3-Akte-Struktur, Über das Schreiben

3-Akte-Struktur #3 1. Plotpoint

3. August 2016
1. Plotpoint

Ich erinnere mich an einen der ersten Schreibworkshop. Alles interessierte Teenager einer 10. Klasse, eine abenteuerliche Mischung aus Jungs und Mädchen. Freaks (die hatten Graphic Novels dabei), Nerds (mit abgedrehten Geschichten) und ergeizige Schüler (die Liebesromane oder Thriller schreiben wollten). Ich kam also mit meiner genialen 3-Akte-Struktur – Leute, wenn ihr die Struktur verstanden habt, seid ihr die Meister der Welten! – malte sie an die Tafel und ALLE sahen mich verständnislos an. Hormonhöchststand, Leidenschaft, Energie – sie wollten nur SCHREIBEN! Und zwar sofort. Das war mein persönlicher erster 1. Plotpoint dieses Schreibworkshops, der sich dann zu dem erfolgreichsten all meiner Schreibkurse entwickelte. Und zwar, weil es beides gab: Struktur UND Umbruch.

Leben und Plotpoints

Warum erzähle ich das? Weil ich weiß, dass die 3-Akte-Struktur sich immer so anhört, als ob man ein blödes, enges Raster über eine Sache legt, die doch einfach nur Fun und Abenteuer, sexy und aufregend sein soll. Das Schreiben! Ja, ich weiß. Same here. Ich liebe das Schreiben, ich erlebe es als Abenteuer, ich finde es sexy, es macht Spaß. Ich sage auch nicht: Habt keinen Spaß. Nur: Nehmt eine Survivalausrüstung mit, wenn ihr in den Dschungel geht. Oder zumindest ein Schweizermesser. Denn ihr werdet auf den ersten Tiger treffen. Und, ja, das ist der 1. Plotpoint.

Der Tiger fragt nicht

Natürlich hatte ich für meinen Schreibworkshop (der über mehrere Termine ging) einen schönen Plan: Am 1. Tag wollte ich die 3-Akte Struktur vorgestellen, an den weiteren Tagen die Sache vertiefen.  Ich rechnete nicht damit, dass die Schüler dieses Struktur nicht so großartig fanden wie ich. Und – nur deshalb wird diese Geschichte überhaupt zu einer interessanten Story: Weil etwas Unerwartetes geschehen ist.

Und das ist genau das, was am Ende des 1. Aktes passiert. Du hast einen Plan, du denkst, dein Leben passt, du hast alles im Griff und dann – Willkommen im echten Leben. Der Tiger will essen, er fragt nicht, ob er dich fressen darf. Willkommen in deinem neuen Abenteuer. Willkommen in der Story.

Was ist ein Plotpoint?

An einem Plotpoint verändern sich die Vorzeichen einer Story. Vorher war alles xy und danach ist alles yx. Vorher war heile Welt, danach Chaos. Am 1. Plotpoint wird klar, dass die alte, gewohnte Situation so nicht mehr aufrecht gehalten werden kann. 3-Akte-Struktur1.PP

Wichtig: Eure Leser müssen verstehen, dass der Held nun keine andere Wahl mehr hat, als das Abenteuer anzunehmen. Weil er wütend/in Gefahr/verliebt oder sonstwas ist. Natürlich hat der Leser mit nichts anderem gerechnet. Er möchte allerdings, dass es richtig BÄM macht. Denkt euch etwas aus, das diesen Moment richtig gut vorstellbar erzählt. Beschreibt genau den Augenblick. Egal, wieviel Tage/Stunden oder Jahrtausende ihr sonst gerne mal in eurer Story überspringt, hier müsst ihr mit der Kamera ganz nah rangehen und die ganze schreckliche Szene ausschmücken:

Die 3-Akte Struktur steht an der Tafel. Ich drehe mich zur Klasse um. „Lasst uns jetzt die besondere Funktion der einzelnen Akte und Plotpoint üben. Welche Funktion hat der 1.Plotpoint?“ Lukas meldet sich, aber er redet, bevor ich ihn rannehme: „Äh, können wir nicht schreiben? Dafür sind wir doch hier, oder? Ich dachte, wir sollen später einen Text abgeben?“ Die anderen Schüler nicken. Vincent verschränkt die Arme. „Brauchen wir diese fucking 3-Akte-Struktur überhaupt?“ Nele: „Wenn wir nicht schreiben, würde ich auch gehen. Ich schreibe morgen eine Arbeit …“ Einige Schüler stehen auf.

So viel zu meinem Leben … Die Schüler sind geblieben (was denkt ihr denn!). Aber ich habe meinen Plan geändert. Schließlich ging es in dem Schreibworkshop (nicht nur) um die 3-Akte-Struktur. Es hätte aber auch wenig Sinn gehabt, einfach draufloszuschreiben, wie die Schüler das wollten. Wozu war ich als erfahrene Autorin dann da? Am Ende haben wir beides zusammengeführt.

Worauf es ankommt

Es hat einen Grund, dass ich euch die 3-Akte-Sturkur so nahebringe. Ich bin zum Beispiel kein Freund von diesen: Schreib 50000 Wörter in einem Monat Contests. Beim Schreiben kommt es weder auf die Zahl der Wörter, noch darauf an, ob ihr in einem Monat fertig seid. Schreiben ist kein Fitnesskurs. Denn wenn ihr nicht schreiben könnt, dann liegt es sehr oft nicht an mangelnder Disziplin, sondern daran, dass mit der Dramaturgie eurer Geschichte etwas nicht stimmt. Dem Aufbau, der Reihenfolge, in der ihr die Geschichte erzählt. Da kann euch dann auch kein NaNoWritMo durchprügeln. Aber die 3-Akte-Struktur kann euch helfen.

Die 3-Akte-Struktur ist allerdings  auch keine Bauanleitung, denn aus einem Bauplan kann nie ein gutes Buch entstehen. Und ihr werdet auch mit der 3-Akte-Struktur an den Punkt kommen, wo ihr nicht mehr weiterwisst. Mit der 3-Akte-Struktur wisst ihr aber immer genau, an welcher Stelle eurer Geschichte ihr euch gerade befindet. Es ist euer Navi durch den Schreibprozess. Und immer dann, wenn ihr euch verlaufen habt, seht euch an, auf welcher Seite eurer Geschichte ihr gerade seid, was dort passiert und warum es nicht funktioniert. Selbst eine Idee im Kopf kann von der 3-Akte-Struktur profitieren, weil man sie schon ganz am Anfang auf die 3 Akte verteilen und sich fragen kann, ob die Achterbahn aufregend genug sein wird. Sie genug Kurven hat und steil hinauf und hinabstürzende Punkte.

Nächste Woche geht es weiter mit der 3-Akte-Struktur. Ich denke, auch, wenn ihr euer Buchprojekt noch nicht begonnen habt oder ganz am Anfang steht, ist es gut, schon mal zu sehen, was bald auf euch zukommt. Also willkommen in dem Herzstück einer Geschichte – dem 2. Akt.

Alles Gute bis dahin

Katrin

#rbpub #redbugwriting #amwriting

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