7 Tipps für einen guten Schreibstil

7 Tipps für einen guten Schreibstil #2 Show don’t Tell

10. Januar 2018
Show don’t Tell

Als jemand, der viel im Filmgeschäft gearbeitet hat, hat mich dieser Slogan verfolgt. Show don’t tell. Sag nicht was, zeig uns wie!

Wenn man DrehbuchautorIn ist und an einem Drehbuch schreibt, leuchtet das natürlich vollkommen ein. Schließlich soll das, was auf dem Papier steht, sich möglichst mühelos in ein Bild, in bewegte Bilder, in einen Film verwandeln. Und das ist es. Das ist das ganze Geheimnis dieser Regel. Kurz und knapp gesagt: Schreib so, dass aus deinem Schreiben mühelos Bilder entstehen können. Und wenn du keine Drehbuchautorin bist, dann eben nicht auf der Leinwand/Display, sondern im Kopf deiner Leser. Äh … so einfach? Natürlich nicht, daher der Reihe nach:

Zeig es mir, beschreib es mir

Nehmen wir an, ein Bekannter steht in deiner Küche und erzählt dir, wie super einfach es ist, eine Zwiebel zu schneiden und wie gut er das kann. *Gähn*. Der dumme Angeber. Du sagst: Zeig’s mir! Er sagt: Okay, gibt mir ein großes, scharfes Messer! Du gibst ihm also das Messer und ein Brett (denn du willst deine Küchenplatte schonen) und er zeigt es dir.

Nimmt die Zwiebel, schält die braune Außenhülle ab, teilt die Zwiebel, legt sie auf das Schneidebrett und – zack, zack, zack, zack, zack. Wow!  Und ihr beiden seht euch mit tränenden  Augen an. Ja, er kann es wirklich!

Sehen, um zu glauben

Wir Menschen funktionieren so. Wir wollen etwas sehen, ge-zeigt bekommen, um es zu glauben. Wenn wir es vor uns sehen, dann stimmt es für uns. Wir wollen Bilder! Das geht so weit, dass wir alles, was uns jemand erzählt, sofort in innere (Vorstellungs-)Bilder verwandeln.

Ein Freund hat mir einmal erzählt, wie er zu einer Unfallstelle kam, an der eine schwerverletzte Frau aus dem Auto stieg. Sie war aufgeregt, sprach mit ihm und – hatte ein verdammt großes Loch im Kopf. Ein Stück der Schädelplatte war weg, man sah das Gehirn. Es war klar, dass diese Frau sterben würde. Bald, gleich. Doch sie redete und redete – als ob ihr Leben weiterginge. Und seine Hilfe noch Sinn hätte.

Meinen Freund hat diese Szene traumatisiert, aber auch ich habe die Szene so klar vor Augen, als hätte ich sie selbst erlebt. Bei mir hätte auch schon „großes Loch im Kopf“ gereicht, um meine Fantasie in Gang zu setzen. Doch es gilt für alle Menschen: Wir brauchen und wünschen und erschaffen uns Bilder, um eine Situation zu begreifen, zu verstehen, zu glauben, empfinden zu können. Ja, ganz wichtig: Empfinden! Denn bei Show don’t tell geht es ganz viel um Gefühle.

Von Denken zu Fühlen

Gefühle sind tricky. Wir versuchen sie die meiste Zeit unseres Lebens unter Kontrolle zu halten. Weinen nicht in der Öffentlichkeit, schreien nicht herum. Aber Gefühle wollen ausgedrückt werden, das ist gesund für den eigenen Körper. Film und Bücher helfen uns, diese Gefühle herauszulassen. Klar, viele Bücher, insbesondere literarische Werke, zielen ganz bewusst auf unseren Verstand, der auch nicht verkümmern sollte. Aber der Großteil der Menschen liest (oder sieht Filme) um emotional, also gefühlsmäßig, erregt zu werden.

Gefühle werden gerne verteufelt, weil sie auch der Grund sind, weshalb Menschen sich umbringen und sich noch viel schlimmere Dinge antun. Aber nun, sie sind eben da. Und wir sind uns wahrscheinlich einig darüber, dass es besser ist, über einem wütenden Mörder zu lesen, als selber loszugehen und unseren nervigen Nachbarn um die Ecke zu bringen.

Show don´t tell erinnert uns (als AutorInnen) daran, dass wir im Gefühlsbusiness sind. Es geht nicht nur darum, zu erzählen, was war – da war ein Unfall! – sondern genau zu zeigen, wie die Situation aussah – damit beim Leser BILDER und damit Gefühle entstehen.

Statt: Am Morgen war ich in einen Unfall verwickelt. Eine Frau wurde schwer verletzt und starb später an ihren Verletzungen.

Besser: Ein Unfall, so viel war klar. Der Verkehr stand still, ich stieg aus, lief bis nach vorne zur Unfallstelle, vielleicht konnte ich helfen. Ein Wagen sah übel zugerichtet aus, die Motorhaube zerdrückt, der Motor rauchte. Irgendwo schrie ein Kind. Eine Frau stieg aus dem Wagen, scheinbar unverletzt und ich war schon erleichtert. Sie redete auf mich ein, fragte mich nach einem Taxi, doch dann sah ich die klaffende Wunde an ihrem Kopf, roch den metallischen Geruch von Blut. Ein Stück der Schädelplatte …

Bilder und mehr

Wir sehen – Bilder mit dem äußeren oder inneren Auge, aber wir haben noch mehr Sinne. Mein Vater war (auch) Musiker und hat mir einmal von einer Orchesterprobe erzählt. Genauer gesagt von einem bösen Streich, den jemand den Blechbläsern (Tuba, Horn, Trompete) gespielt hat. Dieser Witzbold hat sich in die erste Reihe gesetzt und beim Einsatz der Bläser kräftig in eine Zitrone gebissen. Läuft bei euch auch gerade der Speichel im Mund zusammen? Schmeckt ihr es? Bloß, weil ich das hier schreibe? Wir hören davon oder SEHEN, wie jemand in eine Zitrone beißt, um genug Speichel zu produzieren, der es dann unmöglich macht, noch gut in eine Trompete zu blasen. Verrückt, oder?

Auf manche Eindrücke/Bilder reagieren wir reflexhaft, andere sind mit bestimmten Erinnerungen verbunden. Liest man von köstlichen Torten oder frischem Obst, bekommt man Appetit. Wird der Duft nach Zimt beschrieben, kann man es schon riechen, denkt an die Weihnachtsbäckerei, verbindet dies vielleicht mit angenehmen Erinnerungen und Gefühlen. Gefühle und Sinneswahrnehmungen sind eng miteinander verbunden.

Daher: Versuch mit den Bildern, die du beschreibst, viele Sinne beim Leser anzusprechen, um das Bild so real wie möglich zu gestalten. Denn je lebendiger, desto emotionaler und glaubwürdiger. Und dann passiert das, was uns an guten Büchern so fasziniert: Eine Welt entsteht!

Bleibt nur noch die Frage: Wie macht man das?

Wie tricksen wir das Gehirn aus?

Kleiner Exkurs: Ich habe das ja schon mal in einem anderen Blogartikel über das Überarbeiten erläutert. Wir haben zwei – äußerlich identische – von ihrer Arbeitsweise, aber sehr unterschiedliche Gehirnhälften. Und das ist beim Schreiben manchmal ein Hindernis. Besonders, wenn es um das Schreiben von Bildern und Emotionen geht.

Show don't tell_ Katrin BongardHier haben wir das Problem: 

Als Autoren wollen wir bei den Lesern Emotionen/Gefühle auslösen, also die rechte Gehirnhälfte stimulieren, aber wir benutzen dafür das Handwerkzeug unserer linken Gehirnhälfte.

Schreiben wird von uns meist mit den Tätigkeiten der linken Gehirnhälfte in Verbindung gebracht. Und da die linke Gehirnhälfte die rechte Körperseite steuert, wird das durch den Gebrauch der rechten Hand noch verstärkt. Man macht Listen und Einkaufszettel, man notiert sich Termine und Telefonnummern, füllt sein Bulletjournal, man strukturiert und ordnet sein Leben mit dem Schreiben. aus: Betta Edwards. Garantiert Zeichnen lernen.Und jetzt – auf einmal – soll das Schreiben also „Fremdgehen“ und alles ins Chaos stürzen?
Genau. Exakt das. Let ist go!

Denn das Gehirn hat diesen Balken, der beide Hälften verbindet, sozusagen eine Hängebrücke, die man jederzeit betreten kann, um auf die andere Seite zu kommen.

Visualisieren, Stimulieren

Am besten klappt es, wenn man beim Schreiben das Bild der Situation, die man beschreiben will, vor Augen hat. Die Technik nennt sich Visualisieren und sie lässt sich erlernen. Augen schließen und sich etwas vorstellen. Je öfter man übt, desto besser wird man. Am Ende kann man in der eigenen Vorstellung wie in einem Bühnenbild umherlaufen, wird Dinge und Personen entdecken, die dann ganz von selbst anfangen zu sprechen. Und dann muss man das alles nur noch aufschreiben. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Stephen King seine Bücher so schreibt.

Bis das so mühelos klappt, ist es sinnvoll, sich bei Passagen, die einem beim erneuten lesen zu dröge und trocken erscheinen, an die Regel zu erinnern. Show don’t tell. Und sich zu sagen: Ich sollte das vielleicht etwas deutlicher, ausführlicher zeigen/beschreiben, statt nur zu behaupten.

Ausnahmen

Jede Regel hat ihre Ausnahmen. In jedem Text gibt es Stellen, die nicht ausführlich und intensiv beschrieben werden müssen und sollten. Stellen, an denen eine Situation nur zusammengefasst wird. Kurze Übergänge, die lediglich dazu dienen, den Leser über ein paar Dinge zu informieren. Show don’t tell gilt nicht immer. Es gibt Autoren, die teilen uns sogar zu viel mit. Alles wird gezeigt, sogar mehr als wir sehen wollen und mehr als an der Stelle des Buches oder in einem Abschnitt oder Satz Sinn macht und das ist – schlechter Stil. Zu viel des Guten.

Zu wissen, wann es gut ist, ausführlicher zu werden und wann man besser zügiger und sachlicher schreiben sollte, ist eine Frage des Timings und des Rhythmus. Manche Literaturkritiker sagen auch Stimmigkeit dazu. Ich mag Rhythmus oder Timing lieber, weil es an Musik erinnert. Oder an einen DJ, der im richtigen Moment die richtige Musik auflegt. Wissen, was gerade passt, ist mal wieder so ein Gefühl … oder gibt es da auch ein paar Regeln? Kann man das lernen? Jup. Es ist gar nicht so schwer und genau darüber blogge ich nächste Woche.

Bei Fragen und Ideen und überhaupt immer – freue ich mich über Kommentare!

Bis nächste Woche

xoxo

Katrin

#rbwriting #rbpub #amwriting

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2 Comments

  • Reply Roland 12. Januar 2018 at 09:06

    Hi Katrin,
    ‚und jetzt – auf einmal – nun soll das Schreiben also ‚fremdgehen‘ … (grins) JAAA DAS IST ES ! und allein diese Bemerkung nebenbei macht Deine Schreibe so lebendig und lesenswert. Heute bin ich ganz deiner Meinung, obwohl Du sonst eher kritische Anmerkungen von mir liest.
    Der Literaturfreund – Leser lässt gerne Bilder in seinem Kopf entstehen, das berühmte Kopfkino. Und das ist dann sein ganz eigener Film an dem er/sie sich berauscht, Gefühle entfacht. Allzu oft merken wir dann, bei einer nachträglichen Verfilmung von erfolgreichen Romanen, dass DrehbuchschreiberIn und Regie (wie auch Kamera) da ganz andere Bilder auf die Leinwand bringen – was aber auch spannend ist, weil es unser Bewusstsein dahingehend erweitert, wie man das auch aus anderem Blickwinkel sehen kann.
    Heute bin ich also ganz begeistert von Deinem Beitrag ‚show, don’t tell‘ ! Könnte jeden Satz darin unterschreiben!
    Allein die Umsetzung ist wohl das Problem. Aber wir bemühen uns darum.
    Roland

    • Reply Katrin 17. Januar 2018 at 22:59

      Ahh, danke, das tut wirklich gut, Roland. Und, ja, mit der Umsetzung kämpfe ich auch täglich ;)

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