7 Tipps für vielschichtige Charaktere

7 Tipps für vielschichtige Charaktere #4 Mimik und Gestik

21. März 2018
mimik und Gestik
Mimik und Gestik

Bevor ich in der nächsten Woche zu den Charakterzügen, Eigenschaften, inneren Werten eines Charakters komme, geht es in in dieser Woche um Mimik und Gestik. Das, was zwischen Außen und Innen vermittelt. Bewegungen, Körperhaltung, Gesichtsausdrücke. Bisher hat mein Charakter einen Namen, er hat ein bestimmtes Aussehen – doch irgendwie ist er gerade nicht mehr als das Foto einer fremden Person, eine Zeichnung. Etwas zweidimensional. Als Schauspielagentin verschicke ich oft aktuelle Fotos von Schauspielern an Caster oder Produktionen. Man will sehen, wie der Schauspieler zur Zeit aussieht. Doch niemand würde einen Schauspieler allein aufgrund seines Aussehens besetzen. Man will ihn in action sehen. Zuerst meist in einem Video, also E-Casting und/oder einer Video-Selbstvorstellung und wenn sich die RegisseurIn dann noch nicht sicher ist, dann gibt es sehr oft noch ein Live Casting.

Wer eine Onlinebekanntschaft schon einmal persönlich getroffen hat, der weiß, dass zwischen dem Bild eines Menschen und einer realen Begegnung – nun – Welten liegen können. Und zwar nicht nur, weil man mit Photoshop eine Menge machen kann. Einen Menschen auf einem Bild so einzufangen, wie er tatsächlich ist – ist schwer. Gute Fotografen machen daher auch keine „schönen“ Bilder von Menschen, sondern wahrhaftige. Bilder, die den Charakter des Menschen widerspiegeln, seine Besonderheiten, seinen Charme, seinen Witz. Sie holen das Innere eines Menschen an die Oberfläche, zeigen uns mehr als eine Fassade. Und erwischen uns mit einem typischen Mundwinkelhochziehen oder einem kleinen Lächeln. Sie fangen unser wahres ICH ein. Daher haben wir bei einem sehr guten Portrait den Eindruck, unter die Oberfläche des Menschen geschaut zu haben.

Mimik oder was ein Gesichtsausdruck alles sagen kann …

Das Gleiche gilt für den guten Autor. Ohne es zu behaupten oder uns lange zu erklären, kann ein guter Autor einen Charakter durch eine minimale Reaktion im Gesicht, ein Augenbrauenhochziehen oder Lippenzusammenkneifen lebendig werden lassen. Denn viel wichtiger als die Augenfarbe, ist die Form und Größe der Augen, die Art, wie ein Mensch die Augen zusammenkneift oder aufreißt. Und die Augen sind nur der Anfang. Ich kann zum Beispiel meine Nasenflügel aufblähen. Bevor ich losweine, fangen sie an zu zittern, werden größer und kleiner, atmen. Ja, ich weiß, das sieht ziemlich albern aus, ist aber auch typisch für mich. Das passiert nicht nur wenn ich weine, sondern auch, wenn ich wütend bin. Ich rege mich gerne richtig fett auf. Wie ein wütender Stier. Geblähte Nüstern. Ziemlich typisch für mich.

Früher haben sich andere Kinder gerne darüber lustig gemacht, denn Kinder sind sehr gute Beobachter. Von ihnen kann man viel lernen. Mama, schau mal die Warze, die der Onkel auf der Nase hat! – Warum hängt das Gesicht von Tante Berta so schief herunter?  Als Erwachsene haben wir gelernt, ganz dezent wegzugucken, wenn jemand ein Makel hat. Auch der Schlaganfall von Tante Berta wird besser nicht erwähnt, einfach übersehen. Und irgendwann nimmt die Fähigkeit, genau zu beobachten, ab.

… und warum man ihn gut deuten können muss

Ein Gesicht richtig zu lesen, einzuordnen, ob wir es mit einem Feind (grimmiger Gesichtsausdruck) oder Freund (lächelnd) zu tun haben, war für unsere Vorfahren (Steinzeit und so) überlebenswichtig. Erstaunlicherweise haben wir uns – trotz Handy und künstlicher Intelligenz – nicht so schnell fortentwickelt, dass diese unmittelbare Reaktion auf einen anderen Menschen verschwunden wäre. Wir mögen immer noch Menschen, die uns anlächeln und misstrauen Menschen, die uns mit zugekniffenen Augen ansehen. Eine Prgrammierung, um uns, unsere Art zu erhalten.

Wir können uns einfach nicht dagegen wehren: Sobald wir ein Babygesicht sehen, finden wir es süß. Forscher haben es herausgefunden: Ein kleiner Kopf und große Augen lösen bei uns diesen „süüüüß!“-Reflex aus. Es wäre ja auch recht fatal für unsere Fortpflanzung, wenn wir mit einem Beißreflex auf Babys reagieren würden. Jetzt wird auch klar, warum Manga-Figuren aussehen, wie sie aussehen. Mit ihren großen unschuldigen Augen sind sie einfach unwiderstehlich, niedlich, harmlos. Wir wollen sie  – haben! Hat ein Mensch dagegen die Augen zusammengekniffen, wirkt er bedrohlich und ruft in uns Misstrauen hervor.

Für Autoren gilt: Ihr müsst alle Gesichtsausdrücke und ihre Bedeutung kennen. Alle. No exception. Jede Mimik, jede Reaktion, die das menschliche Gesicht hervorrufen kann. Augenrollen, Nasehochziehen, mit den Ohren wackeln. Und – was für eine Erleichterung – in der Regel habt ihr das alle schon gelernt. Als Babys, als Kinder, als Heranwachsende. Man muss euch nicht mehr sagen, dass das grimmige Gesicht des Lehrers sicher eher zu einem Tadel als einem Lob führen wird. Ihr wisst, dass jemand der breit und offen lächelt, es irgendwie gut mit euch meint. Jetzt gilt es dieses Wissen nur noch zu verfeinern und in Sprache zu verwandeln.

Mimik UND Gestik

Was für die feinen Nuancen der Gesichtsausdrücke gilt, könnt ihr dann gleich auf den ganzen Körper übertragen. Herumfuchteln mit den Armen, der erhobenen Zeigefinder – auch ganz elegant Gestik genannt – ist ein weiteres Mittel, die besonderen Eigenschaften eures Charakters zu verdeutlichen. Auch wenn man bei Gestik besonders an die Bewegungen der Hände, Arme und des Kopfes denkt, sollten wir das Ganze ruhig auf die Beine, die Füße, die Hüften und so weiter ausdehnen. Besonders gilt das natürlich, wenn ihr einen Charakter in Bewegung beschreiben müsst. Also eine SportlerIn oder jemanden der rennt, hüpft, fällt. Anders gesagt: Wenn ihr einen besonders agilen Charakter habt, lasst ihn sich bewegen, rennen, hüpfen, um das auch gleich ganz klar zu machen.

Trick: Klar, wer schreibt ist auf Worte angewiesen; kein Bild, kein Film, hilft euch da heraus. Aber niemand kann euch daran hindern, euren Charakter wie einen realen Menschen vor euch zu sehen. Der sich bewegt, ungeduldig mit dem Fuß auftippt, die Beine übereinandergeschlagen hat, die Arme hochwirft, die Hände knetet. Mein Tipp also: Stellt euch eure Charaktere erst bildlich vor, dann filmisch. Denn genauso lebendig wie der Charakter für euch wird, sollte er für eure Leser werden. Und dann – beschreibt, was ihr seht.

Gestik und Bewegung

Jeder Mensch bewegt sich anders und daher sind Körperbewegungen ein besonderes und typisches Merkmal. Brillenträger schieben oft – unbewusst – ihre Brille nach oben, jemand der eine Allergie hat, wird sich öfter kratzen.  Auch Alter und Beruf haben Einfluss auf die Bewegungen: Einer Ballerina sieht man ihren Beruf oder ihr Hobby an, da sie die Füße sehr weit nach außen spreizt. Jemand, der täglich schwere Lasten tragen muss oder alt ist, läuft vielleicht gebeugt.

Genauso wie der Mimik sind viele Bewegungen tief in unseren Genen abgelegt. So streicht sich ein Mann, der sich mit einer attraktiven Frau unterhält, gerne durch die Haare und eine Frau lächelt vielleicht übermäßig, wenn sie sich für einen Mann interessiert. Wer sich erschrickt oder geschockt ist, nimmt seine Hände vors Gesicht. Oft haben wir bei diesen körperlichen Reaktionen gar keine Wahl, wir führen sie reflexhaft aus. Menschen, die so reagieren, wirken lebendig, echt.

Lebendige Charaktere – Mimik und Gestik

Wenn ich mit  Schauspielern ein E-Casting ausnehmen, sie also einen Dialog vor der Kamera sprechen, muss ich sie manchmal daran erinnern, dass sie ja auch noch Arme, Hände und einen Körper haben, den sie beim Sprechen einsetzen können. Erstaunen kann nicht nur durch ein: Was, echt jetzt?, sondern auch durch eine starke körperliche Reaktion ausgedrückt werden. Manche der Profischauspieler geben der Rolle, die sie spielen, einen besonderen körperlichen Tick, weil es ihnen dann leichter fällt, sich in die Person hineinzuversetzen und weil ihr Schauspiel dann viel authentischer wird: Ein Augenzucken, eine wiederkehrende Handbewegung, ein Schlurfen.

Macht das Gleiche mit euren Charakteren, gebt ihnen eine besondere Gestik und Mimik. Etwas, an dem man sie wiedererkennt, was sie von anderen Charakteren abhebt und unterscheidet. Innere Eigenschaften lassen sich sehr gut durch äußere Gesten ausdrücken: Wer eitel ist, streicht sich öfter über die Haare, wer verlegen ist versteckt seinen Hände, wer aufgregt ist, rudert mit seinem Armen.

Doch – Vorsicht. Bevor man Gesten beschreibt, und die Augen rollen lässt, sollte man die Eigenschaften, die Werte, die Überzeugung, kurz den Charakter seines Charakters erst gut kennen. Und dann diese Gesten verfeinern. Auch bei Mimik und Gestik gibt es Klischees, ich sage nur Augen verdrehen oder auf der Unterlippe herumnagen/beißen. Wenn das ständig passiert und die einzige Art ist, Unsicherheit zu beschreiben, wird euer Schreiben schnell flach und einfallslos.

Innere Werte

Nächste Woche gehe ich mit „Lass uns fliegen“ auf Lesereise nach Belgien. 4 Schulklassen, auf die ich mich schon sehr freue. Das wird etwas Besondereres, da die Schüler auch eigene Texte vorlesen werden. Aus diesem Grund gibt es nächste Woche keinen Blogbeitrag von mir.

In den übernächsten Wochen geht es dann um Temperament udn Charakter. Die inneren Eigenschaften eurer Romanfiguren/HeldInnen.

Bis dahin

xoxo

Katrin

#amwriting #schreibtipps #redbugwriting #rbpub

 

You Might Also Like

No Comments

Leave a Reply