Über das Schreiben

Über das Schreiben #4 Fantasie & Vorstellungskraft

1. Juni 2016
Fantasie

Fantasie und Fantadu … keine Ahnung, warum mir das gerade einfällt. Fantadu ist ein Kinderbuch von Helme Heine, der viele tolle Bücher geschrieben hat. Ich mag den Reim. Heine hat viel Fantasie. Jeder Autor muss Fantasie und Vorstellungskraft haben, das gehört zur Grundausstattung. Daher macht es auch wenig Sinn, einen Autor fantasievoll zu nennen. Ein Modell ist hübsch, ein Basketballspieler groß und ein Autor – ja, sollte Fantasie und Vorstellungskraft haben. Aber was ist das genau? Und wie setzt man sie beim Schreiben ein?

Fantasie und Kindheit

Alle Kinder haben Fantasie, behaupte ich mal. Ihr erinnert euch, oder? Wenn man zum Beispiel in den Keller geschickt wurde, um Wasser oder den Grill zu holen. Erwachsene tun das meist ganz arglos. „Ach, kannst du mal eben etwas Wasser hochholen?“
Ich erinnere mich an unseren Keller. Treppe nach unten, die schwere Stahltür. Licht an! Der erste Horror, das Tasten an der Wand nach dem Schaltern. Funzeliges Licht. Und dann dahinter dieser lange Gang an den Holzverschlägen vorbei. Ganz am Ende ein kleines Glasfenster, da ging es nach draußen, ein Seiteneingang.

Angst

Der schlimmste Moment, wenn man diesem Gang den Rücken zukehren musste, um den Holzverschlag zu öffnen. Ich hatte jedes Mal das Gefühl, mir fliegt mein Herz aus dem Brustkorb. Und dann, mit pochendem Herzen, rein in den Keller – aufatmen. Es sei denn, es hat etwas geraschelt. (Es gab Mäuse und …?) Dann wurde das Herzpochen zum Herzrasen. Also schnell an das Regal, die Getränke geholt, abgeschlossen und GERANNT. Bis zur Stahltür, die weit aufgerissen, Treppe hoch und dann dieses fiese Gefühl im Nacken, bevor die Tür mit einem saugenden Geräusch ins Schloss fiel. Oh, Gott, ich glaube, ich schwitze gerade bei der Erinnerung. Wer eine große Vorstellungskraft hat, sieht mehr als andere.

Ich bin groß, ich habe keine Angst mehr

Oh,  yeah. Mit der Zeit lernt man, dass es keine Monster gibt, weder im Keller, noch unter dem Bett und das Leben wird ziemlich cool. So mit sechzehn hat man irgendwie vor gar nichts mehr Angst. Die haben jetzt die Eltern, wenn man nachts nicht nach Hause kommt oder auf seinem Motorrad unterwegs ist. Ich bin mit Rucksack nach Griechenland geflogen und in Portugal ausgeraubt worden und zurückgetrampt und irgendwann begriffen, dass ich meiner Mutter viele schlaflose Nächte bereitet habe. Meine Mutter hatte viel Fantasie, sie konnte sich eine Menge Dinge vorstellen, die mir passieren könnten. Aber sie hat auch schöne Dinge fantasiert: Theaterstücke, Kostüme, Events, Projekte. Vorstellungskraft hat zwei Seiten, als Autor kann man beide nutzen.

Fantasie & Bilder

Fantasie wird allgemein als eine kreative Fähigkeit bezeichnet, innere Bilder und Welten zu erschaffen. Achtung: erschaffen heißt nicht kopieren!fantasie -3 Das wird leider oft verwechselt. Wenn ein Autor Werwölfe, Hexen und Vampire in seinem Buch auftauchen lässt, dann hat das erstmal wenig mit Fantasie oder Vorstellungskraft zu tun. Es ist eher Erinnern und Wiederholen. Vorstellungskraft heißt, Situationen oder Welten, Wesen, Eigenschaften und Charaktere zu erschaffen, die die Welt bis dahin noch nicht so gesehen/gelesen hat. Kinder können das sehr einfach, sie sehen in einem kleinen Spielzeugkronleuchter ein ganzes Königreich. Erwachsenen fällt das schwerer, aber im Grunde müssen sie sich nur wieder daran erinnern wie das war als Kind.

 Fantasie & Meisterschaft

Ein großer Autor hat – natürlich – Fantasie, aber noch mehr besitzt er die Fähigkeit, die Vorstellungskraft des Lesers zu wecken. Stephen King ist ein Meister darin. IMG_2780Große Autoren wissen, wie die Fantasie des Lesers belebt wird und sie benutzen ihr stärkstes Werkzeug dafür – die Sprache. Falls ihr euch fragt, warum es so wichtig ist, sich mit der Sprache, ihren Möglichkeiten, ihren Eigenarten und ihren Regeln auszukennen, dann deshalb!

Suspence

Je mehr ihr eure Sprache beherrscht, desto besser könnt ihr den Leser fesseln, eure inneren Bilder in Sprache übersetzen. Ein guter Autor kann einen halbdurchsichtigen Vorhang in einem leeren Hotelzimmer, der leise im Wind weht, so gut beschreiben, dass dem Leser der dunkle Keller wieder einfällt oder die Liebesnacht mit dem ersten Lover. Oder ganz neue Bilder, die es vorher noch gar nicht gab. Das ist Meisterschaft.

Im heutigen Worksheet nehme ich euch mit auf eine Fantasiereise. Wikipedia nennt es ein imaginäres Verfahren, das klingt technisch, meint aber, dass ihr mit Hilfe der Fantasiereise zu inneren Bildern finden könnt, eure Fantasie weckt und etwas über euch und eure (Alb-)Traumbilder herausfindet. Diese Erkenntnisse sind für das Schreiben enorm wichtig, ganz besonders, wenn ihr Bücher schreiben wollt, die  nur ihr schreiben könnt.

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Wer im Beitragsbild einen Fisch oder ein Boot gesehen hat, den beglückwünsche ich zu seiner Fantasie. Es war – nun – ein Bild von meinem Frühstückstisch. Ich mochte die Lichtreflexe :)IMG_3437

Nächste Woche geht es um Schreiben und Film, und wie ich überhaupt von der Kunst zum Schreiben gekommen bin.

Für die kommende Woche wünsche ich euch viel … Fantadu!

Katrin

#rbpub #redbugwriting

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