7 Tipps für einen guten Schreibstil

7 Tipps für einen guten Schreibstil #6 Adjektive und Adverbien

7. Februar 2018
Adjektive und Adverbien
Details – Adjektive und Adverbien

Ich liebe Adjektive und Adverbien und Modalpartikeln. Immer schon. Ich weiß, mein Deutschlehrer hat sich immer schrecklich über diese Füllworte aufgeregt. Er war ein Kafka-Bewunderer und liebte dessen karge und präzise Texte. Er hat uns erzählt, dass Kafka tagelang über einen Punkt nachdenken konnte. Okay, ja, das verstehe ich. Zwar sind es bei mir vielleicht nicht Punkte, aber Worte schon. Trotzdem habe ich meinem Deutschlehrer damals still widersprochen. Nö, sorry, ich mag diese Adjektive und Adverbien und all diese Füll- und Modewörter.

Schreiben kann ziemlich anstrengend sein.

Klarheit

Mein Deutschleher würde hier natürlich sofort das ziemlich streichen. Und das natürlich auch. Aber, hey, merkt ihr, wie unemotional der Text dann auf einmal wird? Menschen, die eine emotionale Ausdrucksweise haben, werden mich verstehen. Als Jugendbuchautorin schreibe ich fast immer in einer gesprochenen Sprache, die voll von bunten Wortpartikeln ist. Hochemotional, lebendig, eigen. Ich finde, das muss so sein.

Was sind Adjektive?

Nun ist es aber so, dass mein Deutschlehrer schon irgendwie recht hat. („Schon irgendwie“ würde er sofort streichen!). Adjektive und Adverbien ganz gezielt und stilsicher einzusetzen, ist eine Kunst. Ich habe da am Anfang so ungefähr jeden Fehler gemacht, den man sich vorstellen kann, gerade weil ich diese kleinen Worte nie vernachlässigen wollte.

Fangen wir also bei den Basics an, der Definition, damit wir wissen, worüber wir uns hier unterhalten:

Das Adjektiv ist ein Eigenschafts- oder Beiwort, auch Wiewort (wie ist etwas?) genannt. Es bezeichnet/beschreibt die Beschaffenheit oder eine Beziehung eines Dinges, einer Sache, eines Vorganges oder Zustandes. (nach Wikipedia)

Das große Auto, der hohle Baum, der leere Kopf. Na, grandios, oder? Wo ist das Problem? Das Problem ist, dass Adjektive oft gerne in den Text gestreut werden, um ihn interessanter zu machen oder um mehr Worte aufs Papier zu bringen oder weil Autoren nicht genug darüber nachdenken, was sie genau sagen wollen. Manchmal rutschen sie auch im Schreibflow in den Text. So kommt es dann zu Wortverbindungen wie diesen:

Das schöne Model // der weiße Schimmel // die ruhige Stille //

Im ersten Fall ist „schön“ überflüssig, da Models in der Regel schön sind – was sonst? Da muss man sich schon etwas mehr Mühe geben, um zu sagen, wie dieses Model aussieht. Noch schlimmer: Der weiße Schimmel. Nun, Schimmel sind – weiße Pferde! Die Information weiß ist  hier vollkommen überflüssig. Das nennt sich Redundanz.

Redundanz = überflüssige Information.

Genauso verhält es sich mit der Stille. Logisch ist die Stille ruhig. Was sonst? Und die Regel ist auch ganz einfach: Überflüssige Adjektive sollte man streichen. Sofort.

Was sind Adverbien?

Adverb ist ein Umstandswort oder (heutzutage seltener) Nebenwort. Es gibt nähere Angaben zu Ereignissen oder zu Aussagen. (nach Wikipedia)

Diese anderen kleinen Wörter, die keine Adjektive sind, die wir aber trotzdem für eine nähere Beschreibung brauchen, sind Adverbien. Worte wie: allein, alle, immer, hoffentlich, höchstens, ganz … Hier mal eine Liste, die ziemlich vollständig ist. Adverbien sind nicht ohne Grund in die Sprache eingeführt worden und oft sehr wichtig.

Er warf den Ball weit.

Na, klar, wenn es wichtig zu wissen ist, ob der Ball weit geworfen wurde (in einem Wettkampf), dann  wollen wir  wissen, ob er weit oder nicht so weit geworfen wurde. Wichtige Info an der richtigen Stelle. Das ist überhaupt der Zauber von Adverbien, die kurz und knapp eine Handlung oder eine Aktion oder eine Aussage genauer beschreiben können. Sie schluckte hart// sie tanzte allein // er aß langsam. Nichts ist an diesen Verbindungen auszusetzen. Kritisch wird es hier:

Er rannte schnell// sie litt fürchterlich // er weinte bitterlich // er küsste leidenschaftlich //

Im ersten Fall – richtig – Redundanz (ihr lernt bei mir jetzt sogar Fremdwörter). Rennen heißt, schnell zu laufen, und muss daher nicht noch mal gesagt werden. Nie! Die anderen drei Beispiele sind etwas weniger offensichtlich. Sie litt. Ja, Leiden ist keine schöne Sache. Aber fürchterlich? Was soll das sein? Hier würde man das fürchterlich streichen, da es keine neue Information zu dem Leiden hinzufügt. Genauso verhält es sich mit dem bitterlichen Weinen oder dem leidenschaftlichen Küssen. Schwacher Stil. Wir wollen hier mehr Informationen, aber nicht das schon offensichtliche Leiden durch ein überflüssiges „fürchterlich“ verstärkt haben. Doch manchmal wollen wir schon mehr Informationen über – sagen wir – das Küssen geben oder bekommen:

Er küsste sie leicht auf den Kopf // er umschloss ihre Lippen fast fürsorglich //

In diesen Fällen kommen zum Küssen noch wichtige Zusatzinformationen und Fragen hinzu. Leicht auf den Kopf – also nicht leidenschaftlich. Umschloss die Lippen fast fürsorglich. Was geht da wohl in der Beziehung vor sich? Dann wird es interessant und genau so oder noch viel besser sollte man Adjektive und Adverbien benutzen. Aber erst noch zu den Problemen.

Adjektiv-Overkill

Adjektive sind exzellente Bedeutungverschleierer. Streut man sie nur großzügig über den Text, hört es sich schon nach etwas Besonderem an. So entstehen feste und grausige Wortgespanne, die immer und immer wiederholt werden und dann nicht nur vage, sondern auch noch abgelutscht sind und klingen.

Adjektivgeschwurbel findet man besonders häufig in: Kunstbeschreibungen, Theaterkritiken, Buchrezensionen und Werbebroschüren.

  • Ein fulminanter Abschluss (der Trilogie)
  • Ein würdiges Ende
  • Ein furioser Anfang
  • Die goldene Mitte
  • Ein fantastischer Abend
  • Eine bravouröse Leistung
  • Die hochtalentierte Sängerin
  • Ein umfassendes Angebot

*barf* Sorry. Das würdige Ende hat sich schon so durchgesetzt, dass ich mich langsam frage, was ein unwürdiges Ende sein soll? Was will man überhaupt genau damit sagen? Würdiges Ende? Ist das Ende dem Autor würdig? Oder den Charakteren (die genau das verdient haben) oder dem Leser (der ja schließlich ganz würdevoll gelesen hat?) Ebenso schlimm: der fulminante Abschluss. WTF?

fulminant= Adjektiv

  1. sich in seiner außergewöhnlichen Wirkung oder Qualität schlagartig mitteilend; ausgezeichnet, glänzend, großartig
  2. (Medizin) blitzartig auftretend, schnell und heftig verlaufend (von Krankheiten)

Wenn man fulminant benutzt, dann will man offenbar „großartig“ oder „glänzend“ sagen (und wohl eher nicht „schnell verlaufend“ ;). Doch  was sagt das über den Abschluss einer Trilogie? Sie war großartig. Okay. Und was heißt das nun? Denn wenn man darüber nachdenkt, was man sagen will, fällt einem vielleicht auf – dass man es gar nicht so genau weiß. Doch ein guter Stil ist klar.

Adjektive werden oft als blendender Glitter oder Wortschaum benutzt, um den Leser davon abzulenken, dass im Grunde gar nichts gesagt wird. Und weil der Leser von den großen, prächtigen Worten, die auch noch wichtig, weil fremd klingen, beeindruckt ist, fragt er offenbar nicht nach. Aber, genau, Freunde! Der Kaiser hat keine Kleider an. Egal, was er uns gerade weiszumachen versucht.

Modalpartikeln

Hach, ja. Und dann gibt es da noch diese kleinen Partikelworte, die ich ganz besonders liebe. Nicht das Salz in der Suppe, aber die Prise Chili am Reis, der Hauch Puderzucker über den Muffins, das Schirmchen im Eisbecher.

Modalpartikeln (auch Abtönungspartikeln, Abtönungswörter oder MP) dienen dazu, die Einstellung eines Sprechers hinsichtlich der Satzaussage auszudrücken oder sie zu beurteilen. (nach Wikipedia)

Modalpartikeln findet man besonders in der gesprochenen Sprache. Das Deutsche hat sogar sehr viele dieser Modalpartikel und noch mal: Ich liebe sie!

  • Du denkst wohl, ich mache Spaß
  • Ich wusste ja, dass du nicht kommen kannst
  • Du bist aber gewachen!

aber, auch, bloß, denn, doch, eben, eigentlich, etwa, halt, ja, mal, nur, schon, vielleicht, wohl …

Das alles sind wunderschöne Modalpartikel, die man in den Satz streut, um die Bedeutung minimal zu verschieben. In unserer Sprache haben die Worte oben eigentlich eine andere Bedeutung. In: Du bist aber schön!, bedeutet „aber“ nämlich etwas anderes als in: Du bist schön, aber leider dumm.

fein, ganz, gerade, gleich, einfach, erst, immerhin, schließlich, überhaupt, ruhig …

Sind auch Modalpartikel, die aber keine Homonyme (heute lernen wir Fremdwörter) haben. Also keine Doppelbedeutung. Einfach nur kleine Worte die überhaupt keine ganz eindeutige Funktion haben, aber schließlich auch mal in einem Satz vorkommen wollen. Gott, ich habe so viel Verständnis dafür!

Diese kleinen Worte richtig einzusetzen, setzt sehr viel Umgang mit der gesprochenen Sprache voraus und – ich kleine Plaudertasche – bin genau daher ein Fan von diesen Worten. Mein Tipp: Benutzt sie reichlich und weise, wenn ihr in der Jugendliteratur, im Regionalkrimi oder anderen Genres unterwegs seid, die eine lebendige Sprache brauchen.

Zoom in – zoom out

Okay, nun bin ich wirklich sehr nah an den Text herangezoomt. Genau das solltet ihr auch tun, wenn ihr euren Text überarbeitet. Irgendwann müsst ihr nah herangehen und nachsehen, ob die Sache mit den Adjektiven stimmt, ob die Adverbien gebraucht werden, ob ihr ständig das gleiche Modalpartikel gebraucht.

Grundregel für Adjektive und Adverbien: Funktioniert der Satz auch ohne sie bestens, dann streicht. Wollt ihr etwas trotzdem genauer beschreiben, dann macht euch die Mühe, dies mit einem zusätzlichen Satz oder Halbsatz oder Absatz zu tun.

Grundregel für Modalpartikel: Gebt jedem Charakter eine bestimmte Färbung in der Sprache. Der Rapper sagt häufig:  echt, Mann? Der Besitzer des Berliner Zeitungskiosks immer: wat? Streut auch die Modalpartikel nicht zu großzügig über den Text. Am besten findet ihr die Worte, die ihr gerne und eben zu oft benutzt beim Überarbeiten mit der Suchfunktion eures Textverarbeitungsprogramms.

Soooo, das war ja mal wieder so richtig viel Input, wa ey? Ja, ich weiß, in einem hochernsten Blogartikel über Sprache findet man so was normalerweise nicht. I’m different.

Haltet euch nicht nur an Regeln, findet euren eigenen Stil.

Nächste Woche beende ich die kleine Reihe über Stil mit einem Beitrag zu Stimmigkeit. Das heißt, ich zoome wieder ganz heraus und frage: Was macht einen Text – egal in welchem Stil geschrieben – zu einem guten Text? Dazu gibt es ein Stil-Worksheet, in dem ich alle Fehler gemacht habe, die man so machen kann. Nur für euch, zum üben!

Bis dann

xoxo

Katrin

#rbpub #redbugwriting #amwriting

You Might Also Like

No Comments

Leave a Reply