3-Akte-Struktur, Über das Schreiben

3-Akte-Struktur #6 2. Akt 2. Hälfte

28. September 2016
2. Akt 2. Hälfte

I am back! Nicht nur am Writers Wednesday, sondern auch aus einem wunderbaren Urlaub, der natürlich unter anderem mit Schreiben verbracht wurde. Und wie so oft musste ich feststellen, dass die 2. Hälfte des 2. Aktes bei jedem Buch oder Film die schwierigste Stelle ist. Puh! Drehbuchautoren und Filmproduzenten treibt sie in den Wahnsinn, und wenn Filme nicht funktionieren, dann weil diese Stelle Schwächen hat. Auch schwache Bücher knicken an dieser Stelle ein. Warum ist das so?

Die zwei Achsen einer Geschichte

Ein gutes Buch hat zwei Achsen. Die eine liegt horizontal und erzählt die Geschichte. Ein Ereignis nach dem anderen. Oder mit Rückblenden. Denn egal, was der Autor für Zeitsprünge einbaut, wir müssen ein Buch von vorne bis hinten lesen, einen Satz nach dem anderen.Doch es gibt auch diese vertikale Achse, die definiert, wie tief(gründig) eine Geschichte ist. Tiefgründig heißt nicht, dass besonders viele Probleme aufgeworfen werden. Viele Leser/Blogger verwechseln eine tiefgründige Geschichte mit einer dramatischen Geschichte.

Anders gesagt: Es gibt unglaublich seichte Geschichten über große Probleme wie Krankheit, Tod, Unglück. Denn all diese Ereignisse liegen auf der horizontalen Achse und machen die Geschichte nicht notwendigerweise tiefer und besser. Ob die Geschichte sowohl tiefsinnig als auch intelligent ist, zeigt sich auf der vertikalen Achse. Wie wird mit den Problemen umgegangen? Sind sie nachvollziehbar und ehrlich beschrieben? Wie gut bewältigt der Held seine Probleme und Herausforderungen? Dringt der Autor tief in den Stoff ein? Ist er aufrichtig oder ruft er nur Klischees auf?

Das Drama des 2. Aktes

Es ist nicht schwer, eine Geschichte bis zum Höhepunkt oder Mittelpunkt zu erzählen. Wenn man ein gutes Thema hat, geht es meist sogar ganz leicht. Die Spannung steigt kontinuierlich und der Leser bleibt dran. Warum nicht einfach so weiter machen bis zum Finale? Okay, das geht – die meisten seichten Geschichten funktionieren so. Aber eine wirklich gute Geschichte braucht mehr, nämlich eine zweite Ebene. Und Deshalb nehmt ihr dem Held eurer Geschichte auf dem Mittelpunkt/Höhepunkt eurer Geschichte erst einmal alles ab, was er sich erarbeitet hat.

Ja, das tut weh. Und ihr fragt euch: Worüber schreibe ich, wenn ich dem Helden alles nehme, was er (vorläufig) erreicht hat? Nun, der Held muss sich neu sammeln, sich innerlich wandeln. In Filmen werdet ihr an dieser Stelle, also etwas nach der Hälfte, sehr oft Passagen finden, die nur Bilder zeigen und mit netter Musik unterlegt sind. Sie sagen so viel wie: Der Held leidet. Denkt nach. Versucht etwas zu verarbeiten. Schmachtet in seinem Liebeskummer. Mit Bildern und Musik kann man wunderbar „schummeln“, aber wie löst ihr diese Stelle in eurem Roman?

Die Wippe

Der Höhepunkt/Midpoint oder Mittelpunkt eurer Geschichte hängt sehr eng mit dem 2. Plotpoint zusammen.
3-akte-struktur_2.Akt_Katrin BongardIhr könnt euch die beiden Punkte wie die Sitze einer Kinderwippe vorstellen. Ist der Held auf dem Mittelpunkt ganz oben, dann ist er beim 2. Plotpoint ganz unten. Und umgekehrt. Beide Punkte sind Gegensätze. Das, was der Held auf dem Höhepunkt besessen hat, wird er bis zum 2. Plotpoint nach und nach verlieren. (Oder: Was er verloren hat, wird er bis zum 2. Plotpoint zurückgewinnen.)

Obwohl das Bedürfnis, dem Held gleich alles zurückzugeben, was ihr ihm abgenommen habt – die Liebe, Freundschaft, Gesundheit, Geld – sehr groß ist, müsst ihr euch klar machen, dass es noch ein weiter Weg bis zum Tiefpunkt eures Helden ist, denn die ganze 2. Hälfte des 2. Aktes, also ein Viertel des Buches lang, führt ihr ihn an den dunkelsten Ort seines Selbstbewusstseins, zu den größten Zweifeln, in die dunkelste Nacht.

Die Stunde der Nebencharaktere

Die frohe Botschaft: In der 2. Hälfte des 2. Aktes schlägt die Stunde der Nebencharaktere. Das heißt nicht, dass ihr auf einmal Protagonisten aufpoppen lassen könnt, die den Helden ablenken. Jeder wesentliche Charakter, der im 2. Akt vorkommt, sollte im ersten Akt eingeführt worden sein. (Regel. Merken!) Aber ein gut eingeführter Nebencharakter kann dem Helden auf dem Weg nach unten begleiten. Genauer gesagt: Noch ein wenig tiefer nach unten drücken.

Zum einen können sie dem Helden bei der Selbsterkenntnis helfen. Oder ihn noch stärker auf sein Problem stoßen. Hat der Held seine große Liebe verloren, verliert er vielleicht kurz darauf auch das Vertrauen seines besten Freundes. Ist seine Schwäche Unzuverlässigkeit, dann zeigt diese sich jetzt an jeder Stelle. Die Wohnung wird ihm gekündigt, seine Schwester will das geborgte Auto (endlich) zurück. Alle Nebencharaktere sagen oder zeigen dem Helden nun ganz eindeutig, welche Lektion er lernen muss. Was er verbessern oder ändern muss.

Ist da nicht auch irgendwo Licht?

Kann es in der 2. Hälfte des 2. Akt nicht auch schöne Momente geben? Natürlich! Lustige zum Beispiel oder absurde. Wenn der Vermieter alle Möbel vor die Tür stellt oder aus dem Fenster wirft, weil unser Held eben (zum Beispiel) – unzuverlässig  – ist. Auch wenn wir unseren Helden nicht gerne leiden sehen, dann tut es doch gut, zu sehen, dass er langsam zur Einsicht kommt: Du musst dich ändern! Du musst für dein Glück kämpfen! Sieh dir die Zeichen an, es wird Zeit, für ein Umdenken.

Die Phase der Selbsterkenntnis

Die 2. Hälfte des 2. Akt dienst der Selbsterkenntnis des Helden und sie endet – am 2. Plotpoint – mit Verzweiflung und großer Trauer. Alles scheint verloren. Das äußere Ziel ist vollkommen aus dem Blick geraten, das innere Ziel scheint unerreichbar. In dieser Phase des Schreibens fühlt sich auch ein Buchprojekt sehr mühsam an. Jeder Autor leidet mit seinem Helden mit, und manchmal möchte man gerade in der 2.Hälfte  des 2. Akt sein Buchprojekt einfach aufgeben. Das ist – ein gutes Zeichen! Es heißt, dass man es sich nicht leicht macht und ein gutes Buch schreibt. Ein Buch, das dem Leser auch nach dem – egal wie schnellen – Lesen oder Inhalieren im Gedächtnis bleibt. Das er gerne ein zweites Mal lesen möchte. Das ihm etwas bedeutet. Und sollte euch das nicht trösten, dann erinnert euch einfach daran: die 2. Hälfte des 2. Akt ist der schwierigste Teil eines jeden Buchs oder Films.

Nächste Woche dann der 2. Plotpoint. Er ist – ja – ein dunkler Punkt eures Helden oder eurer Heldin – aber er ist auch ein Wendepunkt und damit das Ende des Leidens. In diesem Sinne –

Bis nächste Woche

xoxo

Katrin

 

#amwriting #redbugwriting #rbpub

 

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1 Comment

  • Reply Playful Writing #9 Mittelfeld - Red Bug CultureRed Bug Culture 24. Oktober 2019 at 18:14

    […] noch nicht im Endteil des Buches und wenn es ganz hart kommt, hat man auch noch Zeitdruck (mehr zu Dramaturgie des 2. Aktes). Hier ist nach meiner Erfahrung die meiste Umarbeit nötig. Dahinplätschern ist nämlich keine […]

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