Von der Idee zum Manuskript

Von der Idee zum Manuskript #3 Charaktere

20. Januar 2016
Sympathische Charaktere

Jede Geschichte braucht eine gute Idee, eine Story. Aber das Herz eurer Geschichte wird immer euer Held oder eure Heldin sein. Er/sie ist der Hauptcharakter und verdient besondere Aufmerksamkeit. Ganz besonders, wenn ihr eure Geschichten aus der ersten Person erzählt, oder, wenn ihr zwar in der dritten Person erzählt, aber einen Charakter zum eindeutigen Hauptcharakter macht (wie J.K. Rowling bei Harry Potter). Mein erster Rat: Macht ihn nett, macht ihn sympathisch. Ich meine nicht: Macht ihn unkompliziert, macht ihn flach. Das auf keinen Fall! Aber erschafft euren Charakter so, dass ihr ihn mögt, versteht, ihm oder ihr vertraut. Dabei geht es (nicht nur) um die Leser, sondern vor allem um euch. IHR müsst die nächste Zeit, wenn ihr eure Geschichte schreibt, mit eurem Charakter verbringen.

Mary Su

Stellt euch vor, ihr seid auf einer Party. Zu wem setzen sich die Leute, wem hören sie gerne zu? Auf wen sind alle Augen gerichtet, wenn getanzt wird, über wen tuscheln alle? Wenn wir im Deutschen sagen, jemand hat Charakter oder er ist ein Charakter, dann meinen wir, er hat eine besondere Qualität. Etwas, das ihn interessant macht oder eigen, eben ganz besonders. Genau diese Qualität braucht der Held eurer Geschichte. Aber stop! Bitte erschafft keine Mary Su. Mary Su ist eigentlich ein Begriff, der aus der Fanfiktion kommt und bedeutet, dass ein Fanfiktion-AutorIn eine eigene Figur in eine Geschichte einbaut. Er wird auch gerne verwendet, wenn man über Buchcharaktere spricht, die einfach zu gut sind, um wahr zu sein. Unglaublich gut aussehende, bescheidene Helden, die keine Fehler haben. Bella Swan (Schöner Schwan …), die Twilight Heldin, hat den Mary Sue Test mit überdurchschnittlicher Punktzahl bestanden. Nun, was ist so falsch daran? Immerhin ist Twilight ein Bestseller! Aber nicht wegen Bella. Ich denke, ohne Mister Edward, den schönen Mann mit der dunklen Seite, wäre die ganze Serie abgestürzt. Und ich denke auch, Bella=Mary Su, ist der Grund, warum es eine so große Anzahl von Twilight-Hassern gibt, und dieses Buch nie den literarischen Olymp der Jugendliteratur erreicht hat.

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Starke Charaktere

Was ich sagen will: Für ein gutes Buch braucht ihr einen starken Charakter. Ein starker Charakter muss weder gutaussehend noch wirklich stark sein und schon gar nicht nur gute Eigenschaften haben. Aber – er muss im Verlauf eurer Geschichte eine Entwicklung durchlaufen, sich verändern. Eine Heldin, die am Anfang eurer Geschichte schüchtern und mutlos ist wird am Ende mutig und selbstbewusst. Wer den Mut hat, sich von einem Ort zu einem anderen zu bewegen – der ist wirklich stark. Innerlich. Wenn er dabei äußerlich auch eine Reise macht – in Ordnung. Wichtiger ist allerdings die innere Entwicklung des Helden.

Tiefe Charktere

„Ich bin so bescheiden, ich muss lernen, mir mehr vom Leben zu nehmen.“ Nein. Gebt eurer Heldin eine wirkliche Schwäche. Traut ihr oder ihm eine richtige, tiefe Charakterentwicklung zu. Klar, wenn ihr – insbesondere die leicht verdauliche Literatur anseht – gibt es diese flachen Charakterentwicklungen massenhaft. Die pumelige Heldin, die aber super ironisch und sarkastisch ist und natürlich wahnsinnsintelligent und am Ende für den Badboy (meist auch eine flache Charakterentwicklung von etwas ungehorsam zu fromm wie ein Lamm) nur noch ein paar Kilo verliert (quasi unterwegs) und sich ganz nebenbei zu einer Schönheit mausert. Nope. Ihr könnt mehr. Seit mutig und lasst eure Helden mit einer wirklichen Schwäche starten. Etwas, das man nicht so leicht ausbügeln kann. Oder gebt ihr oder ihm ein echtes Problem: Selbstsucht, eine schwere Behinderung, Rücksichtslosigkeit. Schickt eure Helden nicht in einen schon halb gewonnen Kampf. Das ist – langweilig.

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Warum ist das gar nicht so einfach?

Jeder Schriftsteller, der sich intensiv mit seinen Helden auseinandersetzt, kennt das: Auf einmal haben sie ihren eigenen Kopf. Machen was sie wollen. Und nicht nur das, manchmal werden eure Haupthelden von starken Nebencharakteren einfach verdrängt. Mir ist das bei meiner Young Adult Novel Flying Moon passiert (an diesem Buch habe ich besonders viel gelernt …). Lasse, der zweite Hauptcharakter aus Flying Moon, sollte eigentlich nur irgendein eitler Filmschauspieler sein, der Moon verführt, bis sie von meinem eigentlichen Helden gerettet wird. Aber – ups – Lasse, als Mistkerl angelegt, interessierte mich auf einmal mehr als alle anderen Figuren aus dem Buch. Der edle Held, der Moon retten sollte – ich habe noch nicht einmal einen Namen für ihn gefunden. Da ich das Buch ohne große Storyline gestartet hatte, musste ich alles umschreiben. Lasse brauchte Platz (und hat dann ja sogar einen eigenen Band bekommen). Warum passiert so etwas?

Du und deine Charaktere

Ich komme noch einmal auf Mary Su zurück. Wenn Fanfiktion-Autoren sich selbst in eine Story einbauen, dann wird das oft eine Mary Su. Also eine besonders perfekte, schöne, alle Männer anziehende, eben perfekte Heldin. Klar, wer wäre nicht gerne wunderhübsch und fehlerlos? Kurz: Autoren neigen dazu, sich mit ihren Helden zu identifizieren und dabei Fehler und Schwächen zu übersehen oder sie erst gar nicht anzulegen. Manche Eltern haben die gleiche Eigenschaft ihren Kindern gegenüber und wie man weiß, führt das meist nicht zu besonders stabilen und starken, sondern eher zu verwöhnten und unsympathischen Charakteren. Da fällt mir doch gleich: Dudley Dursley ein.

Charakterentwicklung

Unbestritten ist, dass die Charaktere, über die man schreibt, etwas mit uns als Autor oder Autorin zu tun haben. Sie sind uns ähnlich. Im Grunde geht es gar nicht anders. Und sie sollten das auch sein, denn dann werden sie für den Leser persönlich, fassbar, echt. Die Kehrseite: Ihr werdet schnell auf einem Auge blind, wenn es um eure Charaktere geht. Es wird richtig interessant, wenn man viele Bücher eines Autors oder einer Autorin liest und feststellt, dass ihre Charaktere zum Beispiel immer dominante Eltern haben oder einen herrschsüchtigen Partner oder sie immer Opfer werden. Klar, niemand kann so schnell aus seiner Haut.

In den heutigen Worksheets habe ich euch daher neben Übungen auch Fragen zu schon bestehenden Buchcharakteren gestellt. Ihr könnt also selber Charakteranalyse betreiben. Wenn ihr gut analysieren könnt, was andere Autoren machen, seid ihr schon auf halbem Weg es selber – genauso gut oder besser – zu machen. Ihr ladet das Arbeitsblatt wieder ganz einfach herunter, indem ihr auf das Bild klickt. Um nicht zu viel zu verraten, hat Isa es blury gemacht, ihr bekommt es ganz scharf und natürlich umsonst.

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Nächste Woche komme ich zum Thema Genre, ein wichtiger Punkt, der euch sowohl beim Schreiben als auch Verlegen eurer Geschichte hilft. Die Bilder von heute sind übrigens aus Casablanca. Für Film gilt nämlich das Gleiche wie für ein Buch: starke Charaktere machen ihn interessant und bei Casablanca findet ihr gute Charaktere und … eine perfekte Charakterentwicklung.

Grüner Tee steht bereit. Cheers, Freunde und bis zur nächsten Woche – Ich freue mich auf euch!

Katrin

#rbpub #redbugwriting #amwriting

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