Martin Luther 2017

Martin Luther #31 Luthers Spiritualität

4. August 2017

Luthers Spiritualität. Geht das überhaupt?

Immer wieder, wenn ich mich mit Luther beschäftige und versuche zu verstehen, wie der drauf war, komme ich an den Punkt, an dem ich mich frage: was hat der geglaubt?

Keine Frage: er hat an einen Gott geglaubt, an einen personalen Gott. Und an ein Leben nach dem Tod.

Und sein Gott war echt zum Fürchten. Hat ihm im wahrsten Sinn des Wortes Höllenfurcht eingeflößt. Dass wir irgendwie gottgefällig leben sollten, nach zwei oder zehn Geboten, unseren Nächsten lieben sollen, keinen größeren Scheiß anstellen, jedenfalls nicht mit Absicht. Geschenkt. Das macht Sinn, auch ohne Himmel, Hölle, Fegefeuer. Aber nichts konnte man tun, um gut genug zu sein. Immer war noch was, ein Triller mehr, der einen zum Sünder machte.

Wie damals, als ich im Kinderzimmer lag und mir Sorgen um die Kinder in Vietnam machte, die von Bombern, Hubschraubern und Flammenwerfern gefunden, getötet und zerfetzt wurden. Dann habe ich meine Hände gefaltet und für sie gebetet, und gleichzeitig dafür, dass meinen kleinen Geschwistern sowas nie passiert. Und dann ein Triller: ja lieber Gott, du weißt schon, dass ich das Ernst meine, nicht nur gut vor dir dastehen möchte, ich meine wirklich im Ernst. Und noch ein Triller, nein ich sag das jetzt nicht nur so, meine kleinen Geschwister sind mir wichtiger, ja sollte vielleicht nicht, aber du weißt schon und noch einen Triller. Du kannst ja in mein Herz sehen, das ist rein, oder doch nicht, will dir nur eitel gefallen und noch ein Triller … und das kann ewig so weiter gehen.

Als es dann so richtig kracht 1505 in einem Gewitter bei Stotternheim, ergreift Luther die Gelegenheit, sich von Papa und der vorgezeichneten Karriere als Jurist zu befreien, und verspricht der Heiligen Anna, ins Kloster zu gehen. Eigentlich genau das, was man sich als Jugendlicher mit Anfang zwanzig nur wünschen kann. Dass man einen Hinweis bekommt, was man mit seinem Leben anfangen will, soll, muss.

Und Paulus?

Interessanterweise hat sein späteres großes Vorbild, Paulus aka Saulus, ein ganz ähnliches Erlebnis gehabt. Während seiner Mission, die Christennester im vorderen Orient auszuheben, ist ihm die Erkenntnis gekommen, mal die Perspektive zu wechseln.

Lukas beschreibt es in der Apostelgeschichte so (in Luthers Übersetzung):

Saulus wütete immer noch mit Drohung und Mord gegen die Jünger des Herrn. Er ging zum Hohenpriester und erbat sich von ihm Briefe an die Synagogen in Damaskus, um die Anhänger des (neuen) Weges, Männer und Frauen, die er dort finde, zu fesseln und nach Jerusalem zu bringen. Unterwegs aber, als er sich bereits Damaskus näherte, geschah es, dass ihn plötzlich ein Licht vom Himmel umstrahlte. Er stürzte zu Boden und hörte, wie eine Stimme zu ihm sagte: Saul, Saul, warum verfolgst du mich? Er antwortete: Wer bist du, Herr? Dieser sagte: Ich bin Jesus, den du verfolgst. Steh auf und geh in die Stadt; dort wird dir gesagt werden, was du tun sollst.

Seine Begleiter standen sprachlos da; sie hörten zwar die Stimme, sahen aber niemand. Saulus erhob sich vom Boden. Als er aber die Augen öffnete, sah er nichts. Sie nahmen ihn bei der Hand und führten ihn nach Damaskus hinein. Und er war drei Tage blind und er aß nicht und trank nicht.

In Damaskus lebte ein Jünger namens Hananias. Zu ihm sagte der Herr in einer Vision: Hananias! Er antwortete: Hier bin ich, Herr. Der Herr sagte zu ihm: Steh auf und geh zur sogenannten Geraden Straße und frag im Haus des Judas nach einem Mann namens Saulus aus Tarsus. Er betet gerade und hat in einer Vision gesehen, wie ein Mann namens Hananias hereinkommt und ihm die Hände auflegt, damit er wieder sieht. Hananias antwortete: Herr, ich habe von vielen gehört, wie viel Böses dieser Mann deinen Heiligen in Jerusalem angetan hat.

Auch hier hat er Vollmacht von den Hohenpriestern, alle zu verhaften, die deinen Namen anrufen. Der Herr aber sprach zu ihm: Geh nur! Denn dieser Mann ist mein auserwähltes Werkzeug: Er soll meinen Namen vor Völker und Könige und die Söhne Israels tragen. Ich werde ihm auch zeigen, wie viel er für meinen Namen leiden muss. Da ging Hananias hin und trat in das Haus ein; er legte Saulus die Hände auf und sagte: Bruder Saul, der Herr hat mich gesandt, Jesus, der dir auf dem Weg hierher erschienen ist; du sollst wieder sehen und mit dem Heiligen Geist erfüllt werden. Sofort fiel es wie Schuppen von seinen Augen und er sah wieder; er stand auf und ließ sich taufen.

Im Brief an die Galater schildert Paulus selbst den Sachverhalt unter Weglassung des pyrotechnischen Spektakels etwas schlichter:

Als es aber Gott wohlgefiel (…) dass er seinen Sohn offenbarte in mir …,

In jedem Fall eine plötzliche INNERE Eingebung, Offenbarung, Erkenntnis.

Aber während Saulus – jetzt Paulus – sich gleich an die Arbeit macht und seine Missionsreisen beginn, gehen die Zweifel für Luther auch im Kloster weiter: Er hadert, zittert und kommt nicht zur Ruhe voller Selbstzerfleischung und Anfechtungen. Er kann einfach nicht gut genug sein.

Luthers Meditationspraxis

Bis er eine neue Form der spirituellen Praxis (er)findet. Er meditiert. Aber offensichtlich anders, als wir uns Meditation vorstellen. Er sitzt nicht stundenlang im Lotussitz, sondern liest die Bibel. Aber er liest sie nicht nur, er meditiert über sie, wie über einem Mantra. Stundenlang, täglich. Er ist sich sicher, »…dass unser lieber Herr selbst mit uns rede durch sein heiliges Wort Und er versucht, den Text nicht einfach intellektuell zu verstehen. Man solle »meditieren, aber: nicht allein im Herzen, sondern auch die (…) geschriebenen Worte im Buch treiben und reiben, lesen und wiederlesen mit fleißigem Aufmerken.« 

Obwohl er selbst oft plötzliche innere Erkenntnisse hatte und auch Paulus selbst von einer inneren Offenbarung redet, hält er sich fest an das geschriebene, nein offenbarte Wort der Bibel. Denn Gott will dir seinen Geist nicht geben ohne das äußerliche Wort. Ich stelle mir das so vor, dass er wirklich dem Text zugehört hat. Ein Lauschen, das er da beschreibt mit treiben und reiben, lesen und wiederlesen. 

Und offensichtlich erfährt er eine radikale Befreiung von seinen Ängsten, Selbstzweifeln. Die Besinnung auf den Bibeltext kann er sich von den Gesetzen, Dogmen und Vorschriften des institutionalisierten (katholischen) Glauben lösen. Er erfährt einen neuen Glauben. Was er ein bisschen dabei vergisst ist, dass er diese Erkenntnis zwar in Predigten weitergeben kann, die unmittelbare Erfahrung aber jeder individuell für sich machen muss. Jedenfalls, wenn sie nicht wieder äußerlich bleiben soll.

Und da sind wir wieder bei der Frage vom Anfang: geht das überhaupt. Gehört nicht die individuelle mystische Erkenntnis, Erfahrung durch eigene innere meditative Praxis unbedingt dazu, wenn ich Glauben erfahren will. Bleibt es sonst nicht bei einem äußerlichen ausgedachten, nachgebeteten Gehorsamsglauben.

Ich frage mich also, ob diese Unbedingtheit der Bibelauslegung gegenüber der individuellen innerlich erfahrenen Erkenntnis nicht genau zu den rechthaberischen Ausgrenzungen aller Andersdenkenden beim späten Luther geführt hat? Seien es Karlstadt, Müntzer oder die verstockten Juden. Entweder du glaubst, was ich für richtig erkannt habe, oder du bist draußen.

Immerhin konnte Luther bei Paulus nicht nur seine grandiose Gnadenlehre finden, sondern auch die Ausgrenzungslehre: Wenn jemand euch ein Evangelium predigt, anders als ihr es empfangen habt, der sei verflucht.

 

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