Heldenreise, Über das Schreiben

Heldenreise #2 Berufung

22. Juni 2016
Die Berufung

Ich mag von allen Modellen der Heldenreise – abgesehen von dem Klassiker nach Joseph Campbell – die Heldenreise nach Christopher Vogler am liebsten, die auf Campbells Modell basiert. Er hat sein Modell als Anweisung für Drehbuchautoren entwickelt, aber auch für Romanautoren kann es sehr hilfreich sein. Auf seiner Heldenreise gibt es 12 Schritte und heute stelle ich euch die ersten drei, also den Anfang vor.

  1. Gewöhnliche Welt
  2. Berufung
  3. Weigerung
Heldenreise – Erste Schritte

Niemand bricht aus seiner gewöhnlichen Welt auf, sofern er nicht ein Ziel hat, ein Problem lösen muss, oder es einen bestimmten Anlass hat. Das ist die erste These der Heldenreise. Heldenreisen interessieren alle Menschen, das ist auch der Grund, weshalb so wenig Bücher über Menschen geschrieben werden, die täglich zur Arbeit gehen und abends wieder nach Hause zurückkehren. Einfach zu langweilig. Ein Held ist jemand, der etwas erlebt, oder besser gesagt überlebt. Ein Abenteuer, eine Reise, eine Erfahrung. Klar, das kann auch eine Krankheit sein oder eine extreme Situation, es kann sogar eine Reise in den Tod sein, wenn sein Ziel Frieden ist, ewige Ruhe. Und der erste Schritt ist eigentlich noch kein Schritt, sondern ein Zustand, aus dem der Held oder die Heldin aufbricht.

Gewöhnliche Welt

Die gewöhnliche Welt muss nicht in unserem Sinne gewöhnlich sein. Mein Lieblingsbeispiel – Harry Potter – zeigt das ganz wunderbar. Es ist ja wohl nicht gewöhnlich, dass ein Junge bei seinem Onkel und seiner Tante unter der Treppe wohnt und zaubern kann. Aber es ist die Welt, von der aus er zu seinem Abenteuer aufbricht. Wäre er am Anfang der Geschichte schon in seiner Zaubererschule Hogwarth, dann fänden wir das wahrscheinlich nicht so spannend. Okay, er ist ein Zauberer auf einer Schule – was noch? Wir wollen einen Helden losgehen sehen. Aufbrechen. Aufgescheucht werden. Wir wollen sehen, wie seine normale Welt ist, und erleben, wie es aussieht, wenn ihm hunderte von Briefen durch den Briefschlitz entgegenflattern. Komm nach Hogwarts!

Berufung

Und schon sind wir beim zweiten Schritt. Der Held bekommt eine Botschaft, eine Aufforderung, eine Einladung, ein Ziel, seine gewöhnliche Welt zu verlassen. Und es ist vollkommen klar, dass dieses Ziel und seine gewöhnliche Welt nur sehr schlecht zusammenpassen. Bei Liebesgeschichten trifft SIE auf IHN, oder Er auf SIE, bei Krimis gibt es eine Leiche für den Kommissar, bei Thrillern eine dunkle Bedrohung, bei Abenteuerromanen eine Aufgabe. Alles bedeutet das Gleiche: Es ist vorbei mit dem Alltag, es passiert etwas Neues, was das Alte durcheinanderbringt. Und jetzt wird es spannend! Wie wird der Held, der ja eigentlich noch keiner ist, da er die Aufgabe noch vor sich hat, mit dieser Aufforderung umgehen?

Weigerung

heldenreiseLaut Heldengeschichte sagt die Heldin erstmal: NEIN. Wir würden das vermtlich auch tun. Mein Leben ist okay, ich brauche das nicht, wieso soll ich die Welt retten, ich  habe den Abwasch noch nicht gemacht und meine Haare sind auch nicht geföhnt. Tja,  das ist menschlich und daher ist diese erste Weigerung schon Teil der Heldenreise. Wer würde sagen: Ja, klar, auf ins Abenteuer? Die meisten wohl nicht. Wir empfinden tiefes Mitgefühl, wenn Menschen aufgefordert werden, ihr ganzes Leben auf den Kopf zu stellen und erstmal NEIN sagen. Ihr kennt das auch aus Liebesgeschichten. Wäre ja langeweilig, wenn beide sich sofort in den Armen liegen würden, daher sträubt sich immer einer von beiden.

Timing

Wenn ihr euch fragt, wie ihr eure Geschichte beginnen könnt, dann ist dieses Muster eine gute Orientierung. Zeigt und beschreibt die normale Welt, lasst etwas Ungewöhnliches geschehen, eine Begegnung, eine Diagnose und dann zeigt den Helden oder die Heldin, die sich verweigert. Der Leser wird sich jetzt fragen, wie oder was den Helden dann doch dazu verführen könnte, die Herausforderung anzunehmen? Ob ihr euch jetzt auf Seite zwei, drei oder dreißig befindet, hängt davon ab, wie lang eure gesamte Geschichte ist. Es macht wenig Spaß, wenn die gewöhnliche Welt am Anfang zu lange beschrieben wird, weil, hey, die muss die Heldin schließlich verlassen. Ebenso sehr nervt es, wenn der Held sich ewig lang weigert. Nun geh schon, denkt dann der Leser und legt das Buch vielleicht für immer beiseite. Timing ist also wichtig.

Das Spiel mit der Struktur

Ich weiß, dass sich das Muster Heldenreise in der Theorie immer ganz toll anhört, aber beim Schreiben dann doch nicht so leicht umzusetzen ist. Vielleicht will man das ja auch gar nicht so starr einer Struktur folgen. Großartig, weg damit! Ich habe allerdings sehr oft erlebt, dass es immer wieder gut ist, sich diese archaische Grundstruktur ins Gedächtnis zu rufen, wenn man so überhaupt nicht weiß, wie man mit einer Geschichte beginnen soll. Alle extrem erfolgreichen Bücher folgen übrigens diesem Schema. Ihr müsst nur an euer Regal gehen und euer Lieblingsabenteuerbuch oder Fantasybuch oder Liebesroman herausnehmen und die ersten Seiten mal auf das Muster überprüfen. Jep. Told you so.

Yeah, ihr habt jetzt die ersten Schritte der Heldenreise kennengelernt. Solltet ihr nun denken: Das ist nichts für mich, dann denkt daran, dass eine Weigerung zu diesem Zeitpunkt ganz normal ist. Es heißt nicht, dass ihr nächste Woche nicht wieder zu diesem Blog zurückkehrt. Ihr weigert euch zwar, werdet aber einsehen, dass ihr das Abenteuer Schreiben einfach zu großartig ist, um nicht jedes Hilfsmittel mit auf die Reise zu nehmen, das ich euch anbiete. Und, ja, ich grinse hier still vor mich hin.

Nun, schauen wir mal. Ich freue mich mit allen, die bereit dafür sind, auf die nächsten drei Schritte.

Bis dahin – frohes Verweigern ;)

xoxo

Katrin

#rbpub #redbugwriting#amwriting

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