgedacht und stellen fest, dass sie nicht – automatisch – zusammenpassen.

Genau daher ist mir wichtig, am Anfang klar zu machen, dass ihr eine gut zusammenpassende Gruppe von Charakteren erschaffen müsst. Ich nenne sie Ensemble. Also so, wie ich eine Orchester- oder eine Theatergruppe nennen würde. Weil diese Gruppen ähnlich funktionieren wie die Protgonistengruppe in einem Buch/Roman einer Geschichte. Denn auch in einem Orchester braucht man verschiedene Instrumente/verschiedene Musiker, um den großen, den BIG Sound zu erzeugen. Okay, es mag auch Geschichten geben, die mit wenigen Charakteren auskommen. Sozusagen ein Quartett, ein Kammerspiel, aber auch ein Quartett besteht aus verschiedenen Stimmen oder Instrumenten. Hohe Klänge, tiefe Klänge. Ich denke, ihr versteht schon.

Klangfarben

In jeder Geschichte gibt es verschiedene „Rollen“ zu besetzen. Manche sind absolut wichtig für eure Geschichte, nicht wegzudenken, wie der Held oder die Heldin. Andere Rollen könnt ihr, müsst ihr aber nicht besetzen. Im Drehbuchschreiben geht man davon aus, dass es eine Art Grundbesetzung von Rollen gibt, die eine Geschichte braucht. Denkt an ein Kasperle-Theater: Kasper – logisch. Gretel? Klar. Seppel? Ja. Krokodil? Nur falls es den Teufel oder Räuber nicht gibt. Also irgendeinen Bösen. Polizist? Hm. Irgendwie nicht so wichtig. Großmutter? Gerne. Oder einen anderen weisen Charakter.

Dynamik

Wenn man verschiedene Rollen in einem Film besetzt, dann um eine bestimmte Dynamik, also Bewegung zwischen den einzelnen Charakteren zu erzeugen. Ein Film über eine Gruppe von netten, freundlichen Menschen, die sich immer zustimmen – und Langeweile ist garantiert. Spannung und Tiefe erzeugt ihr mit unterschiedlichen Charakteren.

Welche Rollen sind auf jeden Fall wichtig?

  • Der Held/die Heldin: Sie steht im Mittelpunkt eurer Geschichte und macht die größte Wandlung durch.
  • Der Antagonist/die Antagonisten: Also der Feind. Er fordert den Helden heraus, ist der Konkurrent, Gegner, der BÖSE.
  • Der Mentor/die Mentorin: Auf dem Weg der Erkenntnis braucht die Heldin einen Lehrer. Jemand, der sich auskennt und manchmal hilft, auf den rechten Weg zu kommen. Manchmal ganz wortwörtlich.
  • Der Trickster: Der Hofnarr. Seppel. Ron (in Harry Potter). Die Figur, die etwas Leichtigkeit in das Spiel bringt, die komische Seite der Geschichte zeigt. Selber witzig ist und dem Helden auch etwas von seiner tragischen Größe nimmt. Natürlich kann sie auch weiblich sind.
Heldenreise

Auch in der Heldenreise, die eine Form der dramatischen Gliederung für eure Geschichte ist,  gibt immer wiederkehrende Figuren. C.G. Jung nannte sie Archteypen. In seiner Vorstellung sind diese Archetyen die nach außen gekehrten Eigenschaften des Helden, die er in sich zurückintegrieren muss, um eine stärkere und größere Persönlichkeit zu werden. Ich finde, J. K. Rowling hat das ganz wunderbar bei Harry Potter erzählt, der ja einen Zauberstab hat, der aus dem gleichen Material wie der von Voldemort gemacht ist. Oder seinen Horkrux in sich trägt. Kurz: Harry muss „das Böse“, also Voldemort, besiegen, aber auch in sich integrieren. Nach diesem Kampf ist Harry ein anderer neuer, größerer stärkerer Mensch. Er weiß, dass das Böse – grundsätzlich – auch in ihm ist, aber er kann nach dem Sieg damit umgehen. Die Archetypen sind im einzelnen:

• Held
• Mentor
• Schwellenhüter (jemand, der den Helden an bestimmten Stellen von seinem Ziel abhält. Das kann auch schlechtes Wetter oder ein Berg sein.)
• Herold (der Verkünder, manchmal ein vermittler zwischen zwei Welten. er kann böse, gut oder neutral sein).
• Gestaltwandler (der den Helden in die Irre führt, täuscht)
• Schatten = der Antagonist, der Gegener, Feind, Darth Vader, Voldemort
• Trickster = der Joker

Die Archetypen müssen übrigens nicht unbedingt Menschen sein.

Die Gruppestarke Charaktere

Wenn ihr euch eine Geschichte ausdenkt und über Charaktere nachdenkt, dann denkt sie immer als Teil einer Gruppe oder eines Ensembles. Natürlich könnt ihr Rollen doppelt besetzen, aber irgendwie macht es nicht besonders viel Sinn.

Wenn sich in Twilight gleich mehrere Männer in Bella verlieben, dann ist das zwar sehr schmeichelhaft für Bella, aber für die Geschichte im Grunde unwichtig. Sogar ein wenig eitel/kitschig/zwanghaft. So, als ob die Heldin gleich mehrfach die Bestätigung braucht, dass sie geliebt wird. Leser mögen das vielleicht, weil sie ebenso unsicher sind, aber eine gute Geschichte werdet ihr damit nicht erzählen.

Eine Geschichte wird stärker und klarer, wenn ihr wenige, starke Charaktere erschafft. Beim Film heißt das oft, dass Rollen zusammengefasst oder gestrichen werden, damit die Handlung für den Zuschauer klarer und verständlicher wird – und die Geschichte stärker.

Kennt ihr Familienaufstellung?

Familienaufstellung bezeichnet ein Verfahren, bei dem Personen stellvertretend für Mitglieder des Familiensystems eines Klienten konstellativ angeordnet (gestellt) werden, um aus einer dazu in Beziehung gesetzten Wahrnehmungsposition gewisse Muster innerhalb jenes Systems erkennen zu können. (Wikipedia)

Okay, das klingt jetzt eher verwirrend. Lasst es mich einfacher erklären: Familienaufstellung ist kein Rollenspiel, sondern eine Therapieform. Kurz gesagt geht man davon aus, dass jedes Mitglied einer Familie eine bestimmte Position einimmt, die mit bestimmten Rollenmustern verbunden ist. Papa/Mama ist der Boss, die Älteste Tocher ist brav, der jüngste Sohn eher unzuverlässig. Wobei es egal ist, wer welche Rolle einnimmt.

Manchmal machen diese Rollen eine gute Familie aus, aber manchmal wird die Sache dysfunktional, macht krank und unglücklich. Merken tut man das, wenn ein Familienmitglied krank wird oder sich von der Familie absondert. Bei der Familienaufstellung will man diese Probleme lösen, indem sich Stellvertreter für Familienmitglieder in den Raum stellen, und versuchen aus dieser Postition heraus intuitiv zu handeln. Und unglaublich – es funktioniert. Obwohl nur als Stellvertreter eingesprungen, reagieren diese Menschen oft unglaublich authentisch in ihrer Rolle und helfen so dem Krankne, seine und die Rollenmuster der anderen besser zu erkennen.

Charakterstärken

Was hat das mit dem Ensemble einer Geschichte zu tun? Nun, es spielt nicht nur eine Rolle, dass ihr starke Charaktere erschafft, es ist auch wichtig, an welcher Stelle ihr eure Figuren in eurer Geschichte plaziert. Wann ihr sie auftreten lasst, in welcher Beziehung sie zum Helden oder Antagonisten stehen. Oder andersherum gesagt: Wenn ihr eure Charaktere nicht nur als einzelne Figuren in eurer Geschichte erschafft, sondern sie sofort in Beziehung zu den anderen Charakteren denkt und versteht, wird die Geschichte besser. Daher ist es wichtig, genau zu verstehen, welche Aufgaben jeder Charakter in der Geschichte hat. Ist diese Nebenfigur ein Trickster? Ist die Oma wirklich eine Mentorin oder doch eher ein Gegner und Feind? Genau das bringe ich euch in den nächsten Wochen bei.

Dazu werde ich euch die einzelnen Charakter-Typen genau vorstellen, ihre Rollen, ihre Stärke und wie ihr sie einsetzt.

Newsletter/Worksheet

Zu Ensemble gibt es ein besonderes Worksheet. Wie findet ihr die perfekte Gruppe? Ihr dürft Regisseur spielen und einen Film/Theater mit Rollen besetzen. Yes! Erschafft ein tolles Ensemble!

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In der nächsten Woche geht es – mit dem Helden/der Heldin weiter. Bis dahin eine gute sonnige Zeit!

xoxo

Katrin

#rbpub #redbugwriting #amwriting #schreibtipps

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1 Comment

  • Reply Autoren: Medienlese 17.06.-23.06.2017 – Dembelo 24. Juni 2017 at 08:40

    […] Starke Charaktere #1: Das Ensemble […]

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