7 Tipps für vielschichtige Charaktere

7 Tipps für vielschichtige Charaktere #6 Charakter

11. April 2018
Charakter
Charakter

Es ist interessant, dass wir im Deutschen schon von Buchcharakteren reden und nicht von Buch-Personen, -leuten, was schon mal ein Hinweis ist: Ein Buch-Charakter muss Charakter haben. Wenn wir von jemanden sagen, er hat Charakter, dann meinen wir mehr als nur: Er hat bestimmte Eigenschaften. Ein Mensch mit Charakter fällt auf, ist besonders, sticht hervor. Ein Mensch ohne Charakter blendet leicht in die Masse der anderen Menschen, sagt, was jeder hören will oder man eben so sagt. Ein guter Buchcharakter sollte anders sein: Jemand, den man immer erkennen wird, da er heraussticht. Eine Persönlichkeit. Das muss nicht heißen, dass eure HeldIn gut, edel und wohlanständig ist. Eure HeldIn kann genauso böse, verschlagen und hinterhältig sein. Wir würden dann sagen: Sie hat einen schlechten Charakter. Aber, Freunde, sie hat einen Charakter.

Was ist überhaupt Charakter?

Wie schon im letzten Beitrag erwähnt, ist der Charakter – im Gegensatz zum Temperament – die Summe der erworbenen Aspekte und individuellen Wesenszüge. Wichtig ist hier das Wort: erworben. Also Eigenschaften, Verhaltens-, Denk- und Gefühlsmuster, die man im Laufe seines Lebens animmt, erwirbt, ausprägt. Jetzt wird auch klar, warum man von einem schlechten oder guten Charakter spricht, wie von einer guten oder schlechten Erziehung, einem guten oder schlechten Verhalten. Wenn es also um Charakter geht, wird es schwer, sich herauszureden. Ich bin nun mal cholerisch – mag noch angehen. Aber ich bin hinterhältig, gerissen, verschlagen, illoyal? Nein, du hast einfach einen miesen Charakter. Ändere dich! Oder auch nicht, denn was wäre die (Buch-)welt, wenn sie nur von Heiligen und Engeln bevökert wäre. Richtig – ziemlich langweilig.

Unter Charakter versteht man traditionell – ausgehend von der aristotelischen Ethik – und erneut in der modernen Psychologie diejenigen persönlichen Kompetenzen, die die Voraussetzung für ein moralisches Verhalten bilden. (Wikipedia)

Hier könnte jetzt eine lange Abhandlung darüber folgen, wie sich der Begriff im Laufe der Jahrhunderte verändert und geschärft hat, doch das führt hier eindeutig zu weit. Ohne den Begriff Charakter noch näher zu definieren, oder zu erörtern, was einen guten Charakter ausmacht, ist mir wichtig, dass ihr versteht, dass euer Held oder eure Heldin oder auch euer Feind/Antagonist und im Grunde jede Figur, die ihr in eurem Buch auftauchen lasst, einen Charakter haben sollte. Haben muss. Ja, denn ohne Charakter habt ihr weder eine Geschichte, noch einen Konflikt, noch überhaupt eine klare Definition eurer HeldInnen.Charakter

Wie formt sich ein Charakter?

Es gibt für mich vor allem drei Dinge, die einen Charakter formen:

  • Äußere Einflüsse
  • Das eigenen Handeln/Nichthandeln
  • Die Bewertung des Lebens, der eigenen Person = Das Mindset.

Äußere Einflüsse: Wir wissen es selbst, auf viele Dinge, die unseren Chakrater formen, haben wir keinen oder wenig Einfluss: Eine harte Kindheit, Verlust, eine Verletzung, eine Behinderung. Krieg, Armut. Oder aurch eine besonders schöne Kindheit, liebevolle Eltern, eine Erbschaft.

Eigenes Handeln: Jeder Zustand, ist durch Aktion verwandelbar. Schlechte Noten kann man durch Lernen verbessern, einen untrainierten Körper trainieren, über- oder Untergewicht beeinflussen. Ja, es ist nicht so einfach, aber möglich.

Mindset: Es gibt Menschen, die sitzen im Rollstuhl, sind blind oder taub – und sehr viel glücklicher als Menschen, die hören, sehen und laufen können. Jemand der positiv ist, das Glas eher halbvoll als halbleer sieht, wird besser mit Rückschlägen klarkommen, ausdauernder sein und damit seinem Charakter entscheidend prägen. Oder umgekehrt.

Handeln und Mindset – Aktive und passive Romanfiguren

In vielen Büchern wird der Charakter einer Romanfigur allein durch das definiert, was ihr zustösst. Sie hat ihre Eltern verloren, die Mutter ist an Krebs gestorben, der Freund hat sie verlassen. Doch niemand wird allein dadurch interessant oder tiefsinnig, dass er großes Leid erfahren hat oder auch großes Glück. Also Achtung. Um einen vielschichtigen Buchcharakter zu erfinden, braucht es etwas mehr. Es ist nicht nur wichtig, was er erlebt hat oder erlebt, sondern vor allem, wie er darauf reagiert – oder auch nicht.

  • Seine Eltern sind früh verstorben – er hat sich geschworen, sich niemals mehr auf Menschen zu verlassen.
  • Seine Eltern sind früh verstorben – die Liebe und die Bindung zu einem anderen Menschen ist für ihn das Wichtigste überhaupt.

Der Charakter eines Menschen zeigt sich durch sein Handeln und Reden. Seine Aktivität. Und durch sein Denken und Nicht-Handeln. Seine Passivität.

Auch wenn ihr die Wahl habt, eure Figuren aktiv oder passiv anzulegen, denkt daran: Einen Helden oder eine Heldin nicht handeln zu lassen, kann sehr schnell langweilig werden, denn der Held treibt die Handlung eures Buches voran. Es ist seine/ihre Geschichte, er/sie hat etwas zu erzählen. HeldInnen müssen aktiv sein oder zumindest im Laufe der Geschichte aktiv werden.

Wie erschafft man eine vielschichtige Romanfigur?

Wer schreibt, benutzt Worte. Ist die Sache dann nicht ganz einfach?

Er war ein sehr tiefsinniger Mensch mit einem starken Willen und großer Diziplin.

Nope! So geht es nicht. Denn ihr schreibt kein Buch, um eine Behauptung aufzustellen, sondern ihr müsst den Charakter eurer Romanfiguren – enthüllen. Show, don’t tell! Das ist nicht nur spannender, sondern auch wichtig, damit der Leser eure Helden kennenlernt. Und zwar so, wie man andere Menschen auch sonst kennenlernt. Langsam, nach und nach.

Egal, ob ihr die Sache ganz groß macht (Held rettet Kind aus Feuer) oder ganz klein (Held kratzt sich ständig an der Nase), stellt euch darauf ein, dass eurer Buchcharakter euch (und den Leser) eine Weile begleiten wird und sich auf verschiedene Weise zeigen muss und wird. Erst eine Reihe von Aktionen machen ihn zu dem was er ist. Lasst eure Helden – wachsen.

Wichtig: Wenn ihr eine Romanfigur erschafft, legt sie nicht zu schnell fest. Ihr könnt ihr eine äußere Erscheinung geben, aber seinen Charakter von vornherein, also bevor ihr anfangt zu schreiben, zu definieren, ist unklug. Gebt nicht nur euren Lesern, gebt auch auch selbst Zeit und Raum eure Figuren kennenzulernen.

Und wie geht das?

Nun, als Autoren habt ihr verschiedene Möglichkeiten:

  • Aktionen und Handlungen: Es gibt Menschen, die stürzen sich auf eine Aufgabe und packen sofort an. Andere warten ab, zögern, oder bleiben abseits stehen. Was die Figuren in eurer Geschichte machen oder nicht, ist ein Spiegelbild ihres Charakters.
  • Dialog: Menschen sind wortkarg oder gespächig, wortgewandt oder einsilbig. Manche sind offen, andere verschlossen, was ihre Gefühle angeht. Dialog ist etwas, was man häufig überarbeiten muss, daher wundert euch nicht, wenn euer Romanfigur seine „Sprache“ erst finden muss. Versucht ihm früher oder eben später eine typische Ausdrucksweise zu geben. Ihn oder sie mehr oder weniger über sich sagen zu lassen.
  • Reaktionen auf Menschen und Ereignisse: Jeder hat eine andere Art auf Menschen zuzugehen, ist introvertiert (nach innen gerichtet) oder extrovertiert (nach außen gerichtet). Ein Mensch, der schon viel erlebt hat, wird unerschrocken und vielleicht sogar brutal sein, jemand, der wenig Erfahrung hat eher vorsichtig.
  • Gedanken: Will man im Film die Gedanken einer Person ausdrücken, muss man zum Voice-Over greifen, was manchmal etwas gewollt wirkt. Beim Schreiben gibt es die wunderbare Möglichkeit, das Innenleben/dieGedanken eurer HeldInnen zu beschreiben. Alles, was die introvertierte HeldIn in einer Szene nicht gesagt hat, kann ihr nachher durch den Kopf gehen.
Intuition

Wenn ich länger an einem Filmset bin, dann  spiele ich oft ein Spiel. Da ich die Menschen meist nicht kenne, kann ich sie ohne Vorurteile beobachten und einschätzen. Die Frage ist: Wem dieser Menschen würde ich vertrauen, bzw. mit wem würde ich mich zusammentun, wenn ein Feuer ausbricht/sich ein Überfall ereignet/oder irgendeine andere Katastrophe passiert? Man kann es auch in der U-Bahn oder im Bus spielen. Ich komme immer und sehr schnell zu einer Antwort. Es ist erstaunlich, wie stark das Unterbewusstsein und die Intuition einem bei diesen Entscheidungen helfen. Man kann es auch zu zweit oder dritt spielen. In der Regel kommt man auf die gleiche Gruppe von Menschen. Was ich damit sagen will: Vertraut auch beim Schreiben auf eure Intuition, wenn ihr eine Figur erschafft. Handwerk ist eine Sache, aber beim Schreiben braucht man – gerade, wenn man Buchcharaktere erschafft – sehr viel Intuition.

Nächste Woche geht es um Schwächen und Ticks und warum es so wichtig ist, euren Buchcharakteren die richtige Dosis davon zu geben.

Bis dahin – eine schöne Woche!

xoxo

Katrin

#schreibtipps #amwriting #redbugwriting

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