Martin Luther 2017

Martin Luther #32 Der Schriftsteller

10. August 2017
„Wenn ich schreib, fließts mir“

Ich hätte nie angefangen, Bücher zu schreiben, wenn es keine Computer gäbe. Ich habe das Zehn-Finger-System auf einer Schreibmaschine gelernt und trotzdem – ich hätte niemals ein Buch auf einer Schreibmaschine geschrieben. Wer sich noch erinnert – allein die Tasten herunterzudrücken! Ich habe viele, viele Seminararbeiten mit einer Tipp-Ex-Flasche begleitet und das Aufkommen der Fotokopierer gefeiert, weil man so überkorrigierte oder zusammengeschnippelte Texte noch halbwegs ordentlich aussehen lassen konnte.

Und jetzt stelle ich mir vor, man hat auch keinen tollen Kugelschreiber oder Ballpen oder zumindest einen Füller, sondern eine Feder und ein Tintenfass und Blätter, die wir vermutlich heute eher Kleenex nennen würden.

Produktivität und Kreativität

Ich habe ja schon einmal drüber gebloggt, wie außerordenlich produktiv Luther war und wie effektiv, wenn es darum ging, sein Wort in Schriften oder Predigten zu verbreiteten. Ich habe seine Reisen/Briefe/Predigten mit den Social-Media-Anstrengungen heutiger Influencer – denn das war Luther eindeutig – verglichen. Aber wir wissen ja auch alle, dass viel nicht immer gut heißt. Und wer am lautesten schreit, nicht immer am meisten zu sagen hat.

Um fair zu sein: Luther schrieb nicht deshalb viel, damit seine Schriften in großem Umfang gelesen werden. Da gab es nicht unbedingt eine Strategie, obwohl er und Cranach, der viele seiner Schriften gedruckt hat, ein gutes Team waren. Da war noch etwas anderes und als Künstlerin kommt mir, je ausführlicher ich Luther studiere, immer mehr der Gedanke, dass sich gerade in Luthers Schreiben ein künstlerisches Talent gezeigt hat, das er unbedingt ausleben wollte – und musste.

Eine rasche Hand …

Manchmal frage ich mich, warum ich überhaupt schreibe. Ich meine, ich hatte immer Schwierigkeiten mit Grammatik und Rechtschreibung und auch, wenn ich gerne viel rede, ist schreiben schon etwas anderes. Die Anfänge waren auch sehr mühsam. Was in meinem Kopf so leicht und elegant herumflog, landete extrem arschbombenmäßig auf dem Papier, und meine eigenen Worte dann wieder zu lesen, war sehr qualvoll.

„Ich habe eine rasche Hand und einpromptes Gedächtnis. Wenn ich schreibe, fließt’s mir zu, ich brauche nicht zu pressen und zu drücken …“ (Luther nach Schilling S. 537)

Da denke ich natürlich gleich an Geburt und dass das Schreiben für Luther tatsächlich nicht so sehr ein Aufschreiben als ein Durchdenken war. Und die Feder glitt dann einfach über das Papier. Luther schrieb – statistisch gerechnet – jährlich 1800, also täglich 5 Druckseiten. Mit. Der. Hand. 1523 erschienen 346 Schriften auf Deutsch von Luther, was hieß, dass ein Fünftel der auf Deutsch verfassten Bücher dieses Jahres von Luther waren. Zurzeit kommen jährlich 90 000 Bücher heraus und ich rechne das jetzt nicht aus. Zu deprimierend. Genau – die Zeiten haben sich geändert.

Sehr hilfreich war natürlich auch die Tatsache, dass Luthers Sprache weitgehend frei von Dialekt war, da er aus Mitteldeutschland kam.

„Ich habe keine, gewisse, sonderliche, eigene Sprache im Deutschen, sondern brauche der gemeinen Sprache, dass mich beide, Ober- und Niederländer verstehen mögen.“ (Luther nach Schilling, S. 537 f)

Gelebte Sprache

Okay, das sind alles rationale Gründe: Große Produktivität, Buchdruck in der Nähe, die richtige Sprache. Aber was ist mit dem … Rest? Viel zu schreiben heißt ja noch nicht, von Vielen verstanden zu werden, denn auch darin war Luther ganz herausragend – zu erkennen, was „das Volk“ verstehen kann und will und wie er ihnen Sachverhalte erklären musste. Denn das konnte er. Drastische Bilder und Formulierungen – kein Problem für Luther. Er hatte alles drauf: Spott, Ironie, Sarkasmus, Zynismus, Assonanzen, Stabreime. Derbe Wortwahl – zarte Worte. Dabei orientierte er sich weniger an dem, was er las oder was auf Lateinisch ständig – auch vom Papst – gepredigt wurde, sondern viel eher an der gesprochenen Sprache des Volkes.

Die buchstaben sind todte wörter, die mundliche rede sind lebendig wörter die geben sich nicht so eigentlich und gut in die schrift, als sie der Geist oder Seele des Menschen durch den Mund gibt. (Luther zitiert nach Schilling)

Oh, ja. Und ich erinnere mich, was für ein enormer Unterschied es war, als ich (endlich) anfing, so zu schreiben, wie ich denke/drauflosrede und diese ganze Grammatik-Rechtschreibproblematik – erstmal – außenvorgelassen habe. Nicht nur, weil Lektoren ja auch einen Job haben wollen, sondern weil es dann endlich floss und strömte.

Wortschöpfer

Um einfach auch Freude an der Sprache zu haben …

Viel mit wenig Worten fein kurz anzeigen können, das ist Kunst und große Tugend. (Luther)

Und manchmal waren es für Luther Wortschöpfungen, die es besser trafen, als die Worte, die es schon gab. So erfand der Schriftsteller unter anderem:

  • Blutgeld
  • friedfertig
  • gastfrey
  • morgenland
  • Nachjagen
  • plappern
  • kleingläubig
  • Nächstenliebe

Worte, die wir auch heute noch benutzen, als hätte es sie immer schon gegeben, dabei hat Luther sie – erfunden.

Sprichwörter

Luthers Interesse an der deutschen Sprache und deren Anwendung zeigt sich auch in seinem Interesse an Sprichwörtern, die er in seinem letzten Lebensjahrzehnt zu sammeln begann. Am Ende hatte er fast 500 zusammen. Sprichtwörter bringen Dinge und Ansichten auf den Punkt, das hat Luther gefallen, zum Beispiel Texte mit Sprichwörtern …

„… so gut zu machen, dass es jedem gefallen soll.“ (Luther)

Es jedem gefallen soll … ja, Verleger reden gerne davon, wie wichtig das ist und manchmal ist es ihnen dann auch egal, wie gut es ist. Beides hinzukriegen – ist die Kunst.

„Er nympt kein blat furs maul“

Das bewundere ich an Luther, dem Schriftsteller: Er bemühte sich um eine gute, eine kunstvolle Sprache; wenige Worte, mit denen er viel ausdrücken konnte. Er war ehrlich und offen, mal derbe, aber dann auch wieder sehr sensibel. Wenn es sein musste, machte er sich die Sprache zu eigen, knetete sie, passte sie seinen Gedanken an. Doch er wollte sich auch verständlich machen, von allen verstanden, gemocht werden – und blieb dabei doch auf erstaunliche Weise – er selbst.

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