Über das Schreiben

Über das Schreiben #2 Tagebuch

18. Mai 2016
tagebuch
Mein erstes Tagebuch

Als ich etwa zehn Jahre alt war, schlug mir mein Vater vor, ein Tagebuch zu führen. Es war mehr die Art, wie davon sprach, die mich mehr faszinierte, als die Aussicht, jeden Tag aufzuschreiben, was ich gemacht habe. Das war nämlich tatsächlich das erste, was ich getan habe. Einfach zu notieren, was so los war in meinem Kinder-Alltag. In meiner Erinnerung hört sich das etwa so an: Heute hatte ich Schule. Wir haben in Bio einen Film gesehen. Nachmittags habe ich den Hamsterkäfig saubergemacht und habe mich mit xy getroffen. Wir haben erst draußen gespielt und uns Eis geholt und sind dann zu mir gegangen. Ich schrieb auf ein DinA4 Blatt mit einer winzigen Schrift und brauchte für jeden Tag etwa drei Zeilen. Das tat ich jahrelang, ohne eigentlich zu wissen, warum das so wichtig sein sollte.

Biographisches Schreiben

Es gibt einen Ansatz im Kreativen Schreiben, der nennt sich autobiographische Selbstreflexion. Über sich selber – schreibend – nachzudenken, kann innerhalb einer Therapie sinnvoll sein, um Schmerzen und Probleme zu lösen. Es kann aber auch ganz allgemein helfen, sich klar zu machen, wo man im Leben gerade steht, was man möchte. Künstler – egal ob Maler, Musiker oder Schriftsteller – arbeiten nicht nur mit einer Gitarre oder dem Pinsel oder einem Schreibprogramm – sie benutzen ihre eigenen Erfahrungen, Erlebnisse, um ihre Kunst zu erschaffen.

Mein geheimes Tagebuch

Ich hatte als Kind ein Lieblingsbuch: „Harriet, Spionage aller Art“ von Louise Fitzhugh. Harriet will Schriftstellerin werden. Und über das schreiben, was sie selber sieht und erlebt. Ihr Kindermädchen empfiehlt ihr, doch ein Tagebuch über ihre Beobachtungen zu führen. Und sie tut es. Gnadenlos. Eines Tages gerät dieses geheime Tagebuch in die Finger ihrer Mitschüler. Jep. Eine Katastrophe. Ich bewunderte vor allem, wie ehrlich Harriet in ihrem Tagebuch war. Und ich?FullSizeRender Kopie 10

Je älter ich wurde, desto klarer wurde mir, dass es keinen Sinn macht, jeden Tag zu notieren, ob ich den Hamsterkäfig sauber gemacht oder eine eins im Deutschaufsatz bekommen habe (wobei, Moment mal, ich bekam ja immer nur eine zwei, da Inhalt und Ausdruck zwar eins waren,  ich aber so schlecht in Rechtschreibung war  … #erinnerung). Außerdem traf mich die Pubertät mit voller Wucht. Ich fing an, meinen Frust aufzuschreiben. Kleine Ärgernisse, Beobachtungen, Kummer.

Tagebuch und Gefühle

Irgendwann hatte ich das Gefühl, das Schlimmste hinter mir zu haben und traf eine Entscheidung: Ich wollte mich nicht länger mit Negativem beschäftigen. FullSizeRender Kopie 11Ich vernichtete alles, was ich vor 16 aufgeschrieben hatte und begann – ein neues Leben. Mein erstes richtiges Tagebuch war eine chinesische Kladde mit einem Stoffeinband und sehr schön gestalteten Seiten. Ich beschloss, in diese Buch nur noch wichtige und tiefgreifende Gefühle/Ereignisse einzutragen. Rückblickend muss ich über meine Naivität lächeln. Und natürlich war nicht alles tiefgreifend und bedeutend, was ich notierte. Es war mehr der Vorsatz, mich etwas mehr zu zeigen. Also füllte sich dieses Tagebuch mit Theaterbesuchen, Büchern, Gedanken und *hust* endlosen Seiten über Jungs und Liebeskummer.

Tagebuch und Schreiben

Ich habe das Tagebuchschreiben erst aufgegeben, als ich Kinder hatte und einfach nicht mehr dazu kam. Außerdem hatte ich begonnen, ein Mutterbuch für alle drei Kinder mit frühen Erinnerungen an Schwangerschaft und erste Jahre zu schreiben, da hatte ich genug mit zu tun. Aber nichts war umsonst. Über all die Jahre habe ich – fast nebenbei – gelernt, meine Gedanken und Gefühl in Worte zu fassen. Dinge zu durchdenken UND auszuformulieren. Und natürlich Erinnerungen festgehalten. Meine Zeit als Hausbesetzerin ist komplett erfasst :) und irgendwie schon ein Zeitdokument.

Autoren und Tagebücher

Ich würde Jedem, der schreiben möchte, empfehlen, ein Tagebuch zu führen. Sich daran zu gewöhnen, Dinge regelmäßig zu notieren. Gutes Schreiben kommt aus der Mitte des Lebens und dem Inneren des Schreibenden. Leben verschmilzt mit den Gefühlen, den Wünschen, den Ängsten zu etwas, das sich für den Leser auch deshalb so real und echt und aufrichtig anfühlt, weil es mit Erfahrungen und Beobachtungen aufgeladen ist. Wer ein gutes Beispiel für das Tagebuchschreiben einer Autorin sucht, der kann die Tagebücher von Anais Nin lesen. Obwohl sehr viel aufgrund von Persönlichkeitsrechten ihres Mannes und anderer Persönlichkeiten nicht veröffentlicht wurde, ist es beeindruckend, wie offen sie über andere schreibt, und wie offen sie mit sich selber war.

Leben und Tagebuch

Mein Tagebuchschreiben hat sich mit der Zeit verändert. Das lag auch daran, dass ich als Künstlerin (Malerin) mit der Zeit sehr viel mehr durch Zeichnungen und Farbe ausdrückte, als durch das Schreiben. Meine Tagebücher wurden visueller, es kamen Zeichnungen und Skizzen dazu. Auch das sind Erinnerungen, nur eben in Bildern. Heute benutze ich PinterestTagebuch dafür. Mehr über das visuelle Tagebuchschreiben in der nächsten Woche. Diese Woche gibt es kein Worksheet, sondern etwas anderes:

xoxo

Katrin

#rbpub #redbugwriting #schreibtipps

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3 Comments

  • Reply Lisa 20. Mai 2016 at 15:35

    Schöner Beitrag! Ich schreibe sehr gerne Tagebuch, auch wenn ich leider viel zu selten dazu komme. Als Kind klangen meine Tagebucheinträge aber ganz genauso. „Heute bin ich um 7 Uhr aufgestanden. Dann bin ich in die Schule gegangen. Wir haben das und das gelernt […]“ ;-)

    Ganz liebe Grüße
    Lisa

    • Reply Katrin 20. Mai 2016 at 16:03

      Hi Lisa,

      yeah, du hast auch schon als Kind Tagebuch geschrieben! Klar, man fragt sich später, was das gebracht hat, seinen Tagesablauf aufzuschreiben, aber ich glaube, man lernt einfach auf den Tag zurückzuschauen, sich sein Leben anzusehen. Das hilft später dann beim Schreiben oder Bloggen oder überhaupt im Leben.

      Liebe Grüße
      Katrin

    • Reply Katrin 26. Mai 2016 at 14:09

      Hi Lisa,
      einzige Bewerberin um ein sehr einfaches, sehr schlichtes, aber extrem glücksbringendes Tagebuch ;) Ich freue mich, dass du es gewonnen hast! Ich bräuchte noch eine Postadresse, damit ich es Dir schicken kann.

      Liebe Grüße

      Katrin

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