Starke Charaktere

Starke Charaktere #2 Helden

28. Juni 2017
Der Held – die Heldin

Jede Geschichte braucht sie. Die Helden. Ohne Helden – keine Geschichte. Ich sage das so deutlich, weil es Autoren sehr oft passiert, dass sie entweder nicht genau wissen, wer ihr Held ist, oder den Helden im Laufe der Geschichte eher wie einen netten Nebencharakter behandeln. Ich will sagen: Zu nett, zu freundlich, zu eitel mit ihm umgehen. Was bedeutet, dass der Held – kein Held mehr ist. Und was noch viel schlimmer ist – die Geschichte keinen Helden mehr hat.

HELD oder HELDIN ist allerdings etwas irreführend, wenn wir von unserem Hauptprotagonisten sprechen. Helden sind für uns Menschen, die etwas Großes vollbracht, oder in einer Situation unerwartet, mutig und entschlossen gehandelt haben. Held ist also eine Auszeichnung, die wir jemanden geben, NACHDEM er etwas erreicht hat. Am Anfang seiner oder unserer Geschichte hat der Held aber überhaupt noch nichts erlebt oder sich besonders heldenhaft verhalten. Und daher sind Helden für Autoren tricky.

Warum ist der Held ein Held?

Vielleicht ist es gut, sich erst einmal klar zu machen, was einen Menschen zu einem Helden macht. Okay: Helden sind Helden, weil sie

  • ungewöhnliche Entscheidungen treffen
  • mutig und unerschrocken handeln
  • Herausforderungen annehmen
  • für ihre Ziele kämpfen
  • für bestimmte Werte eintreten
  • ihre Werte verteidigen
  • Erfahrungen machen
  • durch Krisen stärker werden
  • über ihre eigenen Bedürfnisse hinausdenken
  • Respekt einfordern
  • nicht aufgeben

Diese Qualitäten sind übrigens nicht verhandelbar. Ihr könnt nicht sagen: Ich habe einen Helden, aber er liegt faul auf dem Bett und tut nichts. Oder sagen wir so: Natürlich könnt ihr alles machen, aber wenn euer Held nicht irgendwann aufsteht, wird es nichts mit der Story.

Was ein Held allerdings sehr wohl sein kann, ist böse und niederträchtig und verschlagen und hässlich und dunkel und … Okay – stopp! – sind das nicht die Eigenschaften des Feindes/Antagonisten? Ja, wieder so eine Sache, die gerne verwechselt wird. Eine Held ist deshalb ein Held, weil er der Hauptprotagonist einer Geschichte ist. Das verpflichtet ihn aber weder gut auszusehen, noch besonders nett zu sein. Und das ist richtig gut, oder?

Helden handeln

Wichtig ist zu verstehen, dass Helden sich vor allem durch ihr Handeln auszeichnen. Daher macht es wenig Sinn zu sagen: Hey, hier ist die Heldin meiner Geschichte, sie hat braune Haare, große Augen und sieht supertoll aus. Nope. Denn das könnte genauso gut auch irgendein anderer Charakter sein. Wenn ihr eure Heldin beschreibt, dann tut das besser durch das, was sie will: Die Heldin meiner Geschichte ist ein übergewichtiges Mädchen, das unbedingt einen Tanzkontest gewinnen will, um aus ihrem Heimatdorf auszubrechen. Merkt ihr den Unterschied? Auch für euer Exposé könnt ihr euch das gleich notieren: Beschreibt eure Charaktere durch das, was sie suchen/oder erreichen wollen, nicht durch äußere Eigenschaften.

Also merken: Helden MÜSSEN handeln, weil eure Geschichte sonst keine Handlung hat. Und wenn ich handeln sage, dann meine ich, auf ein bestimmts Ziel und auf eine bestimmte Aufgabe hin zu handeln.

Tricky ist, dass ihr mit einer Behauptung startet: Meine Heldin IST eine echte Heldin. Eine Behauptung, die ihr im Laufe eurer Geschichte einlösen müsst. Sich eure Hauptprotagonistin erkämpfen muss. Ja, ich weiß, in vielen Büchern passiert das nicht. Die „Heldin“ nörgelt ein wenig herum, dann kommt irgendein Typ vorbei und noch ein paar andere Typen, alle lieben sie, verwirren sie ein wenig und am Ende entscheidet sie sich dann doch für den ersten. Oder der Held kämpft sich von einer Schlacht zur nächsten, gewinnt sie alle, bis er die Burg erobert (und das Mädchen). Als ob es so einfach wäre! Selbst Märchen sind nicht so einfach gestrickt. Daher: Schickt eure Helden durch die Hölle und wieder zurück.

Helden sind aktiv

Handeln heißt für eure Helden und besonders für die Heldinnen: Sie sind aktiv. Das ist eine Grundregel, die könnt ihr euch gerahmt an die Wand hängen. Helden warten weder auf den Prinzen, noch auf die Beförderung oder das Lob. Sie holen sich, was sie haben wollen. Sie müssen auch aktiv sein, denn sie haben einige Hindernisse zu überwinden. Rückschläge in Kauf zu nehmen, müssen mit Widerständen rechnen. Wenn sie sich jeden Mal in die Ecke setzen und schmollen würden, wenn etwas Mieses passiert, dann wären sie nicht nur keine Helden, es würde auch mit der Geschichte nicht weitergehen.

Also Achtung: Solltet ihr bemerken – und zwar egal an welcher Stelle eurer Story – dass es nicht eure Helden sind, die eure Geschichte vorantreiben, dann habt ihr ein Problem. Denn es müssen immer die Helden sein, die etwas verändern oder sich erobern. Das ist ihr Job, und den können sie niemanden anderen überlassen.

Helden sind hartnäckig

Schon mal von einem depressiven Helden gehört? Batman? Ja, okay, aber das war nur solange bis „es“ passiert ist und er dann doch aus seiner Depression gefunden hat. Denn Helden geben nicht auf. Es gibt Boote, die kentern nicht. Das heißt, sie kippen nicht um, was Segelboote sehr oft tun, wenn der Wind mal etwas härter ist. Das heißt aber nicht, dass sie vollkommen sicher sind, denn sie können sinken. Also voll Wasser laufen und untergehen. So ungefähr sind eure Helden. Es sind kleine Stehaufmännchen, die – egal wie oft ihr sie umwerft – sich sofort wieder aufrichten. Doch das heißt nicht, dass sie unsinkbar/unsterbelich sind, denn das wäre langweilig.

Die gute Nachricht: Ihr könnt euren Helden eine Menge zumuten und antun. Werft sie um. Gebt ihnen harte Stürme, die sie abwettern müssen. Nehmt ihnen alles weg, was ihnen wichtig ist. Warum? Weil eure Helden nicht nur für die Handlung, sondern auch die Spannung eures Buches verantwortlich sind. Mit Helden will man mitfiebern, um sie bangen und sie nicht gähnend dabei beobachten, wie sie halbherzig über einen Gartenzaun steigen oder ganz aufgeben. Helden müssen immer wieder aufstehen und weitergehen.

Heldenjob

Die meisten werden jetzt sage: Okay, Held, der Job ist nichts für mich, das ist mir alles viel zu stressig. Und das ist ganz normal. Es gibt viel, viel weniger Helden als gewöhnliche Menschen auf der Welt. Das einzige Problem: Als Autoren müsst ihr im Grunde ein Held werden. Oder euch zumindest in die Haut eines Helden begeben. Ihn so gut darstellen, dass euch die Leser abnehmen, dass es ein Held ist. Äh, und wie soll das vom Schreibtischstuhl in einer gut geheizten Wohnung aus gehen?

Well, well. Natürlich müsst ihr nicht losrennen und selber Abenteuer bestehen, obwohl ich dringend dazu rate, zumindest mal mit einem Segelboot gekentert zu sein, oder etwas Ähnliches erlebt zu haben, um das Gefühl zu kennen: Die Angst, die Verzweiflung, die Panik. Es gibt da diesen Satz von Maxim Gorki, der in letzter Zeit von vielen Autoren gerne zitiert wird: „Ich muss nicht in der Bratpfanne gelegen haben, um über ein Schnitzel zu schreiben„. Nun ja. Mal abgesehen davon, dass ich keinen Rat von jemanden annehmen würde, der einen erfolglosen Selbstmordversuch begangen hat, indem er sich in die Brust geschossen hat, scheint mir das etwas aus dem Kontext gerissen. Denn Maxim Gorki hat sehr viel erlebt. Ist in sehr ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, hat etliche Jobs gemacht, ist durch Russland gewandert, hat seine fünfjährige Tochter verloren, musste sich von seiner Frau trennen … Hatte also reichlich Erfahrungen gemacht und genug zu erzählen gehabt. Man sollte sich also besser nicht einreden, dass man keine Erfahrungen braucht, um schreiben zu können, sondern lieber losgehen und ein paar Erfahrungen machen.

Du bist dein Held

Aber, ja, ich muss mich ja nicht dumm stellen: Natürlich kann man über Verlust und Tod schreiben, ohne es erlebt zu haben. Seinen Helden in eine Schlacht schicken, ohne selber an einer Schlacht teilgenommen zu haben. Ja, richtig. Die Frage ist nur, ob man genug grundlegende Erfahrungen gesammelt hat, um die immergleichen Gefühle von Angst, Wut, Hass, Trauer nicht nur zu behaupten, sondern auch gut auszudrücken. Mit Sprache. Mit Sprachbildern, die das Kopfkino der Leser in Gang setzen. Denn beim Schreiben verwandelt ihr euch in eure Helden. Und je besser ihr das könnt, desto überzeugender und glaubhafter wird eure Story.

Wie ihr das lernen könnt? Zum Beispiel, indem ihr Helden in anderen Geschichten erkennt und analysiert. Was machen sie, wie handeln sie? Hier findet ihr ein tolles Worksheet dazu.

Nächste Woche geht es um den Antagonisten oder Feind. Voldemort, wir kommen. Bis dahin –

Eine gute Zeit!

Katrin

#rbpub #amwriting #redbugwriting

 

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2 Comments

  • Reply Roland 29. Juni 2017 at 11:18

    Hi Katrin,

    gerne lese ich immer deine Blogbeiträge. Dieser hier, mit Emphase und Herzblut geschriebene, über einen wichtigen Punkt ‚Helden‘ in der Struktur beim Bücher schreiben hat mich mal wieder ‚hingerissen‘ einen Kommentar abzulassen.
    Dazu will ich mich mit einem flammenden Aufruf an die Leser von Katrin Bongards tollen und hilfreichen Tipps wenden. Schaut euch doch mal das Autorenporträt von ihr auf Amazon an (anläßlich ihres Buches ‚Love on paper‘ – dieses supertolle Vollblutwerk!) So sehen Helden/Heldinnen aus! Sie hatten Mut im Leben. Verließen sichere, behütete, gepamperte Verhältnisse und stürzten sich in Lebensabenteur, wie Hausbesetzung, WG Wohngemeinschaften, lebte im Ausland, fuhren Motorrad, arbeiteten beim Film, studierten mal dies und wechselte von Kunstgeschichte zu Theologie. Heiratete ihre große Liebe, zog drei Kinder auf und gründete einen kleinen, aber feinen Verlag.
    Diese Frau hat was erlebt, tausend Erfahrungen gemacht und wohl sicher nicht nur angenehme. Sie kennt die menschlichen Schwächen, die Abgründe, aber auch die inspirierenden Begegnungen. Und sie hielt immer Augen und Ohren auf. Deshalb wirkt so authentisch, was sie schreibt!
    Leider bin ich (fast) immer der Einzigste, der zu ihren tollen Beiträgen was dazu schreibt. Wo bleibt ihr denn, besonders ihr jugendlichen weiblichen Schreiblustigen, die gerne mit diesem Beruf: Autorin liebäugeln. Nur weil sie schreiben können. Da gebe es doch viel zu fragen: so etwa… liebe Katrin, wie hast du das nur gemacht, ausgehalten, überlebt …. ?
    Vom Schreiben leben zu können ist einer der härtesten Jobs die es gibt. Nichts für Feiglinge, für Couch- Potatoes, Weicheier. Gut schreiben kann man erst, das ist meine Lebenserfahrung, wenn man das ganze Spektrum von Ängsten, Verzweiflung, Entmutigung, Erschöpfung an eigenem Leib und Seele mal erfahren hat – und nicht weil man Erfolgsratgeber liest. Die einem suggerieren, man müsste nur hart arbeiten, dann kommt der Erfolg allein. Oder immer wieder: Stephen King und J.K Rowling, die hätten es ja auch geschafft. Das erinnert mich an meinen USA Aufenthalt, wo jeder Tellerwäscher fest der Meinung ist, er könne es bis zum Millioniär, jeder Schauspieler er könne es bis zum Präsidenten schaffen. Sicher, das ist eine gute Motivation nützlich für die Arbeitgeber) sich voll reinzuhängen!. Aber für die Handvoll die es geschafft haben, kommen Millionen die weiterhin bei Hungerlöhnen dahinvegetieren. Da muss man/frau mal die Augen aufmachen in der realen Welt!
    Das machen HeldInnen. Sie begeben sich mittenrein. Ihr Lohn ist nicht Ruhm oder Wohlstand, sondern innerer Reichtum. Neben allen Leid gibt es immer auch Hoffnung, glückliche Momente. Das führt zu Zufriedenheit.
    Erfolg im Beruf ist auch viel Glückssache! Zum richtigen Zeitpunkt mit den richtigen Leuten die richtigen (zeitgemäßen) Ideen zu haben. Darum muss man, bevor man sich an den Schreibtisch setzt, erst mal raus ins tolle Menschenleben. Frei nach Goethe: da wo du es packst, ist’s interessant.
    Katrin, verzeih mir, wenn ich mich hier einmische.
    Liebe Grüße
    Roland

    • Reply Katrin 29. Juni 2017 at 15:16

      Verzeihen? Na ich freu mich natürllich, dass ich dich mal wieder aus der Ecke gelockt habe. Man braucht eben auch Mut, um zu kommentieren und zu fragen und sich selber Fragen zu stellen. Was du immer tust. Ob Blogbeitrag oder Buch – für solche Menschen schreibe ich besonders gerne.
      Danke, für die Empfehlung zu „Love on Paper“!

      Einen schönen Tag (hier haben wir gerade einen tropischen Dauerregen)

      Katrin

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