7 Tipps für vielschichtige Charaktere

7 Tipps für vielschichtige Charaktere #5 Temperament

4. April 2018
Temperament
Temperament & Charakter

Als ich vor zwei Wochen meinen Beitrag über Gestik und Mimik beendet habe, dachte ich, okay, jetzt nur noch ein Beitrag über die inneren Werte, das, was wir auch Charakter nennen, und dann haben wir unseren vollständigen Buchcharakter erschaffen. Und dann fiel es mir auf: Was ist mit Temperament? Denn Charakter und Temperament sind zwei sehr unterschiedliche Dinge, auch wenn sie sehr stark ineinanderfließen. Also ein wenig Terminologie:

  • Temperament nennt man die  angeborene, biologische Disposition, mit der Menschen auf verschiedene Bedingungen ihrer Umwelt oder ihres eigenen Körpers reagieren.
  • Charakter bezeichnet  hingegen (eher) die erworbenen Aspekte und individuellen Wesenszüge.
    Mit Charakter werden erworbene und von der jeweiligen Umwelt beeinflusste Verhaltens-, Denk- und Gefühlsmuster bezeichnet.

Natürlich beeinflussen sich Temperament und Charakter gegenseitig, manchmal ist beides nicht sehr deutlich voneinander zu trennen. Als gute Autoren solltet ihr beide Begriffe kennen und unterscheiden können, auch wenn am Ende ein homogener (einheitlicher) Buchcharakter entsteht.

Temperamentenlehre

Die Temperamentenlehre ist ein (schon in der Antike) entworfenes Persönlichkeitsmodell, das versucht, Menschen in bestimmte, genauer gesagt vier, Kategorien einzuteilen.

  • Sanguiniker (heiters Gemüt, fröhlich, optimistisch – Element Luft)
  • Choleriker  (aufbrausend, leicht erregbar, hitzig – Element Feuer)
  • Phlegmatiker (träge, unaufgeregt, besonnen – Element Erde)
  • Melancholiker (traurig, nachdenklich, zurückhaltend – Element Wasser)

Diese doch sehr einfache Einteilung wurde trotzdem jahrhundertelang akzeptiert. Den verschiedenen Temperamenten wurden Körpersäfte, Elemente und Eigenschaften zugeordnet. Wer sich mit Astrologogie auskennt, sieht hier weitere Paralellen.

Natürlich gibt es mittlerweile ergänzende Theorien und damit auch Mischformen der Temperamente. Hier kann man sich gleich selber einordnen. Meine Mischung wäre vielleicht 30 % Sanguiniker, 20 % Choleriker, 10 % Phlegmatiker und 40 % Melancholiker.

Egal, wie seltsam die Temperamentenlehre ist, eines ist mittlerweile klar: Wir Menschen kommen nicht als unbeschriebene weiße Blätter zur Welt. Wer Kinder hat, weiß das aus eigener Erfahrung. Jedes Kind ist anders, jeder Mensch ist anders und am Anfang gibt es eine Art Grunddispostion.

Euren Charakteren eine Grundtemperament oder eine Mischung zu geben, kann es sehr viel leichter machen, ihn konsistente, also einheitlich zu entwerfen.

Harry Potter und die 4 Temperamente

Okay, testen wir die Sache einfach einmal an  den Buchhelden aus Harry Potter. 

  • Melancholiker: Harry Potter
  • Sangunikier: Ron Weasley
  • Choleriker: Draco Malfoy
  • Phlegmatiker: Gregory Goyle, Dudley Dursley

Stimmt ihr zu?

Der Vorteil für euch als Autoren: Wenn ihr eine (grobe) Einsteilung eurer Charaktere in Temperamente vornehmt, habt ihr immer eine Grundstimmung, auf die ihr zurückgreifen könnt.

Egal, ob es um die Eroberung der Welt oder das Abräumen des Küchentischs geht, wenn ihr eine Vorstellung von dem Grundtemperament eures Helden habt, wird klar, wie er unmittelbar auf diese Herausforderung reagieren wird. Der Choleriker wird sich sicher aufregen, der Melancholiker die Sache in Frage stellen, der Sanguiniker einfach mal loslegen, der Phlegmatiker es als zu aufwendig ablehnen. Egal ob Küchentisch oder Welteroberung.

Es wird ebenso deutlich, an welcher Stelle dieser Charakter aus seiner Reserve geholt werden muss. Harry muss aktiver und tatkräftiger werden, Ron besonnener. Daher sind die beiden die idealen Freunde, sie ergänzen sich.

Temperament und Archetypus

Das Temperament eines Menschen wird realitv schnell sichtbar. Es liegt eher an der Oberfläche. Mit Archetypus werden die Grundstrukturen menschlicher Vorstellungs- und Handlungsmuster bezeichnet, die sich im kollektiven Unbewussten befinden. Sagen wir: Das, was schon seit Anbeginn der Menschheit Einfluss auf uns hat und uns unbewusst beeinflusst. Egal ob man das nun als Tiefenstrukturen oder Verhaltenssysteme bezeichnet, Archetypen sind ebenfalls ein großartiges Hilfssystem für Autoren, Charaktere zu erschaffen. Isabel stellt euch in diesem Jahr alle 12 Archetypen am DIY-Donnerstag hier auf dem Blog vor.

Im Film und Theater finden die Archetypen schon seit langem Anwendung. Hat man sich zum Beispiel entschieden, eine Figur nach dem Muster des Outlaw zu konstruieren oder zu erschaffen, dann kommen mit diesem Archetypus eine ganze Reihe von äußeren und inneren Verhaltensmustern, die ihr für eure Figur verwenden könnt. Doch zurück zum Temperament.

Praktische Anwendung

Der Protagonist eures Buches, der Held oder die Heldin, ist der aktivste Chrakter eures Buches. Es macht sicher keine Sinn, ihn zum Plegmatiker zu machen, oder? Vielleicht ist auch ein cholerischer Held nicht sehr attraktiv. Aber, nun, manchmal kann es reizvoll sein, die typischen Rollenmuster zu durchbrechen. Pu der Bär fällt mir ein, ein typischer Plegmatiker, der einen ganz großartigen Helden abgibt.

Gute Charaktere, und das gilt besonders für die Helden und Heldinnen eurer Geschichte, machen starke Wandlungen durch. Pu der Bär, der eigentlich recht gemütliche Plegmatiker, wird aktiver. Ein melancholischer Held wird fröhlicher, ein sanguinischer am Ende vielleicht tiefsinniger sein. Sich über diesen Spannungsbogen am Anfang klar zu werden, kann euch helfen, eure Charaktere wachsen zu lassen.

Ich denke am Ende der Geschichte, bzw. des Lebens sollte ein Mensch so souverän wie möglich sein. Also Anteile aller Temperamente in sich tragen oder erfahren haben oder zumindest damit umgehen können. Das meine ich mit vielschichtig. Es ist übrigens sehr aufregend, diese Entwicklung mit seinem eigenen Buchcharakter zu durchleben, mit ihm zu wachsen. Ich stelle oft fest, dass es mir schwer fällt, meine Charakere ganz anders handeln zu lassen, als ich es tun würde. Doch eigentlich ist genau das die Chance mich an einer Figur abzuarbeiten. Dieser kreative Prozess unterscheidet ein gutes Buch von einem durchschnittlichen. Ich könnte sogar noch weiter gehen und sagen: ein durchschnittliches Leben von einem aufregenden, großartigen.

Und: Ihr schafft das :)

Nächste Woche dann der Blogbeitrag über Charakter, also die „erworbenen Aspekte und individuellen Wesenszüge“ eines Buchcharakters. Das, was durch Erziehung, Lebenserfahrung und innere Haltung geformt wird und – da ihr eure HeldInnen erschafft – von euch erfunden werden muss.

Eine schöne erste Frühlingswoche

xoxo

Katrin

#schreibtipps #redbugwriting #amwriting #charaktere

 

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