Martin Luther 2017

Martin Luther #29 ist unerträglich

21. Juli 2017

Luther ist unerträglich

Audible — kennt das jemand? Es ist der Hörbuchkanal vom großen A. Amazon. Mit meinem neuen Kindle fire kam ein Probeabo, das ich sofort gekündigt habe. Aber offensichtlich nicht richtig, denn ich hatte, wie mir irgendwann auffiel, noch ein paar Monate weitergezahlt. Und jetzt entsprechend viele Hörbücher frei. Also hab ich mir mal ein paar Luthertexte als Hörbuch runtergeladen. Unter anderem seine Tischreden. Gelesen von Uwe Ochsenknecht, der sich mächtig reinhängt. Trotzdem legt das, was man da zu hören bekommt, den Schluss nahe: Luther ist unerträglich.

Was er über die Weibsbilder oder die Türken und die Juden schwadroniert, würde man sich in keiner Eckkneipe fünf Minuten lang anhören. Nein, man würde gar nicht erst in Eckkneipen gehen, in denen die Gefahr bestünde, so etwas über sich ergehen lassen zu müssen. Wie kommt es, dass jemand, der die Welt unbestritten vorangebracht hat, so einen Müll labert? Und wie kommt es, dass wir das so unsäglich finden, während an seinem Tisch nicht nur gespannt gelauscht, sondern sogar noch geflissentlich mitgeschrieben wurde.

Stufen des Bewusstseins

Vielleicht gibt darauf ein anderes Hörbuch eine Antwort. Ich hatte mir nämlich auch The Future of Spirituality: Why it must be integral gedownloaded. Ein Gespräch mit KenWilber, dessen Theorien zur Evolution des Bewusstseins ich seit Jahren verfolge. Er erinnert noch einmal daran, dass viel darauf hindeutet, dass das Bewusstsein unterschiedliche Stufen durchläuft. Und zwar sowohl auf der individuellen Ebene, also in der Entwicklung von der Geburt zum reifen Erwachsenen als auch auf der kollektiven, gesellschaftlichen Ebene.

Demnach haben sich die Weltsichten im Laufe der Entwicklung zu immer größerer Offenheit und Komplexität entfaltet. Ganz grob wären das folgende Stufen: archaisch, magisch, mythisch, rational, pluralistisch, integral. Es entwickelt etwa die Fähigkeit andere Perspektiven einzunehmen. Von der Ich-Perspektive zur Du– und Es-Perspektive. Man kann über sich hinaus empfinden vom Ich zum Wir, zum Wir Alle — und zwar wirklich ALLE, auch die anders denkenden, aussehenden, glaubenden …

Gleichzeitig geht Wilber davon aus, dass Individuen unterschiedliche Entwicklungslinien (von Intelligenz) durchlaufen. Da wären beispielsweise kognitive, emotionale,  soziale, ethische, kinästhetische, musikalische, künstlerische oder spirituelle Intelligenz etc. Es könnte jemand kognitiv sehr weit entwickelt sein, moralisch aber total unterbelichtet, eher die unangenehmen oder gefährlichen Typen. Und es gibt begnadete Musiker, Tänzer oder Fussballer, die vermutlich keine binomische Formel anwenden können. Wilber empfiehlt: Suchst du einen spirituellen Lehrer, geh zu den tibetischen Mönchen, aber Vorsicht: kulinarisch sind sie nicht über Yak-Butter hinausgekommen.

Das mythische Weltbild

Als in den Siebzigern im Westen eine Welle des Interesse an östlichen Lehren aufkam, waren viele liberale kalifornische Hippies nicht schlecht überrascht, mit welch konservativen, patriachalen Ansichten ihre spirituellen Meister anreisten. Denn – egal, wie weit man auf einer der Entwicklungslinien fortgeschritten ist, man wird sie immer auf der Stufe interpretieren, auf der man gerade steht.

Und Luther stand eindeutig nicht auf der rational, pluralistischen Stufe, wie die meisten von uns heute, sondern auf der mythischen Stufe, wie leider noch einige wenige von uns.

Diese mythische Ebene ist gekennzeichnet von Gruppenzugehörigkeit, Fundamentalismus, Patriotismus, Ethnozentrismus. Diese mythischen Weltsichten sind auch geprägt durch absolute Rechthaberei. Wer nicht für mich ist – ist gegen mich. Meine heiliges Buch hat recht. Wer nicht an meinen Gott glaubt, liegt falsch. Meine Leute haben immer recht.

Wer daraus folgert, dass Luther und jede Religion zu verdammen ist, verwechselt die religiös, spirituelle Linie mit der mythischen Ebene. Auf der mythischen Ebene kommt es zu den unsäglichen Auseinandersetzungen der Buchreligionen, wo man an jeden Buchstaben glauben muss. Und dann noch in der Form, wie es einem die jeweiligen Priester, Rabbi oder Imame auslegen. Auf der mythischen Ebene bekriegen sich Nationalstaaten und bekämpfen sich ethnische Gruppen, auf der mythischen Ebene prügeln sich die Hooligans der verschiedenen Fussballclubs.

Es ist nicht die spirituelle, religiöse Linie, die das Problem darstellt, sondern das Verweilen auf der mythischen Ebene.

So gesehen hat der Göttinger Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann recht, wenn er in seinem gerade erschienenen Buch über die Reformationszeit sagt: »Die Reformation steht noch aus«.

 

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