Starke Charaktere

Starke Charaktere #3 Feinde

5. Juli 2017
Hilfreiche Feinde

Dass man einen Helden für seine Geschichte braucht, leuchtet sicher jedem ein. Aber wie ist es mit den Feinden? Im Grunde sind sie böse, lästig, nicht hilfreich und wenn man Pech hat auch noch intelligent und stark und charismatisch. Moment mal: Wenn man Pech hat? Nein, wenn man Glück hat! Denn je besser deine Feinde, desto besser für dich. Und desto besser für deine Story!

Only enemies speak the truth. Friends and lovers lie endlessly, caught in the web of duty. (Stephen King)

Für eine gute Geschichte sind Feinde extrem wichtig. Man könnte sogar sagen, ohne Feinde keine spannende, keine existentielle Geschichte. Hm, was ist mit Chick-Lit, mit Liebesgeschichten – wo sind denn dort die Feinde? Nun, es gibt sie, und wer und wo sie sind, wird euch überraschen. Aber dazu komme ich später. 

Zuerst einmal: Natürlich sind Feinde böse und schlecht und dunkel und brutal und müssen das auch sein – denn sie sind der Schatten des Helden. All die Bereiche, die er in seinem Leben ausgeblendet hat, um ein guter Mensch zu sein, um ein echter Held zu werden. Was ja wunderbar ist. Aber was wäre das für ein wunderbarer Held/Heldin, die immer nur gut ist? Sehr euch euer eigenes Leben an? Was passiert mit Menschen, die versuchen immer nur gut zu sein? Ich will hier gar nicht von Jesus anfangen, der war nämlich gar nicht so nett und harmlos und still und brav, wie man denken könnte. Im Gegenteil. Er hat für Aufruhr gesorgt und wurde so gefährlich, dass Pontius Pilatus ihn schließlich zum Tod am Kreuz verurteilt hat. Belegt ist das nur durch jüdische Quellen, doch 36 wurde Pilatus dann abgesetzt und ihm unter anderem brutale Hinrichtungen, Selbstbereicherung und konstante Ausübung von extrem leidvoller Grausamkeit vorgeworfen. Ein richtig fieser Feind, könnte man sagen.

Held und Feinde

Helden und Feinde/Antagonisten sind wie die zwei Seiten einer Münze. Wenn ihr also euren Feind und stärksten Gegner des Helden erschafft, dann macht ihn stark und böse und mächtig, denn nur so kann euer Held ebenfalls groß und stark und mächtig werden. Und zeigen, wie kräftig und stark er selber ist.

Hast du keine Feinde, dann hast du keinen Charakter. (Paul Newman)

FeindeDenn wenn der Antagonist und größte Widersacher eures Helden ein dummer Tolpatsch ist, den man ganz einfach besiegen kann, was würde das über die Qualität eures Helden aussagen? Nicht viel. Aber warum muss man seine Feinde überhaupt besiegen? Warum immer so viel Drama erschaffen, kann man nicht eine nette Geschichte ohne Feinde erzählen? Nein. Denn der Feind ist nicht nur ein äußerlicher Feind, sondern steht auch für das Dunkle, Unvollkommene, Böse im Helden. Seine Schattenseite. Das, was die Heldin gerne mal verdrängt. Und ja, das gilt besonders für die HELDIN, weil Frauen von Anfang an beigebracht wird, dass sie nur nett und lieb und brav sein müssen, dann wird schon alles gut. Was nie und nimmer und in keiner Welt richtig ist. Denn – wer sich weiterentwickeln will, MUSS handeln. Und wer handelt – macht Fehler. Verletzt (nicht notwendigerweise absichtlich) andere. Macht Dinge kaputt. Leidet, aber lässt auch andere leiden. Und das ist weder schlimm, noch böse, noch unrichtig, sondern einfach nur eine Notwendigkeit, wenn man hier auf Erden – und auch in jeder Fantasiewelt – eine Heldin werden oder einfach nur leben will.

Hilfreiche Feinde

Feinde sind also für die Entwicklung eurer Helden extrem wichtig. Das ist auch der Grund, weshalb ihr auf die Konstruktion eures Feindes mindestens genauso viel Zeit und Sorgfalt verwenden solltet, wie auf die Erschaffung eures Helden.

Liebe deine Feinde, denn sie sagen dir deine Fehler. (Benjamin Franklin)

Liebe deine Feinde – gilt auch für jeden guten Schriftsteller. Denn nur wenn man seine Antagonisten wirklich mag, kann man sie verstehen und zu lebendigen Charakteren entwickeln. Ihnen Charakter geben. Eine Geschichte zu erzählen, die die Welt simpel in schwarz und weiß einteilt, ist schwach und einfach. Daher helft ihr euch, wenn ihr schon euren Helden nicht enfach nur blütenweiß macht, sondern ihnen von Anfang an kleine Schwächen gebt. Also etwas schwarz in die weiße Großartigkeit mischt. Und genauso solltet ihr euren Feinden etwas Gutes, geben, eine Superpower oder eine böse Kindheit, etwas, dass sie sympathisch macht, denn das bringt mehr Konflikt in eure Story. Mehr Aufregung, mehr Spannung.

You should always keep the person, who always criticizes you, near you.
Since his/her job is to criticize you, they will point out every minute flaws inside you.
This way, you can improve yourself and you become more clean and pure, than you would with soap and water. (Kabirdas, indischer Poet 14 Jhd)

Keep Your Friends Close and Your Enemies Closer

Der Ausspruch stammt von Sun Tzu, dem Chinesichen Genral und Autor von Die Kunst des Krieges. Und die meisten von euch werden ihn aus dem Paten kennen, wo ihn Al Pacinos Charakter Michael Corleone sagt. Und er wird vermutlich immer wieder zitiert werden, weil etwas Wahres dran ist. Für eure Geschichte bedeutet das: Bringt eure Heldin und euren Feind nah zusammen. Lasst sie nicht in zwei verschiedenen Welten unabhängig voneinander existieren, sondern schafft Konflikte zwischen Helden und Feinden. Lasst sie aufeinander treffen. Am leichtesten geschieht das, wenn ihr Held und Feind auf das gleiche Ziel ansetzt. Beide das Gleiche wollen. Beide den Ring wollen, um die größte Macht zu erhalten/oder sie zu schützen, wie Saruman und Frodo in Herr der Ringe.

Oder ihr ihnen eine, sich im Laufe der Geschichte zeigende, überraschende Nähe gebt, die sie zwingt, sich miteinander zu beschäftigen. Wie Voldemort und Harry Potter oder Luke Skywalker und Dark Vader. Denn dann müssen sich die beiden mit einander beschäftigen, sind aneinander gekettet. Kurz: Der Held muss in die Auseinandersetzung gehen, um zu wachsen, um den Schatten – letztendlich – in seine Persönlichkeit zu integrieren.

Feinde überwinden

Müssen Feinde immer sterben? In der Regel schon. Wenn der Schatten integriert ist, der Held die negativen Seiten seines Charakters, seines Handeln anerkennt, wenn Frodo erkennt, dass auch er nicht immun gegen die Macht des Ringes ist, dann kann er loslassen. Die Macht, den Ring und die Existenz des Feindes wird – überflüssig. Es gibt aber noch eine andere Form, den Feind in sen Leben zu integrieren. Durch Liebe. Moment mal, durch Liebe? Ein Grund, warum Liebesgeschichten unterschätzt werden, liegt darin, dass es wirklich schwierig ist, eine GUTE Liebesgeschicthe zu erzählen. Und daran, dass es am Ende keinen Kampf um Gut und Böse und einen toten Feind, sondern eine Hochzeit oder ein Happy End gibt. Okay, ich spüre eure Verunsicherung.

Antagonisten in Liebesgeschichten

Am Anfang habe ich gesagt, es gibt auch Feinde in Liebesgeschichten. Man muss nur wissen, wo sie sind. Schlechte Liebesgeschichten sind wirklich extrem schmerzvoll für mich, weil sie das Vorurteil bestätigen, dass Liebesgeschichten „gut für zwischendurch“ oder „ganz nett, aber nicht wichtig sind“. Falsch. Gute Liebesgeschichten stehen im Mittelpunkt aller großen Geschichten. Romeo und Julia. Lolita. Vom Winde verweht. Der große Gatsby. Und so weiter.

Denn – Leute! Was ist das Wichtigste in eurem Leben? Mal ehrlich? Wann habt ihr zum letzten Mal eine tödliche Krankeit überwunden oder euren Freund abgemeuchelt? Genau. Also seid nicht so verdammt heuchlerisch und verdammt Liebesgeschichten, sondern erkennt, dass Liebe auch das Wichtigste in eurem Leben ist, und dass es gute und miese Liebesgeschichten gibt. Ja, da gibt es Unterschiede. Und lernt – als Autoren – verdammt noch mal eine gute Liebesgeschichte zu schreiben.

Die Liebe – der Feind

In einer guten Liebesgeschichte ist der Feind – die Liebe. Der Partner. Derjenige, in den sich die Heldin verliebt. Und zwar nicht, weil sie ihn etwas zickig ablehnt oder er sich so blöd benimmt, sondern weil der – Geliebte – die ganze Welt der Heldin oder des Helden auf den Kopf stellt. Die andere Seite der Münze. Weil diese Liebe sie – ganz ohne Gewalt – zwingt, ihre Vorstellungen zu ändern, und die dunklen, verdrängten Anteile ihrer Persönlichkeit zu entwickeln. Sichtbar zu machen. So muss das schüchterne Mädchen nicht den strahlenden Prinzen finden, der ab jetzt für sie die Klappe aufreißt oder die Konfllikte eingeht, sondern SELBER anfangen, mal etwas lauter zu werden und aus ihrer Komfortzone zu gehen. Womit ihr auch gleich die Unterscheidung zwischen guten und schlechten Liebesgeschichten habt: In guten entwickeln sich die Heldinnen und Helden, in schlechten werden sie gerettet, beschützt, in Sicherheit gebracht … Ritter auf dem weißen Ross und so weiter. Ich muss ja wohl nicht sagen – schaut euch einfach in eurer Umgebung um – das das nicht nur in Geschichten, sondern ganz grundsätzlich im Leben so nicht funktioniert. Auch in Liebesgeschichten müssen Feinde eine große Herausforderung für eure Heldin sein. Und wenn ihr am Ende eure Feinde mehr liebt als eure Helden, dann habt ihr etwas verdammt richtig gemacht.

You’ve got enemies? Good. That means you actually stood up for something. (Eminem)

Ja, Eminem musste jetzt einfach sein … Nächste Woche geht es um Mentoren. Bis dahin wünsche ich euch – viele hilfreiche Feinde!

und eine gute Zeit

xoxo

Katrin

#redbugwriting #rbpub #amwriting

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2 Comments

  • Reply Roland 6. Juli 2017 at 10:59

    Hi Katrin,

    mit Vergnügen (wie meistens!) lese ich deine immer wieder überraschenden Tipps. Besonders der Abschnitt ‚die Liebe – der Feind‘ lockt mich aus meiner ‚Ecke‘ hervor – ein besserer Beweis für deine Schreibkunst könnte es nicht geben! Ich möchte gern hier die Terminologie erweitern und für LIEBE auch das LEBEN einsetzen. Das Leben ist die ‚andere Seite der Münze‘ von unseren ‚Ich-bezogenen‘ Wunschvorstellungen wie wir es gerne hätten, wie es ‚laufen‘ sollte. Wie in der Liebe sollte man im Leben daran wachsen, was eigenen Wünschen entgegensteht. Man/frau entdeckt dann auch ganz andere Möglichkeiten! Wenn man aus der ‚Komfortzone‘ geht und Neues wagt, auch mit der Gefahr zu scheitern. Auf einmal wird ein langweilig dahinplätscherndes Dasein höchst interessant. Aufregend. Wie in der Liebe – und in guten Liebesgeschichten (siehe Love on Paper) muss man/frau sich erst mal weit aus dem Fenster lehnen, sich zu zeigen mit all seinen Schwächen um die Zuneigung zu gewinnen. Denn was ist ein Preis wert, den man eben so nebenbei gewinnen kann?
    Feinde als Widersacher? Nein. Nein. Das ist Natur pur. Wind und Wetter, Stürme, Dürren – sie formen die Pflanzen. Und langfristig gesehen hat die Evolution auch den homo sapiens zu heutigem Stand gebracht. Mal abgesehen von den Gefahren, die nun im Potential (Zerstörung der Lebensgrundlagen) der ach so intelligenten Menschen-Gehirne liegt.
    Roland

    • Reply Katrin 8. Juli 2017 at 23:07

      Hi Roland,
      yeah, ich KANN dich aus deiner Ecke locken! Das freut mich doch. Und danke, für deinen schönen Kommentar.

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