7 Tipps für einen guten Schreibstil

7 Tipps für einen guten Schreibstil #3 Timing

17. Januar 2018
Timing
Timing

In der letzten Woche ging es um das berühmte Show don`t Tell. Ja, eine gute Faustregel, doch auch etwas, was nicht immer und in jedem Fall gut und richtig ist, man also nicht immer anwenden kann. Und darum geht es heute, nämlich die Frage: Wann macht in einem Text was Sinn? Das Timing. timing

Wir kennen das ja aus vielen Situationen. Gutes Timing – man trifft den Postboten mit dem wichtigen Päckchen, bevor man das Haus verlassen muss. Schlechtes Timing – die Familie meldet sich zum Besuch, wenn man gerade mit Grippe im Bett liegt. Timing hat tatsächlich mit Zeitpunkten zu tun. Wann – was? Zeitpunkte legt man im Buch selber fest. Das ist einerseits genial, aber eben auch eine Herausforderung. Denn sofort stellt sich die Frage: Wann erzähle ich am besten – was? Und, wann hilft mir SHOW dabei und wann TELL.

Show oder Tell

Ob SHOW oder TELL die beste Wahl ist, hängt von der Situation in deiner Geschichte ab. Leser lieben zwar emotionale Texte, müssen aber manchmal schlicht mit Informationen versorgt werden. Gute Autoren verstecken diese im Dialog, in Nebensätzen, in Beschreibungen. Doch manchmal ist es am einfachsten und auch elegantesten, einen Statementsatz zu schreiben, der die Situation gut etabliert.

Es schneite wieder. Die Stadt lag seit Tagen unter einer Schneedecke.

Pures TELL. Im Film wäre das der Establishing-Shot. Das Bild von oben auf die Stadt. Man nimmt die Gesamtsituation als solche wahr. Grob. Einfach. Kurz. Details sind erstmal sowieso nicht zu erkennen.

Close up

Geht man näher heran, vielleicht in eine Hütte, in eine Situation, ist SHOW die bessere Wahl. Jetzt hier, im close up will der Leser sich jedes Detail vorstellen können. Und was im Film mit kurzen Aufnahmen von Details erzählt wird, muss der Autor hier zeigen = beschreiben. Wie detailliert man dann wird, hängt davon ab, welche Details später in der Geschichte nötig sind, ob sie wichtige Informationen enthalten oder welche Gefühle man beim Leser erzeugen will. Also: gemütlich oder beängtigend, kalt oder warm.

Timing und Rhythmus

Wichtige und emotionale Stellen müssen ausführlicher, funktionale Szenen können kürzer erzählt werden. Eine Aktionszene muss schnell und aufregend sein. Kurze, knappe Sätze passen hier besser als ausführliche Beschreibungen. Eine Liebesszene braucht dagegen sehr viel Emotionen und damit mehr Raum, längere Sätze, mehr Beschreibungen. Was passiert, wenn man es falsch macht? Hier ein fiktives Beispiel.

Er überraschte sein Opfer in der Küche. Er nahm das scharfe, lange Messer, mit dem schon seine Mutter in seiner Kindheit die Tomaten in hauchdünne Stücke geschnitten hatte in die rechte Hand, holte so weit aus, dass sein Arm fast hinter seinem Körper in der Dunkelheit verschwand und stach dann, abschätzend, ob er lieber den Hals, das Herz oder die Augen treffen wollte …

Nope, funktioniert nicht. Dies hier ist zwar Show, zeigte aber die falschen Dinge. Hier ist Aktion, wir wollen mittendrin sein im Geschehen, uns interessiert die Reaktion des Opfers, und nicht das Ballett des Mörders und wir wollen schon gar nicht von der Kindheit des Mörders und den Tomaten erfahren. Vielleicht könnte es passen, wenn das Opfer an einen Stuhl geschnallt ist und die zähe Beschreibung eine Art Nervenkitzel für den Leser ist? Möglich. Aber so nicht.

Gutes Timing

Das beste und überhaupt großartigste Timing haben Witze. Sie sind deshalb hervorragende Beispiele für gute und extrem kurze Texte. Ich hasse Witze, was wohl auch daran liegt, dass ich sie mir schlecht merken kann und nicht besonders gerne erzähle. Und sie sind – so vorhersehrbar! Selbst wenn sie funktionieren. Genau das macht sie aber auch so genial. Ich greife mal in die vollgefüllte Witzekiste des Internet:

Ein Pfarrer hat einen Garten voller Apfelbäume. Jeden Tag verschwinden ein paar Äpfel. Also schreibt der Pfarrer ein Schild: „Gott sieht alles.“
Am nächsten Tag steht darunter: „Aber er petzt nicht.“

Dieser Witz etabliert sehr kurz und knapp eine Situation: Pfarrer hat Garten mit Apfelbäumen. Das ist TELL. In diesem Setting werden sofort zwei Dinge erklärt: Wer? und Was? Hey, ja, das ist gut erzählt. In diesen Zustand bricht ein Ereignis ein: Jeden Tag verschwinden Äpfel! Die Spannung steigert sich, denn – wer klaut dem Pfarrer Äpfel? Das muss ja ein ganz dreister Dieb sein.

Wir sind hier übrigens ganz auf der Seite des Pfarrers. Er ist die Hauptperson. Und unser Held. Er schreibt also ein Schild. Das ist schon sehr detailliert und damit: SHOW – denn wir erfahren sogar, was auf dem Schild steht. Weil unser Held das allerbeste Verhältnis zu Gott hat, schreibt er: „Gott sieht alles“. Er weiß das, er ist Pfarrer. Zu diesem Zeitpunkt erwarten wir es voller Spanung: What comes next?? Nur wenige Sätze, die uns in diese Spannung versetzen. Und irgendwie ist uns klar, dass der Dieb wiederkommt. doch wir sehen ihn nicht, wir hören ihn nicht (kein Show nötig), eine geniale Form der Weglassung.

Der Pfarrer ist der Held, es ist seine Geschichte – und sie geht nicht gut aus, denn da ist der Satz: Aber er petzt nicht. Bäm! Der Pfarrer verliert nicht nur seine Äpfel, sondern auch sein gutes Verhältnis zu Gott. Denn eigentlich – oder nicht? – erwarten wir von einem Pfarrer, dass er seine Äpfel großzügig verschenkt. Ein Gottesmensch. Gütig. Vermutlich stehen die Apfelbäume sowieso im Pfarrgarten. Den die Gemeinde bezahlt, genauso wie den Pfarrer. Tja, nun, er ist eben auch nur ein Mensch! Der Apfeldieb kennt sich offenbar besser mit Gott aus. Das ist der Gag an der Geschichte. Der Lacher.

Ich konnte hier noch seitenweise fortfahren mit der Analyse, denn es ist faszinierend,  was alles in diesen wenigen Sätzen gesagt wird. Ausgesprochen oder nicht ausgesprochen. Maximale Information auf sehr wenig Raum und – perfektes Timing.

Timing und Regeln

Gibt es nun eine Regel? Etwas, an das man sich halten kann, damit der Text ein gutes Timing hat? Nun, vielleicht eher ein paar Tipps:

In einem guten Text wechseln ausführliche Passagen mit schnellen, kurzen Passagen ab. Und lange Sätze mit kurzen Sätzen. Warum? Wir Menschen ermüden schnell, wenn Dinge sich wiederholen oder gleichförmig sind. Versucht daher lange und dann wieder kurze Sätze zu schreiben. Abzuwechseln zwischen ausführlichen und nicht so ausführlichen Stellen. Und dann schnelle und langsame Passagen in einen guten Rhythmus zu bringen. Wenn ihr die Stelle laut lest, spürt ihr meist, ob der Rhythmus und das Timing stimmen. Oh, und richtig, das bezieht sich auf das ganze Buch. Und jeden Abschnitt.

Timing und Erwartung

Wie in dem Witz oben hat gutes Timing viel mit der Erwartung des Lesers (Zuhörers) zu tun. Wenn sich der Mörder lange und langsam an ein Gebäude anschleicht – dann erwarten wir – irgendwann – Action! Es ist gut, diese Erwartung möglichst lange herauszuzögern, es steigert die Spannung, aber eben auch nicht zu lange. Eine Spannung aufbauen und auflösen ist Teil eines gutes Timings. Und gilt ebensofür Liebesszenen.

Wie immer lernt man gutes Timing am besten aus guten Büchern. Und wenn ihr selber etwas geschrieben habt: Am Anfang hilft eine Überarbeitung den eigenen Text in ein gutes Gleichgewicht zu bringen. Schmeißt langweilige Passagen raus oder fasst sie kürzer zusammen. Schmeißt alles raus, was ihr nicht notwendigerweise braucht. Und bringt das, was wichtig ist, richtig zum Glänzen.

Ich weiß, am Anfang möchte man so viel Text wie möglich behalten, besonders den Text, den man mühsam erarbeitet hat. Aber all dies schadet dem Timing und der Klarheit eurer Geschichte. Klarheit – auch so ein Wort, das ziemlich viel bedeuten kann und – was eigentlich heißt? Okay, darüber schreibe ich dann nächste Woche.

Fragen zum Timing? Oder eine schöne Story? Dann kommentiert gerne.

Bis dann

xoxo

Katrin

#rbpub #redbugwriting #amwriting

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4 Comments

  • Reply Roland 22. Januar 2018 at 13:49

    Wieder ein sehr hilfreicher Beitrag von dir zum Thema Schreibstil. Ich wundere mich – schon seit ich hier mich zu Wort melde – über die spärliche bis gar keine Reaktion der Leser. Ist es diesen zu anstrengend auf deine Tipps einzugehen (oder ist die Messlatte zu hoch, wie du mir einst entgegenhieltst)? Das finde ich sehr schade, denn hier hätte doch jeder Schreibinteressierte die Möglichkeit mit einer wirklich guten, junggebliebenen (und erfolgreichen) Schriftstellerin in einen persönlichen Dialog zu treten. Das wäre (für mich) ein sehr sinnvolles Unterfangen! Es würde beiden Seiten nutzen, den Lesern und den AutorInnen zu einem tieferen Verständnis von guter Literatur zu kommen.
    Meine Anmerkungen zur Facette ‚timing‘ des gesamten Themas Schreibstil ist:
    Entweder man hat es drauf oder nicht. Es ist schwerlich durch herumfeilen zu erreichen – zu verbessern ja, schon. Ein langweiliger oder langatmiger Mensch, der aus Korrektheit heraus immer jedes Detail in seiner Rede oder Schreibe anführt, den werden deine Tipps nicht sonderlich beeindrucken. Und ein vorlauter, etwas überheblich Daherkommender, der seine Sicht der Dinge oder des Lebens, einfach so heraussprudelt, noch weniger. Aber die Literatur-Interessierten dazwischen? Wo bleibt ihr? Laßt mich nicht immer alleine kommentieren, sonst muss ich das auch noch lassen, wenn kein Echo kommt! Das hat Katrins Blog aber nicht verdient!
    Also ihr lieben Leser und Literaturfreunde: Kommt mal hinter eurem gemütliche Ofen hervor!
    Roland

    • Reply Katrin 22. Januar 2018 at 15:10

      Lieber Roland,

      vermutlich denken einige, du bist als Kommentator von uns angeheuert worden (*lach*, schöne Vorstellung!).
      Deine Kommentare freuen mich, Kommentare überhaupt freuen mich, aber ich bin selbst so eine schlechte Kommentatorin (echt grausam)… Also darf ich mich wohl nicht beschweren. Und – das sei hier mal gesagt – ich freue mich, dass es jeden Monat mehr Besucher auf unserem Blog werden, die still lesen, aber offenbar immer wiederkommen. Danke, an die Unsichtbaren und an dich, Roland!

  • Reply Roland Weber 22. Januar 2018 at 16:49

    Hi Katrin,
    ja (*lach*) genau das befürchtete ich auch schon letztes Jahr, meist allein der weiten Flur der Kommentar-Funktion! Deshalb habe ich mich weitgehend zurück gehalten, ich wollte nicht als eitel gelten, der sich hier in den Vordergrund drängt. Leider wurde und werde ich immer wieder rückfällig, weil eure Blogbeiträge mich doch immer wieder reizten, meine (oft kritische) Meinung zu sagen.
    Sehr schade wenn die ‚stillen Leser‘ genügen. Die, ansonsten schon, wenn es was zu gewinnen gibt, hier zu dreißig, vierzig mit einem einzigen, meist schwächlichen Satz aufschlagen. Obwohl der Gewinn in einen Dialog mit dem/der AutorIn um ein vielfaches größer wäre.
    Nach einem etwas bösen Motto von Mark Twain: Es ist doch idiotisch, sieben oder acht Monate an einem Roman zu schreiben, wenn man in jedem Buchladen für ein, zwei Dollar einen kaufen kann –

    Späßle! Nix für ungut!
    Roland

    • Reply Katrin 25. Januar 2018 at 12:32

      Hi Roland,

      hm, ist es idiotisch?

      Ich hoffe, ich habe viele Leser, denn wenn viele Leser 1 oder 2 Dollar ausgeben, Herr Twain …

      Und es freut mich, wenn Dir meine Blogbeiträge helfen.

      Lieben Gruß

      Katrin

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