7 Tipps (nicht nur) für Schreibanfänger

7 Tipps (nicht nur) für Schreibanfänger #6 Abstand

8. Februar 2017

Abstand? Wozu? Zu meinem Schreiben etwa? Meinem Buch! Ist das nicht das Schlimmste,  Abstand zu etwas haben, statt es leidenschaftlich zu lieben? Okay, mir ist schon klar, dass ich heute ein Thema anspreche, das für viele sehr sehr emotional ist. Wie sehr muss/sollte/ und darf ich mich mit meinem Buchprojekt oder ganz allgemein meinem Schreiben identifizieren? Wann ist Abstand schlecht und wann gut? Sogar notwendig?

Leidenschaft

Wenn ich auf eine Buchidee komme, dann bin ich meist vollkommen begeistert und ganz sicher, dass es die Idee des Jahrhunderts ist. Wenn es dann an die Umsetzung geht, zeigt sich, dass manche Ideen tatsächlich nur Traumblasen waren. Macht nichts. Auch wenn man uns als Kinder gerne mal abtrainiert hat, diesen verrückten Ideen nachzugehen, ist es gut, sie auszuprobieren. Für jeden, der seinen Beruf liebt, ist Leidenschaft wichtig. Ich brauche sie zum schreiben, für Ideen, für die Motivation. Aber es gibt auch Phasen/Zeiten, Momente da muss ich auf Abstand zu meiner Arbeit und/oder meinem Werk gehen.

Zeitlicher Abstand

Es gibt so eine Faustregel unter Autoren, dass man nur über eine Erfahrung/Ereignis schreiben sollte, zu der man so etwa 10 Jahre Abstand hat. Also über seine Jugend zum Beispiel am besten in den 30ern. Denn wenn man noch mit den Problemen dieser Lebensphase zu kämpfen hat, dann gelingt einem selten ein universeller Blick auf diese Zeit. Ich kann am leichtesten (sehr gut für mich als Jugendbuchautorin) über die Lebensphase um 16 schreiben. Das ist einfach schon eine Weile her. Jetzt, wo ich selber Kinder habe, die auch schon mal 16 waren, habe ich sogar noch die erwachsene Perspektive auf Teenager. Einfach perfekt.

Emotionaler Abstand

Alle fürchterlichen, beschämenden, nervigen, peinlichen Momente (ja, ich habe viele davon) kann man in meinen Büchern wiederfinden, ohne, dass ich mich bloßgestellt fühle. Es ist gut, dass es schon eine gute Weile her ist, dass ich diese Dinge erlebt habe, denn jetzt kann ich über einige Ereignisse sogar lachen. Und auch die Erfahrungen, die ich nicht selber gemacht habe, sind zumindest nicht mehr mit dem Stress dieser Lebensphase verbunden. Eindeutig positiv. Schreiben kann heilen. Ein Trauma, egal, ob körperlich oder seelisch. Und das sind genau die Erfahrungen, die ein Buch interessant machen. Auf der anderen Seite braucht man Abstand, um überhaupt darüber reden/schreiben zu können.

Ich bin meine Geschichte

Egal, ob ich Fantasy oder eine reale Geschichten schreibe, immer bin ich in einem Buch erkennbar. Ich kann mich weder hinter einem Pseudonym, noch einer Elfengeschichte verstecken. Denn die Fantasiewesen werden zu meinen Stellvertretern und müssen glaubhaft handeln und empfinden. Ich bin immer sehr stark mit meiner Geschichte, meinem Schreiben verbunden. Wenn es gut läuft, tut das der Geschichte richtig gut, man spürt (m)eine Leidenschaft, Energie, Erfahrung. Wenn es nicht so gut läuft, verrenne ich mich in eine Nabelschau, werde kitschig, narzistisch, pathetisch … schon klar, oder?

Der Horizont

Je älter ich werde, auf desto mehr Erfahrungen kann ich zurückblicken.  Aber es kommt nicht nur darauf an, ob ich alles selbst erlebt habe, sondern auch darauf, ob ich einen gewissen Horizont habe. Zumindest in dem Bereich, über den ich schreibe. Mich in dem Thema auskenne, aber auch in den Emotionen, die zu diesem Thema gehören. Flucht, Einsamkeit oder Glück, Freiheit. Manche Autoren widmen sich in all ihren Büchern nur einem Thema, weil sie sich darin so gut auskennen oder es so leidenschaftlich ergründen wollen. Das heißt nicht, dass man nicht mit 15 ein großartiges Buch schreiben kann. Und das heißt genauso wenig, dass es für jeden supereinfach ist, ein Kinderbuch zu schreiben, weil die Kindheit schon eine Weile her ist. Aber das ist ein anderes Thema.

Schreiben – Abstand – Überarbeiten

Was im Großen für den Abstand Sinn macht, gilt auch im Kleinen. Ich schreibe gerne wie im Rausch und überarbeite dann mit der rationalen Gehirnhälfte. Dazwischen liegt der Abstand. Ich gebe zu, dass ist für mich immer ein unangenehmer Moment, wenn ich mein Werk eine Weile ruhen lassen muss und nicht mehr daran denke. Es ist so, als ob es sich – ohne mein Zutun – weiter verändern würde. Oder gerade weil ich wegsehe, anfängt, sich zu verändern. Das ist dann die Phase, in der die rosa Brille verschwindet, mit der ich mein geliebtes Werk so gerne betrachte.

Ich mache das auch mit meinen Bildern. Ich drehe sie um, stellt sie weg und warte eine Weile ab, um sie dann mit einem ganz neuen frischen Blick zu betrachten. Das geht nur mit Abstand. Für die tägliche Arbeit reicht eine Nacht, aber wenn ich eine Arbeit – also egal ob Bild oder Buch – abschließe, dann brauche ich etwas mehr Zeit, um diesen Abstand zu finden.

Wie finde ich den Abstand?

Es gibt ja diesen Spruch: Zeit heilt alle Wunden. Ein wenig Zeit vergehen zu lassen, wenn mein Buch fertig ist, finde ich gut. Viel Zeit wäre noch besser, aber irgendwann muss man sich sagen: Besser geht es (gerade) nicht. Und das ist auch okay so. Eine andere Möglichkeit ist, dass man sich die Augen und den Abstand eines Beta-Lesers borgt: Schau mal, was hast du denn da geschrieben? Das versteh ich nicht. – Öh, ja, das verstehe ich auch nicht …  Die besten Betaleser sind knallharte Kritiker. Wenn man sie vermeidet, begegnet man ihnen dann als Leser und Rezensenten oder Literatur-Kritiker – was garantiert nicht netter ist.

Der objektive Blick

Der Abstand hilft mir, meine Arbeit ein wenig objektiver zu sehen. Mit anderen Augen. Mir ist klar, dass jeder Leser einen anderen Blick auf meine Bücher hat, und es den einen objektiven Blick gar nicht gibt. Trotzdem zeigt sich über die Zeit, wie gut ein Werk ist. Was es aushält. Je länger man ein Buch oder Kunstwerk ruhen lässt, desto stärker sollte es werden. Das ist vermutlich auch der Grund, warum manche Bücher am Anfang gar nicht so erfolgreich sind und erst später richtig entdeckt und gewertschätzt werden. Es ist schon seltsam. Viele Büchern, die wir heute als Weltliteratur kennen, waren zu ihrer Zeit überhaupt nicht erfolgreich. Weil mich das sehr beschäftigt, mache ich es auch oft zum Thema in meinem Büchern: Woran erkennt man Kunst? Literatur? Warum ist es mir so wichtig, dass meine Bücher gut sind? Was ist gut überhaupt? Was ich bisher auf jeden Fall sagen kann – mit der Zeit, also dem Abstand, kann man viele Dinge sehr viel klarer sehen und einfacher beurteilen.

In der nächsten Woche gibt es den letzten Tipp in dieser Reihe. Es geht ums Kürzen, der brutalsten Form der Überarbeitung ;)

Bis dann und eine schöne Woche

xoxo

Katrin

#redbugwriting #amwriting #schreibtipps

 

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