Martin Luther 2017

Martin Luther #28 Kindheit

13. Juli 2017
Kindheit

Manchmal frage ich mich, wie Luther wohl in seiner Kindheit war. Ich erinnere mich sehr genau an die Geburt meines ersten Kindes, also Isabel, und die Erkenntnis, dass mit diesem Kind schon eine komplett fertige Persönlichkeit in unser Leben getreten ist. Schon als Säugling ihre Vorlieben (ich will immer wachbleiben) und Abneigungen (können wir dieses lästige Baden nicht lassen?) sehr klar artikuliert hat. Zwar nicht mit Worten, aber ganz deutlich mit Verhaltensweisen und Gesichtausdrücken. Und ich gedacht habe: Was tragen wir eigentlich noch zu dieser Persönlichkeit bei?

Wobei – klar – auf der anderen Seite spielen ganz viele Bedingungen – Ort, Klima, Wohnung, soziales Umfeld, Bildung, Geld – eine Rolle, die einem gar nicht besonders auffallen. Und man steuert auch selber etwas bei: Trägt sein Kind in der Bauchtrage, ernährt es gesund, lässt es etliche Entscheidungen selber treffen, fördert die Kreativität. Scheint alles ganz selbstverständlich zu sein, aber wenn man dann mal Jahrhunderte zurückschaut, zum Beispiel auf den kleinen Luther, dann ist vieles gar nicht mehr so selbstverständlich. Oder sogar auffallend.

Geburtstag

Martin Luther ist am 10. November geboren und heißt Martin, da er am 11. November, dem Tag des heiligen Sankt Martin – der den Mantel geteilt hat und für den wir heute noch Laternenumzüge veranstalten – getauft wurde. Seine Mutter erinnert sich, dass er kurz vor Mitternacht zur Welt kam, das Jahr hat sie allerdings vergessen, sodass Martins Geburtsjahr tatsächlich ungesichert ist. Melanchthon schlug mal 1483 als Geburtjahr vor und im Grunde hat ihm die Forschung zugestimmt. Also 1483.

Und dann fällt mir auf, dass Luther so  etwa 18 war, als Albrecht Dürer um 1500 sein berühmtes Selbstportrait gemalt hat. Das ein gutes Beispiel für das neu aufkommende Selbstverständnis der Menschen in dieser Zeit ist. Wobei die Künstler vorangingen: Sie sahen sich nicht mehr als obrigkeitshörige Massen an, die weltlichen oder religiösen Führern blind hinterhertappen, sondern nahmen sich als Individuen mit eigenen Meinungen und Zielen und Werten wahr. In Dürers Fall sahen sie sich schon fast selber als Heilsbringer, denn nicht zufällig stellt er sich in Christus/Jesus-Gestalt dar.

Die Zeit hat also zu Luther gepasst und Luther in die Zeit – Rebellion und Erneuerung standen an, waren in.

Ältester Sohn

Und dann war er auch noch der Älteste von etwa neun Kindern. Als Erstgeborene kann ich sagen, dass das schon sehr prägt. Erster sein, vorangehen, die Verantwortung tragen (oder aufgebürdet bekommen), die Dinge selber in die Hand nehmen und so weiter. Was auch eine Last sein kann, denn irgendwie sind die Pläne der Eltern beim ersten Kind meist viel konkreter, als bei den nachfolgenden. Martin sollte Jura studieren, weil es sozialen Aufstieg bedeutete und Aussicht auf gute Stellen versprach. Zwar war Luthers Vater ein Berg- und Hüttenunternehmer, aber in der Familie der Mutter gingen schon viele zur Universität. Das sah gut aus. Guter Plan – aber wir wissen ja heute, was daraus wurde. Manchmal heißt vorgehen eben auch seine eigene Richtung zu nehmen.

Was ich bin …

Ich bin dazu geboren, das ich mit den rotten und teufeln mus kriegen und zu felde ligen, darum meiner bücher viel stürmisch und kriegerisch sind. Ich mus die klötze und stemme ausrotten, dornen und hecken weg hauen, die pfützen ausfüllen und bin der grobe waldrechter, der die ban brechen und zurichten muss. (Schilling S. 63)

Das hat Luther dann viel später rückblickend von sich gesagt. Wobei das so klingt, als ob ihn genau diese Selbstwahnehmung von Anfang an bestimmt hat: Ich muss hier aufräumen, ich bin der Richtige für den Job, ich kann so grob vorgehen. No big deal.

Kampfgeist

Das gefällt mir irgendwie an Luther, dass er seinen Kampfgeist gar nicht beschönigt oder sich für seine Art entschuldigt. Und so waren wohl auch seine Eltern. Ihr Geschäft und die große Familie hätten ohne einen außergewöhnlichen Kampfgeist gar nicht überlebt. Und manchmal bekam dann auch Luther was von dieser Energie zu spüren:

Mein vater steupt mich einmal also sehr, das ich ihm flo und das im bang was, bis er mich wider zu im gewendet.

Meine mutter steupet mich um einer einzigen Nuß willen, dass das Blut floss. (Schilling S. 63)

In der Familie wurde überhaupt viel gesteupt. Der jüngere Bruder von Luthers Vater (Klein-Hans), also Luthers Onkel, musste sich vor den Mansfelder Gerichten immer wieder für Gewaltausbrüche und Schlägereien verantworten und starb schließlich bei einer Wirtshausprügelei.

Kind des Aufbruchs

Ich fühle mich gerade so, als ob ich in einer Kiste mit Fotografien, Briefen und Artikeln stöbere und jede neue Information neue Fragen aufwirft. Wer war der junge Luther?

Schilling nennt Luther in seiner Biografie ein „Kind des Aufbruchs“. Jugendlich in einer Zeit des Optimismus und Aktivismus unter den Humanisten. Bereit für Veränderungen. Geprägt von der Zeitstimmung.

Und dann denke ich, dass Luther schon irgendwie besonders war. Anders. Dickköpfig. Eigen. Dazu passt auch die Information, dass die Familie gar nicht Luther hieß, sondern Lüder, Luder, Loder, Ludher, Lotter, Lutter oder Lauther. Und wie kam es zu Luther? Weil der Name Luder=“liederlicher Mensch“ zu Missverständnissen führen konnte, hat Luther sich zwischen 1512 und 1517 einfach mal in Luther umbenannt. Einfach – mal – umbenannt. Vielleicht sagt das sogar am allermeisten über ihn aus.

 

 

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