Starke Charaktere

Starke Charaktere #6 Schwellenhüter

18. August 2017
Schwellenhüter

Schwellenhüter? Vielleicht in einem Fantasyepos, aber soll das ein Charakter für eine Liebesgeschichte oder einen Krimi sein? Aber sicher! Wie ich ja schon in den Blogbeiträgen davor gesagt habe, sind Charaktere in Geschichten nicht einfach „nur“ Personal, sondern sie übernehmen – am besten immer – eine Funktion innerhalb der Geschichte. Jedenfalls in gut geschriebenen Geschichten. In schlechten Geschichten tauchen Charaktere einfach auf und verschwinden wieder und eigentlich weiß man überhaupt nicht so genau, warum sie aufgepoppt sind. Meist fällt einem das in der Überarbeitung auf, und man streicht diese überflüssigen Charaktere dann wieder. Gut so.

Ganz oft passiert das in Drehbüchern, also das Streichen, weil man ja weiß: Jeder Charakter ist ein Schauspieler, der am Ende bezahlt werden muss. Aber selbst, wenn man alles gedreht hat, also einen Schauspieler engagiert hat, Geld ausgegeben hat, fallen ganz viele Szenen und manchmal ganze Rollen dem Schnitt zu Opfer. Das ist hart für den Schauspieler, geschieht aber im Sinne einer starken und klaren Geschichte. Warum erzähle ich das? Weil wirklich jeder Charkater eurer Geschichte eine Funktion haben sollte. Auch die kleinen Nebenrollen. Und – genau – jetzt sind wir bei den Schwellenhütern.

Tore bewachen

Oft stehen sie genau dort, auf der Schwelle einer Tür oder eines Eingangs und verwehren den Eintritt. Nein, in diese Stadt kommst du nicht, nicht in dieses Gebäude, nicht in dieses Büro, nicht an diesen Job, nicht an diese Information.

Im Grunde wollen sie dir nichts Böses, sie sind meist vollkommen neutral. Die Vorzimmersekretärin tut nur ihren Job! Der Typ beim TÜV, der dich mit einem Schaden wieder zurückschickt und damit deine Reisepläne crasht, hat keine bösen Absichten, er ist einfach in diesem Moment: Dein Schwellenhüter.

Eigenschaften von  Schwellenhütern

Euer Schwellenhüter muss kein Mann, nein, noch nicht einmal ein Mensch sein. Denkt an Fluffy, den sabbernden Hund in Harry Potter, der auf der Falltür liegt. Schwellenhüter
Denn dummerweise liegen oder stehen Schwellenhüter immer – genau im Weg. Dem Weg, denn der Held oder die Heldin gehen muss. Und ich setze noch eins drauf: Schwellenhüter müssen noch nicht einmal lebende Wesen sein. Es kann genauso eine körperliche Behinderung oder eine Barrikade auf der Straße sein. Meist ist es schöner, wenn der Schwellenhüter lebendig ist, denn dann kann er reagieren. Den Helden wirklich in den Wahnsinn treiben. Oder ihm mächtig Angst einjagen. Wenn ich an ein paar typische Eigenschaften denke …

  • stur
  • unflexibel
  • angepasst
  • unkreativ
  • grob
  • gehorsam
  • befehlshörig
  • unintelligent

Sie sind nicht wirklich mächtig, aber in diesem einen wichtigen Moment, haben sie das Schicksal des Helden in der Hand und meist überhaupt kein Verständnis für seine Situation. Sie sind oft mit Weisungen oder einem Befehl ausgestattet „Lasst ihn/sie nicht durch!“ „Haltet die Stellung!“ „Keine Ausnahmen!“ Etwas, was einen in den Wahnsinn treibt – bis man sich erinnert, dass die Eigenschaften der Schwellenhüter natürlich auch ihre Schwächen sind: Unintelligent, unkreativ? Das heißt nur, dass der Held all seine Intelligenz und seine Kreativität einsetzen muss. Gehorsam? Aber wem gegenüber? Wenn man behauptet, den Chef zu kennen, kommt man damit vielleicht sogar am Schwellenhüter vorbei.

Funktionen der Schwellenhüter

Aber noch mal sei gesagt: Die Schwellenhüter sind nicht von sich aus böse. Keine Feinde. Es ist einfach ihr Job, die Stadt zu bewachen, den Chef abzuschirmen und so weiter. Ein kleiner, vermutlich mies bezahlter Job. SchwellenhüterFür den Helden und damit auch für die Geschichte haben sie allerdings einen enorm wichtigen Job. Durch sie wird der Held herausgefordert. Ein Ziel, das einfach zu erreichen ist, würde keine große Entwicklung für den Helden bedeuten, also helfen Schwellenhüter dem Helden, über sich hinauszuwachsen. Manchmal stellen sie dem Helden Fragen und Rätsel, manchmal sind sie einfach nur stärker.
Denkt an Gollum in „Herr der Ringe“. Wenn er nicht wäre, wäre alles so viel – einfacher. Aber das soll es nicht sein. Der Widerstand ist sogar nötig, damit die Heldin sich beweisen kann, geprüft, gefordert wird.

Kampf dem Schwellenhüter

Kerberus ist ein mehrköpfiger Hund, der in der griechischen Mythologie den Zugang zur Unterwelt bewacht. SchwellenhüterSicher das Vorbild für Fluffy bei Harry Potter. Orpheus, der seine Geliebte aus der Unterwelt befreien wollte, hat ihn mit seinem Gesang und seinem Lyraspiel besänftigt. Kurz: Ihn ausgetrickst. Schwellenhüter müssen nicht immer bekämpft werden, sie können überlistet, ausgetrickst oder auch überredet werden. Dabei muss der Held entweder eine besondere Gabe einsetzen oder sich einen ungewöhnlichen Weg überlegen. SchwellenhüterUnd meist vor allem seine inneren und äußeren Ängste (auch Schweinehund genannt) überwinden.

Praktische Anwendung

Wenn ihr jetzt überlegt, wie ihr einen Schwellenhüter in eure Geschichte einbauen sollt, dann – stopp! In der Regel sind es keine Charaktere, die man am Anfang seiner Geschichte schon kennen oder angelegt haben muss. Sie machen aber oft sehr viel Sinn, wenn ihr an eine Stelle in eurer Geschichte kommt, an der ihr bemerkt, dass der Heldin noch ein paar Hindernisse in den Weg gelegt werden müssen. Nehmen wir an, eure Heldin will unbedingt boxen, wird aber als Mädchen nicht in den Boxclub des Dorfs aufgenommen. Klar, der Bürgermeister, der den Boxclub leitet, ist ihr Feind. Okay, sagt sie sich, dann will sie wenigstens zusehen! Aber an der Tür steht immer der gleiche Wachmann, der sie nicht reinlässt. Kein echter Feind, einfach nur ein Hindernis auf ihrem Weg.

Und hier merkt ihr schon, dass Schwellenhüter gerne auch vermehrt in Geschichten auftauchen können. In dieser oder jeder Gestalt, denn der Held hat eine lange Reise und Entwicklung vor sich und überall liegen Hindernisse im Weg oder müssen Schwellen überschritten werden, auf denen ihr die Schwellenhüter postieren könnt. Manchmal fällt einem auch in der Überarbeitung auf, dass der Held manche Hindernisse zu leicht aus dem Weg geräumt hat und man ruhig noch einen Schwelllenhüter einbauen kann. Wichtig ist nur, dass der Held bei jedem Schwellenhüter eine andere Fähigkeit zeigen oder Aufgabe lösen muss. Lasst eure Heldinnen also nicht immer (wieder) beweisen, dass sie sportlich oder stark sind, sondern lasst sie jede Schwelle mit einer anderen Fähigkeit überschreiten.

Okay, genug, ich habe das Wort Schwellenhüter jetzt so oft verwendet, dass mein SEO gerade auf giftgrün wechselt. Und ich denke, ihr habt schon verstanden. Nächste Woche? Ich dachte, ich schließe diese Blogreihe mit den Trickstern ab. Ahhhh, ja, ich liebe diese windigen Charaktere.

Bis dahin eine gute (Ferien)zeit

xoxo

Katrin

#redbugwriting #rbpub #amwriting

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