3-Akte-Struktur, Über das Schreiben

3-Akte-Struktur #7 2. Plotpoint

5. Oktober 2016
2. Plotpoint

Er klingt so unschuldig – 2. Plotpoint – aber er hat es in sich. Unsere HeldIn ist am tiefsten Punkt ihrer Geschichte angelangt. Das ist hart und auch als AutorIn leidet man beim Schreiben dieser Passage am meisten. Gerade stecke ich mit meinem nächsten Buch an diesem Punkt, und wie immer fällt es mir schwer, an den Schreibtisch zu gehen, und meiner Heldin DAS anzutun. Aber Moment mal – Tiefpunkt, tief? Was heißt das eigentlich?

2. Plotpoint oder Tiefpunkt

Meine kleine Achterbahn durch die drei Akte hat hier einen Punkt erreicht, an dem es nicht weiter nach unten geht. Vom Höhepunkt, einem Punkt in eurer Geschichte, an dem gefeiert wird, das Liebespaar die erste Nacht miteinander verbringt, der Drache getötet ist, die erste große Schlacht erfolgreich gewonnen wurde, ist er wieder abgestiegen. Noch ist nicht alles gut. In Sicherheit. Letzte Woche habe ich euch diese Abfahrt zum Tiefpunkt  erklärt, jetzt seid ihr da. Schlechter kann es dem Helden nicht gehen, tiefer kann er nicht sinken.

Die Ruhe vor dem Sturm

Stellt euch vor, ihr sitzt in einer Achtertbahn und seid gerade kreischend in die Tiefe gerast. Und kommt unten an. Kaum habt ihr euch erholt, seht ihr schon die nächste Steigung vor euch, doch vorher gibt es – genau! – einen Moment der Ruhe. Die Geschwindigkeit eures Wagens ist für einen Moment auf Null. Wenn ihr eure HeldIn am Tiefpunkt/2. Plotpoint betrachtet, dann ist er/sie wirklich ganz still. Zum ersten Mal wird die Niederlage voll akzeptiert. Und im gleichen Moment, in dem diese Erkenntnis aufkeimt, gibt es die Möglichkeit für eine Wende. Jep, dies ist der 2. Plotpoint und ein weiterer großer WENDEpunkt in eurer Geschichte.

Plotpoint = Wendepunkt

Plotpoints sind Wendepunkte und Wendepunkte sind spannend. Nur schon mal zum Merken: Nicht nur jede Geschichte sollte Wendepunkte haben, auch jedes Kapitel, jeder Szene, jeder Dialog. denn Wendepunkte überraschen den Leser. 3-akte-struktur_2-plotpoint Katrin BongardDas heißt nicht (!), dass man Wnedepunkte beliebig einsetzen und anwenden kann, das wäre schlechtes Schreiben. Das ist ungefähr so wie mit Gewürzen beim Kochen: mehr ist nicht besser. Im Gegenteil. Ein Wendepunkt braucht eine lange Vorbereitung. In diesem Fall die ganze 2. Hälfte des 2. Aktes. Zeit zum Abstürzen und Erkennen, was falsch gelaufen ist.

Während auf dem Midpoint/Höhepunkt die Wende durch ein äußeres Ereignis eintritt, ist es beim 2. Plotpoint eher eine innere Erkenntnis. Der Held blickt zurück und erkennt seine Fehler. Oder er kommt durch ein besonderes Ereignis zu einer inneren Wandlung. Beispiel: Auf der Hochzeit eines Freundes wird ihm klar, dass er die Liebe seines Lebens verlieren könnte. An diesem 2. Plotpoint sind es die ruhigen Momente, die den Helden zum Umdenken bringen.

Vorbereitung auf den 3. Akt

Der 2. Plotpoint bereitet den Helden (Leser) auf den 3. und letzten Akt vor. Der 3. Akt ist eine ganz andere Welt. Zum einen beschleunigt sich das Tempo, zum anderen verstärkt sich das Drama. Das kennt ihr auch aus Filmen, die finale Verfolgungsjagd, der Endkampf um die Burg – whatever. Daher ist es sehr angenehm und auch sinnvoll, dass der Held (und auch der Leser) vorher, also am Ende des 2. Aktes, eine Verschnaufpause hat. Lasst den Helden am 2. Plotpoint zur Ruhe kommen. Erschafft eine ruhige Atmosphäre. Beschreibt Ruhe, Stillstand. Denn so ist der Kontrast zum erneuten Anstieg der Spannung im dritten Akt viel stärker wahrnehmbar und dadurch auch effektiver.

Die Auferstehung

Der 2. Plotpoint ist ein absoluter Tiefpunkt, das Eingeständnis einer Niederlage, gefühlt das Ende für den Helden. Doch nur so ist eine Auferstehung für ihn möglich. Ich habe für mein Buch „Lass uns fliegen“, das vom Schreiben und diversen anderen Süchten handelt, sehr viel über Alkoholismus recherchiert. Und die Aussage eines Alkoholikers gefunden, der sagte, dass er den absoluten Nullpunkt erreichen musste, damit er mit der Sucht aufhören konnte. Die komplette Niederlage, Beschämung, Erniedrigung, Selbstaufgabe. Er meinte, dass nur so ein Umdenken möglich war. Und die Umwelt das oft nicht versteht und denkt, man könnte einfach so aufhören. Nein. Der Süchtige sucht den Tiefpunkt und der Alkohol ist sein williger Helfer. Okay, denkt immer an diese Geschichte, wenn ihr unsicher seid, wie hart ihr mit eurem Helden am Tiefpunkt umgehen solltet. Lasst ihn diesen Tiefpunkt erleiden und dann – auferstehen.

Nächste Woche geht es um den 3. Akt. Ich liebe ihn. Nicht nur, weil ich weiß, das mein Buch dann bald abgeschlossen ist ;), sondern auch weil ich den 2. Plotpoint hinter mir gelassen habe. Der Weg ist frei. In diesem Sinne –

Euch eine gute Zeit und bis nächste Woche!

xoxo

Katrin

#amwriting #redbugwriting

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