Martin Luther 2017

Martin Luther #24 Der Meister der Predigt

15. Juni 2017

Predigen? Ist das nicht fast ein bisschen so, wie Blogbeiträge zu schreiben? Zwar steht man nicht auf der Kanzel, aber man verkündet seine Überlegungen regelmäßig und widerprechen tut auch keiner. Die Predigt – war das Luthers Art zu bloggen?

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Es hat einen großen Vorteil, dass wir uns diesen wöchentlichen Blogspot zu dritt teilen. Ich bin mir sicher, allein würde ich das nicht schaffen. Uwe ist die letzten Wochen sogar ein paar Mal für mich eingesprungen, denn ich hatte einfach zu viel zu tun. Ich flüstere diese Worte, denn ich habe Angst, dass Luther mich hört. Was? Zweimal die Woche einen Blogbeitrag, an einem Buch schreiben, ein Exposé, eine Ausstellung, Socialmedia, ein Interview, die Arbeit als Agentin? Na und? Ist das alles? 

Ächem. Richtig. Wenn ich mir Luthers Arbeitspensum ansehe, dann ist das alles ein Witz. Gemessen an Luther: Nichts! Ich meine, der Mann war ein Mensch. Oder? Er hat auch Kinder gezeugt und gegessen, geschlafen. Wann? Vieles gehörte zu seiner Ausbildung, später zu seinem Job, man könnte ihn als Arbeitstier abtun, der roboterhaft geschuftet hat, aber vieles, was er getan hat, lag ihm am Herzen, es war persönlicher Einsatz. Ein Extra, etwas, zu dem er sich verpflichtet fühlte.

Trostbriefe

Über 100 Trostbriefe hat Luther geschrieben. Persönlich, einfühlsam. Mit den Predigten verbindet sie, dass Luther den Menschen etwas geben wollte, das über einen Job hinausging: Ratschlag, Tröstung, Aufklärung. Diese Trostbriefe gingen nicht nur an Gemeinden, die er im Kampf für die Reformation unterstützte, sondern größtenteils an Einzelpersonen, denen Luther bei Krankheit, bei nahendem Tod, oder in ihrem Glauben half. Er schrieb diese Briefe aber nicht etwas nur an Fürsten, oder Adlige, sondern auch an Mitarbeiter. Und gab sich Mühe damit,  arbeitete sie sprachlich und theologisch sorgfältig aus. Für Gelehrte schrieb er sie auf Latein, für die anderen auf Deutsch. Mit der Hand, sollte ich wohl dazufügen, während ich hier ganz locker in die Tasten meines Laptops tippe.

Wie das damals so war – vor den Zeiten des Urheberrechts – wurden die Briefe abgeschrieben, weitergereicht und auch mal zwischendurch als Sammlung veröffentlicht. Und trugen damit nicht unerheblich zu Luthers Ruf als Seelsorger bei.

„Fürchte dich nicht, wir werden siegen, obschon wir Sünder sind.“

Wo nahm Luther seine Tatkraft und diesen Riesenoptimismus her?

Predigt

Luther sah  die Predigt als seine wichtigste Aufgabe an, meist predigte er frei.

„Ich kann keine Predigt machen nach der Kunst, Ich pflege nicht alle Stücke in sonderheit zu fassen, sondern allein den Hauptpunkt, darauf die Summa der ganzen Predigt stehet.“

Kurz gesagt, Luther improvisierte, wobei er sich auf sein enormes Wissen und seine sprachlichen Fähigkeiten verlassen konnte. Vielleicht war predigen für ihn eher so etwas, wie heute einen YouTube-Channel zu bespielen? Immerhin predigte Luther regelmäßig, in manchen Zeiten sogar täglich.

Prediger in Wittenberg

Wittenberg war Luthers Heimat, hier war ihm das Predigen am wichtigsten. Zwischen 1528 und 29 übernahm Luther sogar zwischenzeitlich das Amt des Wittenberger Stadtpfarrers (da dieser auf Reisen ging, um die Reformation voranzubringen) an und predigte Mittwochs über das Matthäus- und Samstags über das Johannesevangelium. Schilling nennt den predigenden Luther in Wittenberg das evangelische Pendant zum Papst in Rom. Und sicher, die Predigt war auch Propaganda für die Reformation, ein Weg, die Gläubigen bei der Stange des neuen Glaubens zu halten.

Das Wort war wichtig. Für Luther war klar, dass Christus sein Priestertum an alle Gläubigen weitergegeben hatte. Verkündet wurde es durch das Wort, das im Zentrum des Gottesdienstes stehen sollte, denn so sei es in der Bibel festgelegt:

„dass es ein einziges, allen Christen gemeinsames Amt sei, das Wort Gottes zu predigen und dass jeder reden und urteilen könne und die anderen verpflichtet seinen, zuzuhören.“

Luther fand allerdings nicht, dass jeder auf die Kanzel steigen konnte, um das Wort Gottes zu verkünden. Von den „falschen Brüder“, die glaubten, sie könnten auch mal eben von Gott sprechen, da sie der Geiste erleuchtet habe, distanzierte er sich. Der Vergleich mit den YouTubern hätte ihm nicht gefallen. Luther verlangte für das Priestertum ein spezielles Studium und eine Eignung. Es sollten nur die predigen, die über

„eine gute Stimme, ein gutes Gedächtnis, und andere natürliche Gaben verfügten.“

Damit meinte er sicher nicht gutes Aussehen und – sorry – die YouTuber sind endgültig raus.

Kanzel-Outfit

Auf der Kanzel trug Luther die sogenannte Schaube, einen weiten Überrock wie ihn Universitätsprofessoren in der Zeit trugen. (Später entwickelte sich daraus der schlichte Talar der Pfarrer). Bei der Feier des Abendmahls trug er weiter das Messgewand, aber mehr um seine Gemeinde nicht zu verschrecken, ansonsten spielte die Kleidung eine untergeordnete Rolle.

Luthers Predigtstil

Luther war ein Meister darin, seine Predigten frei und eher improvisiert zu halten. Er liebte es, das Wort Gottes in Predigtreihen auszulegen. Das war dann schon eher so etwas wie die Vorlesungen, die Luther ja auch vor Studenten hielt und schnell glichen sich beide Formen stark an. Es ist nachvollzihebar, dass nicht alle mit dem hohen Niveau seiner Predigt-Vorlesungen mitkamen. Christliche Freiheit? Dann bleiben wir doch einfach mal ganz weg, dachten sich nicht wenige und Luther war  abgrundtief enttäuscht. 1527 war er so gefrustet von der Predigtmüdigkeit der Wittenberger und dem Unwillen, seine guten Lebensvorschläge umzusetzen, dass er sich eingestehen musste, dass ..

„niemand darnach tut, sondern die Leute so roh, kalt und faul werden, dass es eine Schande ist, und sie viel weniger tun als zuvor.“

Okay, ich glaube, Luther hatte keine Ahnung, wie außerordentlich besonders seine Fähigkeit zur Arbeit an sich selbst und der Welt war. Stattdessen wurde er zunehmend ungeduldiger.

1529 wetterte er von der Wittenberger Kanzel und sah für die Unbelehrbaren Sündenstrafen voraus. Sie würden seine „Perlen“ nicht schätzen und daher war er nicht mehr bereit, Verantwortung für sie zu übernehmen. 1530 war er so genervt, dass er sogar in einen Predigtstreit eintrat.

Auf Reisen

Es gibt ja den Satz, dass der Prophet im eigenen Land nicht viel gilt. So ging es auch Luther. Denn außerhalb von Wittenberg waren seine Predigten hochbegehrt. Wenn er unterwegs war, predigte er fast am meisten, da alle herbeirannten, um ihn reden zu hören. 1522 predigte er in Zwickau hintereinander in allen Stadtkirchen. Er hatte sogar ein eigenes Format für diese Fälle, die Reisepredigt. In ihnen ging es mehr um die grundsätzlichen Fragen seiner reformatorischen Theologie als um spezielle Bibelauslegungen. Was vielleicht auch ein wenig populistischer war. Und besser ankam. Seine allerletzte Predigt hielt er auf einer Reise, drei Tage vor seinem Tod.

Während ich hier gemütlich auf meinem Sessel sitze und schreibe, stelle ich mir vor, wie Luther im Kutschwagen durchs Land gereist ist. Kein Flugzeut, keine Zug, kein Auto. Und unterwegs kein Laptop, kein Internet, kein iPhone. Kein Social Media, das ihn angekündigt, kein Facebook, was ihn beworben hat. Kein YouTube, keine Tweets, keine Propaganda in 140 Zeichen. Keine Instagrambilder, die ihn auf der Kanzel zeigen, oder vor dem Rathaus wie er dem Bürgermeister die Hand schüttelt. Alles das, was mir gerade so wichtig erscheint – hat er nicht gebraucht. Ehrlich – ich habe absolut keine Ahnung, wie er das alles ohne diese Dinge geschafft hat.

 

Zitate aus Heinz Schilling. Martin Luther. Rebell in einer Zeit des Umbruchs, Seite 371 und folgende.

 

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