Martin Luther 2017

Martin Luther #16 Reformation & Aufruhr

20. April 2017
Reformation und Aufruhr

Alles hätte so schön sein können, wären da nicht diese Bauernkriege gewesen. All der Aufruhr und die Plünderungen! Und dann noch diese fünfseitige Schrift Luthers an die Fürsten: Wider die mordischen und reubischen Rotten der Bauern.  Bis heute sind die Bauernkriege ein Makel der Reformation und die Schrift ein unschöner Fleck auf Luthers Ansehen. Doch ich finde gerade diesen Punkt in der Geschichte der Reformation sehr interessant. Den Punkt, an dem etwas, das mit guter Absicht begonnen wurde, außer Kontrolle gerät und eine Eigendynamik entwickelt.

Politik und Aktion

Als ich nach dem Abitur mein Studium begann, war ich mir nicht sicher, welcher Studiengang mich am meisten interessiert. Glücklicherweise gab es eine Art Testsemester, bei dem man sich in mehrere Fächern einschreiben konnte. Ich belegte u.a. Kunstgeschichte, Journalismus und Politologie. Und alle Fächer eigentlich aus dem gleichen Grund: Ich wollte in der Welt etwas bewirken und verändern. Nur war ich mir nicht sicher, ob das besser mit Kunst, Schreiben oder Politik zu verwirklichen war.

Es mag an den Lehrern oder den Kursen gelegen haben, aber damals war Kunstgeschichte für mich staubtrocken, Journalismus ziemlich vage und Politologie – my way to go. Ich landete also am OSI (Otto-Suhr-Institut für Politik), das eine ziemlich beeindruckende Geschichte hat. In den 20er Jahren war es die Ausbildungsstätte führender Politiker der Weimarer Republik, in den 60er Jahren Schauplatz von Studentenunruhen. Ein Ort, der sowohl für exellente Lehre/Theorie als auch Umbruch und Veränderung stand/steht und noch heute das größte politikwissenschaftliche Institut der Bundesrepublik ist.

Schlagende Argumente

Ich begann mein Studium zeitgleich mit der Bewegung der Häuserbesetzung in Berlin und das 1. Semester mit einem Streik am OSI gegen die Rotstiftpolitik des Berliner Senats.

Im zweiten Semester wohnte ich schon in einem besetztes Haus. Von der Theorie war es für mich ein kurzer Weg in die Praxis einer politischen Bewegung. Im damals geteilten Berlin wurde im Westen massiv mit leerstehendem Wohnraum spekuliert. Auch ich suchte eine Wohnung. Und es waren auch überwiegend Studenten, die in die leerstehenden Hauser zogen. Studenten, die zum einen Wohnungen brauchten, und zum anderen die argumentative Power hatten, ihre Aktionen mit politischen Forderungen und Statements zu untermauern.
Für mich war ganz klar: Ich kann ein Haus nur besetzten, wenn ich ein politisches Argument für diesen „Häuserkampf“ habe. Leerstand und Spekulation war ein Argument. Mit der Besetzung sollte der Senat auf den Missstand aufmerksam gemacht werden. Seine Politik ändern, die Spekulation verbieten, mehr Wohnraum für ALLE schaffen.

Auch wenn ich in den besetzten Häusern eine der aufregendsten Zeit meines Lebens erlebt habe, war die Hausbesetzerzeit nicht als Abenteuer gedacht. Es war die Zugabe.

Luthers Reformation

Heinz Schillings Lutherbiographie ist hochgelobt und lässt sich sehr gut lesen. Sie ist vor allem etwas für Leser, die Zwischentöne interessieren. In Kapitel V „Der Kampf um die Deutungshohheit der eigenen Lehre“ dröselt Schilling auseinander, wann und wie Luthers Theorien für andere Interessen benutzt wurden. Wie er vom führenden Reformator zu einem Spielball vielerlei Interessen wurde. Und sich dabei zeitweise verlor, da er allen Seiten gerecht werden wollte.

Luther und die Bauern

Luther war kein Bauer. Er idealisierte den Bauern „als den „reinen“ Menschen und wahren Christen in einer durch Laster und Gewinnsucht verdorbenen Welt.“ (Schillling, S. 302) Das war natürlich – Quatsch. Es war eben Luthers Versuch, die Opfer der politischen und religiösen Missstände an seine Brust zu drücken, denn auch für sie kämpfte er. Nur wurden die Bauern nicht nur von kirchlichen Institutionen, sondern auch von adeligen und bürgerlichen Grundherrn erniedrigt und ungerecht behandelt. Schilling beschreibt, wie die Gräfin von Stühlingen die Bauern mitten in der Erntezeit zum Aufsammeln von Schneckenhäusern zum Aufwickeln von Garn zwingen wollte. (Schilling, S. 299). Crazy!  Da kann man schon verstehen, dass die Bauern irgendwann den Short-Cut und Aufruhr gewählt haben, anstatt abzuwarten, ob und bis sich etwas ändert.

Realitätsschock

Deckblatt der 12 Artikel

Noch zwei Wochen vor seiner Schrift „gegen die mörderischen Rotten“ glaubte Luther an eine friedliche Einigung. Die Memminger Bauernversammlung legte ihm  12 Artikel für Bauernrechte vor, die er bewerten sollte und das tat er. Diese zwölf Artikel gelten heute als die erste Niederschrift von Menschen- und Freiheitsrechten in Europa. Die zu den Zwölf Artikeln führenden Versammlungen als erste verfassungsgebende Versammlung auf deutschem Boden. Wow, hier wurde Geschichte geschrieben und Luther erkannte das. Er bot Unterstützung an, verfasste die dreißigseitige Schrift „Ermahnung zum Frieden“ und forderte darin beide Seiten – Fürsten und Bauern – zu einer friedlichen Lösung auf.

Doch in der damaligen Welt verbreiteten sich Nachrichten langsam. Und während Luther noch an den Frieden appellierte, kam es an anderen Stellen längst zu Aufständen und Plünderungen. Ganz im Sinne von Müntzer, dem Priester und ehemaligen Anhänger von Luther, der für die gewaltsame Befreiung der Bauern eintrat.

Magen und Hirn

Ich erinnere mich an die Zeit, als ich für den Häuserkampf fast täglich auf Demonstrationen ging. Transparente, Parolen, endlose Märsche durch die Stadt für die politische Sache. Und irgendwann zusah, wie Demonstranten die Scheiben eines Supermarktes einwarfen, der dann von Demonstranten und Anwohnern geplündert wurde. So faszinierend das war – Wie kann man eine Bewegung verteidigen, die dermaßen dämlich ihre eigenen Ziele und Forderungen kompromittiert?

Mir fiel es von da an immer schwerer für die Sache zu sein.

Fast alle besetzen Häuser sind schließlich gewaltsam vom Senat geräumt worden. Wenige legalisiert. Warum damals Häuser besetzt wurden, weiß vermutlich niemand mehr so genau.

Was bleibt

Interessant finde ich, dass eine Bewegung eben einen Bewegung ist. Unkontrollierbar, mit eigenem Drive. Als Anhänger muss man sehen, dass man nicht zwischen die Räder gerät. Und wer die Bewegung verstehen will, sollte denn Blick scharfstellen, um genau zu sehen, wie das alles war.

Schilling: „Die Tragik der Theologie im Bauernkrieg liegt nicht so sehr im Scheitern von Müntzers revolutionärem Konzept, das in der damaligen historischen Konstellation nie eine wirkliche Chance hatte. Sie liegt vielmehr darin, dass beide Alternativen der Kirchenerneuerung in Zweilicht geraten waren und Ansehen eingebüßt hatten.“ (S.320)

Das Zwielicht besteht bis heute. Luther schwor sich später, in kriegerischen Zeiten „seine Feder still zu halten“. Das hätte wohl kaum geklappt. Und ich merke mir, dass man  auch mit Schreiben die Welt verändern kann ;)

Hausbesetzerbilder von Armin Okulla.

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